Sehr geehrte Damen und Herren,
seit Dienstag zählt an der Börse nur noch eine Frage: Wer bezahlt seine Investitionen aus dem eigenen Cashflow? Wenn der Diskontsatz steigt, trägt die Wachstumsstory allein keine Bewertung mehr. Die US-Inflation für September kam am Mittwoch mit 3,7 Prozent heißer als erwartet. Die Erzeugerpreise folgten am Donnerstag mit dem stärksten Anstieg seit viereinhalb Jahren. Binnen zweier Handelstage wurde aus dem KI-Handel ein Stresstest für Bilanzen.
Wer wie ASML Preismacht und ein volles Auftragsbuch bis 2030 vorweisen kann, wurde durchgewunken. Wer wie Siemens Energy an der Finanzierung seiner Kunden hängt, wurde abgestraft, obwohl operativ nichts passiert ist.
ASML: Der Engpass meldet Rekorde und hebt die Preise
Die wichtigste Unternehmensmeldung des Zeitraums kam am Mittwoch aus Veldhoven, und sie beantwortet die Frage nach der Investitionsdisziplin auf ungewöhnliche Weise: ASML will mehr ausgeben, kann die Nachfrage aber trotzdem nicht decken. Der Nettoumsatz im dritten Quartal stieg auf 11,7 Milliarden Euro, nach 9,3 Milliarden im Vorquartal.
Die Bruttomarge von ASML sprang auf 57,5 Prozent. Der berichtete Nettogewinn erreichte 4,96 Milliarden Euro, darin ein Bewertungseffekt von rund 0,5 Milliarden aus der Mistral-Beteiligung. Der freie Cashflow von 11,35 Milliarden Euro im Quartal finanzierte Aktienrückkäufe über 4,1 Milliarden und eine Zwischendividende von 1,88 Euro je Aktie zugleich.
Wichtiger als die Zahlen ist der Ausblick. Die Umsatzprognose für 2026 wurde auf 44 bis 45 Milliarden Euro angehoben, für das vierte Quartal erwartet ASML 14,2 bis 15,2 Milliarden.
Vorstandschef Christophe Fouquet räumte ein, dass die im Juli angekündigten Kapazitätssteigerungen von je 30 Prozent in 2027 und 2028 nicht ausreichen werden. Kunden fragen laut Reuters bereits Lieferungen für 2029 und 2030 an. Die Konsequenz: Preiserhöhungen sind beschlossen, wirken ab 2027 und voll ab 2028.
Das ist die seltene Konstellation, in der ein Zulieferer seine Marge selbst dann verteidigt, wenn die Kunden sparen müssen. Die ASML-Aktie notiert aktuell bei rund 1.477 Euro, nach einem Plus von 60 Prozent seit Jahresbeginn und deutlich unter dem Juni-Hoch von 1.748 Euro.
Der Sektorausverkauf hat auch sie am Donnerstag nicht verschont. Wer im Halbleiterzyklus engagiert bleiben will, findet hier den Wert mit der längsten Visibilität. Billig ist ASML mit einer Marktkapitalisierung von 626 Milliarden Euro allerdings nicht.
Wenn der bekannteste KI-Zulieferer bereits mit 626 Milliarden Euro bewertet ist, rückt die zweite Reihe in den Blick. Ein Spezialreport porträtiert vier KI-Aktien, darunter einen Marktführer der Zukunft, einen Nischen-Monopolisten und einen Spezialisten für Rechenkapazität und Speicherplatz. Spezialreport zu den vier KI-Werten sichern
Siemens Energy: Der Markt verkauft ein fast ausgebuchtes Unternehmen
Die Kehrseite derselben Medaille zeigte sich im DAX. Siemens Energy geriet am Mittwoch und Donnerstag massiv unter Druck und rutschte am Donnerstag zeitweise unter 125 Euro, bevor sich der Kurs erst spät erholte. Aktuell notiert Siemens Energy bei rund 134,50 Euro, weit unter dem April-Hoch von 195,38 Euro, aber seit Jahresbeginn immer noch zwölf Prozent im Plus.
