Die Rohölpreise haben am Donnerstag wieder deutlich angezogen und die Marke von 100 Dollar pro Barrel überschritten. Verantwortlich für den Preisschub ist das Zusammenspiel aus akuten geopolitischen Risiken im Nahen Osten, anhaltenden Angriffen auf Tankschiffe und schrumpfenden US-Lagerbeständen. Weder politische Dementis noch Freigaben aus staatlichen Notfallreserven konnten den Auftrieb an den Terminmärkten bislang bremsen.
Für die Nordseesorte Brent kostete das Barrel zuletzt 103,84 Dollar, nachdem der Preis im Tagesverlauf in der Spitze bis auf 105,73 Dollar gestiegen war. Die US-Referenzsorte West Texas Intermediate handelte zeitgleich bei 90,96 Dollar. An den Aktienmärkten profitierten die Branchenschwergewichte von dieser Entwicklung: Papiere von Chevron, Shell, BP und TotalEnergies verzeichneten deutliche Kursgewinne.
Angriffe auf Tanker in der Straße von Hormus
Der Hauptgrund für die Nervosität liegt in der Straße von Hormus. Durch diese Meerenge flossen vor dem Konflikt rund 20 Prozent der weltweiten Öl- und Treibstofftransporte. In der vergangenen Woche erreichten die Angriffe auf Handelsschiffe in dem Seeweg einen neuen Höchststand. Am Mittwoch traf es einen Tanker nördlich von Katar, der von mehreren Geschossen beschädigt wurde.
Trotz der Gefahren und spürbar steigender Transportkosten halten die Produzenten ihre Ausfuhren aufrecht, da schlichtweg alternative Routen für den Seetransport fehlen. Saudi-Arabien meldete derweil Vergeltungsangriffe im Jemen, bei denen 82 militärische Ziele der Huthi zerstört worden seien.
Reserven dämpfen das Angebotsdefizit nur kurz
Dazu kommt eine spürbare Verknappung auf der Angebotsseite. Die US-Rohölbestände fielen in der Woche bis zum 2. Oktober um 3,2 Millionen Barrel auf 424,1 Millionen Barrel. Analysten hatten im Vorfeld lediglich ein Minus von 1,7 Millionen Barrel erwartet.
Temporäre Gegenmaßnahmen der Politik verpuffen derweil schnell. Die Internationale Energieagentur beschleunigte zwar die Freigabe von strategischen Ölreserven, um den Preisanstieg bei Treibstoffen abzufedern. Marktbeobachter betonen jedoch, dass solche Lagerabrufe zwar kurzfristig das Angebot ergänzen, aber keine zusätzlichen Förderkapazitäten schaffen. Erschwerend kam hinzu, dass Produzenten im Golf von Mexiko wegen eines Tropensturms ihre Förderung um mehr als 510.000 Barrel pro Tag drosseln mussten.
Zusätzliche Unruhe brachten Berichte über Pentagon-Planungen für mögliche Angriffe auf den Iran vor den US-Zwischenwahlen am 3. November. Aussagen aus Washington, dass vor diesem Datum kein Militärschlag geplant sei, nahmen der Preisrallye im späten Handel zwar etwas die Spitze. Solange die Route durch den Persischen Golf jedoch unter Beschuss steht, bleibt die Risikoprämie fest im Rohölpreis verankert.
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