Für Thyssenkrupp-Aktionäre liegt die entscheidende Frage bei tk accelis in der Bewertung der Werkstoffsparte. Die gestern von der Börsen-Zeitung berichteten Einschätzungen reichen von 2,4 Mrd. Euro Unternehmenswert im Basisszenario der Deutschen Bank bis zu rund 3,6 Mrd. Euro einschließlich Schulden bei Jefferies. Der geplante Börsengang macht damit vor allem unterschiedliche Erwartungen an den Wert des Geschäfts sichtbar.
Die Bewertungen sind keine zugesicherten Börsenpreise. Für Anleger ist zudem wichtig, Unternehmenswert und Eigenkapitalwert auseinanderzuhalten. Eine Bewertung einschließlich Schulden lässt sich nicht unmittelbar mit dem Wert der künftig handelbaren Aktien gleichsetzen.
Große Spanne zwischen den Szenarien
Die Deutsche Bank nennt für das Eigenkapital eine mögliche Bewertung von 1,2–3,3 Mrd. Euro. Den strategischen Geschäftswert veranschlagt sie auf über 4 Mrd. Euro. Davon wären nach ihrer Rechnung 0,6 Mrd. Euro Nettoschulden und Pensionsverbindlichkeiten abzuziehen.
Diese Bandbreite zeigt, wie stark die Bewertung vom gewählten Szenario abhängt. Der strategische Wert ist dabei nicht mit einer Prognose für den ersten Börsenkurs gleichzusetzen. Für Thyssenkrupp-Aktionäre bietet er eine zusätzliche Perspektive auf die Beteiligung, aber keinen gesicherten Maßstab für die Erstnotierung.
Die Abspaltungs- und Zulassungskosten beziffert der Prospekt laut Börsen-Zeitung auf rund 75 Mio. Euro. Auch diese Aufwendungen gehören zur wirtschaftlichen Einordnung des Schritts.
Margenziele müssen die Bewertung tragen
Entscheidend für die Tragfähigkeit höherer Bewertungen wird die operative Entwicklung. Der Börsengang allein verbessert weder die Ertragskraft noch garantiert er, dass der Markt einen strategischen Wert anerkennt. Dafür müssen sich die Erwartungen an das Geschäft in den Ergebnissen niederschlagen.
Nach Angaben von Reuters erzielte tk accelis im Geschäftsjahr 2024/2025 einen Umsatz von 11,4 Mrd. Euro. Die bereinigte EBITDA-Marge betrug 2 %. Mittelfristig strebt das Unternehmen eine Marge von 4–5 % an.
Damit setzt die Zielsetzung eine deutliche Verbesserung der Profitabilität voraus. Für Anleger liegt hier der zentrale Prüfstein: Nicht allein die Größe der Sparte, sondern ihre künftige Ertragskraft muss eine anspruchsvollere Bewertung rechtfertigen.
Zusätzlich nennt das Unternehmen mittelfristig ein jährliches Umsatzwachstum von mehr als 4 %. Das ist eine Zielgröße und keine bereits erreichte Entwicklung.
Thyssenkrupp bleibt wirtschaftlich beteiligt
Die Abspaltung bedeutet keinen vollständigen Rückzug aus dem Werkstoffgeschäft. Thyssenkrupp soll Mehrheitsgesellschafter bleiben und das Ergebnis weiterhin konsolidieren. Die künftige Entwicklung von tk accelis bleibt damit auch für die Muttergesellschaft relevant.
Thyssenkrupp behält 51 % der Anteile. Aktionäre sollen automatisch und ohne Zuzahlung für jeweils 20 Thyssenkrupp-Aktien eine Aktie von tk accelis erhalten.
Die Erstnotierung ist für den 28. Oktober 2026 im Prime Standard der Frankfurter Börse geplant. Die Abspaltung soll am 27. Oktober 2026 wirksam werden; die BaFin hat den Prospekt bereits gebilligt.
Für die Aktionäre entstehen damit zwei miteinander verbundene Bewertungsperspektiven: die direkte Beteiligung an tk accelis und die bei Thyssenkrupp verbleibende Mehrheit. Ob die Abspaltung Wert sichtbar macht, entscheidet deshalb nicht nur der Handelsstart. Maßgeblich sind auch die Bewertung der verbleibenden Beteiligung und die Umsetzung der operativen Ziele.
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