Auslöser war nicht das Unternehmen, sondern sein Kundenkreis. Der US-Cloudanbieter CoreWeave verlor am Mittwoch rund 15 Prozent, seine Anleihen rentieren bei 15 Prozent. Ausstehend sind bei CoreWeave laut LSEG 22 Milliarden Dollar an Bonds plus 26 Milliarden an Krediten. Wenn die Finanzierung der Rechenzentren wackelt, wackelt die Nachfrage nach Turbinen und Netztechnik — so die Marktlogik.
Operativ ist Siemens Energy davon weit entfernt. Der Auftragsbestand von 162 Milliarden Euro deckte Anfang August 87 Prozent des erwarteten Jahresumsatzes ab. Im Quartal April bis Juni stammte nur rund ein Fünftel des Rekord-Auftragseingangs von 17,9 Milliarden Euro aus Rechenzentren.
Das Ergebnis vor Sondereffekten hatte sich in jenem Quartal auf 1,62 Milliarden Euro verdreifacht, die Prognose für das Geschäftsjahr sieht die Marge am oberen Ende von 10 bis 12 Prozent.
Die Analysten sind gespalten. UBS bestätigt Buy mit Ziel 210 Euro und erwartet für das vierte Quartal Auftragseingang und EBITA leicht über Konsens. RBC bleibt bei Outperform und 200 Euro. Die DZ Bank hat ihren fairen Wert zwar von 128 auf 157 Euro angehoben, bleibt aber bei Halten. Mwb research bekräftigt Verkaufen mit 100 Euro und nennt die Bewertung trotz Rückgang zu teuer.
Siemens Energy ist damit zur Wette auf die Dauer des Superzyklus geworden, nicht auf dessen Existenz. Der nächste Prüfstein: die Zahlen zum vierten Quartal am Mittwoch, 11. November.
SAP: Vor den Zahlen zählt die Kostenseite, nicht der Cloud-Backlog
Am Mittwoch, 21. Oktober, legt SAP nach US-Börsenschluss die Zahlen zum dritten Quartal vor. Der Konsens erwartet rund 10,1 Milliarden Euro Umsatz (plus elf Prozent) bei einem Gewinn je Aktie von 1,675 Euro, also ein Prozent weniger als im Vorjahr. Diese Schere ist die eigentliche Geschichte. Das Cloud-Wachstum von erwartet 24 Prozent ist eingepreist, der Backlog soll mit 24 bis 25 Prozent nur leicht langsamer wachsen.
Im zweiten Quartal störten Kosten über Plan durch Neueinstellungen und Token-Forschung. Hinzu kam die gesenkte Gewinnprognose wegen der Übernahmen von Dremio und Prior Labs, die rund 100 Millionen Euro belasten. Zeigt Walldorf am Mittwoch, dass die Kostendisziplin zurück ist, trägt die jüngste Erholung weiter — plus acht Prozent in 30 Tagen, Kurs aktuell knapp über 200 Euro. Wenn nicht, bleibt das Jahresminus von vier Prozent bestehen.
Die Analystenseite ist konstruktiv, aber nicht einhellig. TD Cowen hob das Kursziel am Donnerstag auf 225 Euro (Buy), Morningstar sieht den fairen Wert bei 265 Euro. UBS stufte SAP dagegen wegen Unsicherheiten bei der Einführung von KI-Agenten auf Neutral ab, Ziel 201 Euro.
Dazu kam am Donnerstag ein juristischer Dämpfer. Das Landgericht München I verhängte im Patentstreit mit Celonis ein vorläufiges Vertriebs- und Nutzungsverbot in Deutschland für eine Messtechnologie in Signavio Process Intelligence.
