Arbeitnehmervertreter fordern Eigenständigkeit
Der Essener Spezialchemiekonzern Evonik steht nach dem abgewiesenen Übernahmevorstoß von BASF vor grundlegenden Weichenstellungen. Gestern wandten sich führende Arbeitnehmervertreter mit deutlichen Forderungen an die Belegschaft.
In einem dreiseitigen Schreiben an die Betriebsräte beider Konzerne mahnten IGBCE-Chef Michael Vassiliadis und Alexander Bercht, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender von Evonik, zur Besonnenheit. Schnellschüsse dürfe es bei einer möglichen Transaktion keinesfalls geben.
Größer sei nicht automatisch besser, unterstrichen die Arbeitnehmervertreter laut Berichten von dpa und Handelsblatt. Sie verlangen von der Unternehmensführung einen verbindlichen Zukunftsplan aus eigener Kraft. Bisherige Sparprogramme hätten vor allem Personalabbau organisiert. Künftige Schritte müssten deshalb verlässliche Perspektiven für Standorte und Beschäftigte aufzeigen.
Ablehnung der Milliardenofferte
Das Übernahmeinteresse von BASF war vor gut einer Woche öffentlich geworden. Der Ludwigshafener Konzern bot laut Berichten rund 10,3 Milliarden Euro, was 22,15 Euro je Aktie und einem Aufschlag von rund 23 Prozent entsprach. Das Management von Evonik wies diese Offerte für sämtliche Anteile als unzureichend ab. Direkte Gespräche finden derzeit nicht statt. BASF bezeichnete Fortgang und Ausgang der Sondierungen als offen.
Die Haltung der Belegschaftsvertreter besitzt bei den weiteren Schritten erhebliches Gewicht. Michael Vassiliadis vertritt die Arbeitnehmerseite nicht nur bei Evonik, sondern sitzt auch im Aufsichtsrat von BASF. Die IGBCE stellt unmissverständliche Bedingungen für jede denkbare Einigung. Ohne ein industrielles Gesamtkonzept drohe eine Übernahme vor allem Synergien durch Stellenstreichungen zu suchen.
RAG-Stiftung und Politik im Fokus
Eine Schlüsselrolle kommt zudem der RAG-Stiftung als Ankeraktionär zu. Die Stiftung hält 43 Prozent an Evonik und nutzt die Dividendenausschüttungen zur Finanzierung der Ewigkeitslasten aus dem deutschen Steinkohlebergbau. Vassiliadis gehört auch dem Kuratorium der Stiftung an, das heute in einer Sondersitzung berät. Eine Vorentscheidung über einen Verkauf steht dort zunächst nicht an.
Auch die Politik schaltet sich in die Debatte ein. Die SPD in Nordrhein-Westfalen schlug vor, eine Landesbeteiligung an Evonik zu prüfen, ein solcher Beschluss liegt bislang allerdings nicht vor. Für Investoren verdeutlichen die Wortmeldungen, wie komplex das Umfeld um den Spezialchemiekonzern geworden ist. Das Management treibt parallel einen tiefgreifenden Konzernumbau voran, um die Ertragskraft aus eigener Kraft zu stärken.
An der Börse spiegelt sich die Übernahmephantasie in der Kursentwicklung wider. Gestern schloss das Evonik-Papier bei 21,06 Euro. Damit beläuft sich der Börsenwert des Essener Unternehmens auf 9,74 Milliarden Euro. Ob BASF nach der ersten Abfuhr nachbessert oder Evonik den Weg als eigenständiges Unternehmen weiterverfolgt, bestimmt die künftige Entwicklung.
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