Vollstreckbar ist das Verbot gegen eine Sicherheitsleistung von 900.000 Euro. SAP geht in Berufung und prüft technische Anpassungen. Für die 2021 rund 950 Millionen Euro teure Signavio-Übernahme ist das ein Reputationsschaden, für SAP finanziell vorerst eine Randnotiz.
Zinsen: Die Daten sprechen für Erhöhungen, die Flucht in Anleihen drückt die Renditen
Die paradoxe Marktreaktion der Woche: Trotz heißer Inflationsdaten fielen die Renditen. Die zehnjährige US-Staatsanleihe hatte am Mittwoch ein Hoch bei 5,33 Prozent markiert und rentierte am Donnerstag wieder bei knapp 5,09 Prozent. Die zehnjährige Bundesanleihe sank von 3,48 auf rund 3,4 Prozent, Bund-Futures legten 0,7 Prozent zu.
Treiber war keine Entwarnung, sondern die Umschichtung aus KI-Aktien in sichere Häfen. Das wird die Zinsmärkte nicht dauerhaft stützen. ING erwartet, dass die US-Zehnjahresrendite über fünf Prozent bleibt und wieder Richtung 5,25 bis 5,50 Prozent steigt. Die Terminmärkte sehen für die Fed-Sitzung Ende Oktober mit gut 70 Prozent eine Pause, für Dezember mit rund 90 Prozent einen Zinsschritt. Die Spanne liegt derzeit bei 3,75 bis 4,00 Prozent.
Neu ist die Unsicherheit über die Kommunikation. Fed-Chef Kevin Warsh hat fünf Taskforces eingesetzt und will auf Forward Guidance, also Vorab-Signale zu Zinsentscheidungen, verzichten. Goldman Sachs warnt, dass das die Volatilität am kurzen Ende erhöht. Warshs Rede bei der IWF-Tagung in Bangkok am heutigen Freitag ist deshalb der wichtigste Termin des Tages.
In der Eurozone kommen heute die finalen Inflationsdaten für September. Die Vorabschätzung lag bei 3,8 Prozent nach 3,2 Prozent im August. Nach zwei Erhöhungen in diesem Jahr rechnen die Märkte mit einer Pause Ende Oktober und einem weiteren Schritt im Dezember.
Für Anleiheinvestoren heißt das: Der Renditerückgang dieser Woche ist ein taktisches Fenster, keine Trendwende. Und der Spread zwischen Frankreich und Deutschland steht auf dem höchsten Stand seit Einführung des Euro.
Seoul als Verstärker: Wenn zwei Aktien die Hälfte eines Index stellen
Den heftigsten Ausschlag lieferte am Donnerstag Asien. Der KOSPI verlor 7,6 Prozent, der Handel wurde für 20 Minuten ausgesetzt. Samsung Electronics büßten 9,5 Prozent ein, SK Hynix 11,1 Prozent.
Beide Titel stellen zusammen rund 47 Prozent der Marktkapitalisierung des Index — jeder Zweifel an der KI-Rentabilität wird dort zum Hebel. Ausländer verkauften netto KOSPI-Aktien für 3,6 Billionen Won, umgerechnet etwa 2,4 Milliarden Euro, an einem einzigen Tag.
Die Zweifel haben einen konkreten Anlass. Gartner stellt für 2026 bis 2030 KI-Investitionen von rund 7 Billionen Dollar gegen Rechenzentrumsumsätze von maximal 3,6 Billionen.
Am Freitag folgte die Gegenbewegung: Der KOSPI schloss bei 5.748 Punkten, Samsung legte 2,6 Prozent zu, SK Hynix 0,8 Prozent. Auf 30 Tage bleiben SK Hynix mit minus 28 Prozent und Samsung mit minus 15 Prozent tief im Minus.
Im DAX traf es Infineon als einen der größten Verlierer. Im TecDAX büßte Aixtron am Donnerstag fast 13 Prozent ein, trotz eines vorläufigen Auftragseingangs von rund 275 Millionen Euro bei einem Konsens von 214,6 Millionen.
Am Freitag legt Aixtron bei knapp 35 Euro wieder zu. Das ist die Lehre aus Seoul: Operative Beats schützen in einer Bewertungskorrektur nicht, sie schaffen nur die Basis für den Rebound. Dazu kommt ein Regulierungsrisiko: Taiwan erwägt laut Bloomberg deutlich strengere Exportkontrollen für KI-Chips nach China.
Sieben Billionen Dollar KI-Investitionen stehen im Raum, und wer dem Trend trotz der Bewertungszweifel treu bleiben will, braucht eine belastbare Orientierung. Der Report „Megatrend KI“ stellt die Top 10 der Big-Data-Unternehmen vor und zeigt, wie sich gezielt in Künstliche Intelligenz investieren lässt. Top-10-Big-Data-Werte jetzt kostenlos entdecken
Deutsche Nebenwerte: Margenrutsch wird bestraft, Gewinnschwelle belohnt
Abseits der KI-Debatte liefert die Berichtssaison im Mittelstand bereits klare Signale, und sie passen zum Leitmotiv der Woche. Drägerwerk brach am Donnerstag um rund 17 Prozent ein. Das EBIT im dritten Quartal sank von 56,7 auf 48 Millionen Euro, die Marge von 6,8 auf 5,6 Prozent.
Darin steckten sogar noch 20,1 Millionen Euro Zollrückerstattung als Sondereffekt. Drägerwerk bestätigte die Jahresziele, aber ein bereinigt deutlich verfehltes Quartal kostet in diesem Umfeld keine Prozentpunkte, sondern ein Fünftel des Börsenwerts.
Das Gegenstück lieferte DocMorris am selben Tag. Der Rx-Umsatz wuchs um 78 Prozent zum Vorjahr, Jefferies sieht die operative Gewinnschwelle erreicht, die Jahresprognose wurde angehoben. DocMorris markierte am Donnerstag bei 16,65 Euro ein 52-Wochen-Hoch und steht seit Jahresbeginn 150 Prozent im Plus. Redcare Pharmacy lief im Sog mit.
Flatexdegiro schließlich zeigte, wie Kapitaldisziplin in der Praxis aussieht: ein Aktienrückkauf über bis zu 100 Millionen Euro, angekündigt am Donnerstag. Die Flatexdegiro-Aktie notiert aktuell bei 26 Euro. Drei Fälle, eine Regel: Wer seine Marge hält oder Cash zurückgibt, wird belohnt. Wer sie verfehlt, hat in dieser Phase keine Gnadenfrist.
Das große Bild
Diese Woche hat die Berichtssaison zum Bilanztest gemacht. Nicht die Höhe des Wachstums entscheidet, sondern ob es sich selbst finanziert. ASML zeigt, dass Preismacht in der Lieferkette die Zinsfrage neutralisiert. Siemens Energy zeigt, dass ein volles Auftragsbuch nicht vor der Kreditangst der Kunden schützt. Drägerwerk und DocMorris zeigen, dass der Markt Margen in beide Richtungen mit einer Härte bepreist, die es im Sommer nicht gab.
Bitcoin fiel am Donnerstag kurz unter 80.000 Dollar und erholte sich am Freitag auf rund 82.000 Dollar. Als Risikobarometer steuert die Kryptowährung damit auf die zweite Verlustwoche in Folge zu — der historisch starke Oktober fällt dieses Jahr aus. Brent hält sich dabei über der 100-Dollar-Marke, auch wenn die IEA ihre Notreserven schneller freigibt und Washington Erleichterungen für die Tankerflotte prüft.
Für die kommenden Tage gilt: Warshs Rede heute, die finale Euro-Inflation heute und SAP am Mittwochabend sind die drei Termine, die entscheiden, ob die Erholung vom Freitag mehr ist als eine Verschnaufpause. Mein Rat für die Depotdurchsicht am Wochenende: Fragen Sie bei jeder Position, wer hier wessen Investitionen bezahlt.
