Sehr geehrte Damen und Herren,
eine angehobene Prognose hat DHL am Montag keinen Kursgewinn gebracht. Am Freitagabend hob der Logistiker sein EBIT-Ziel für 2026 auf über 7 Milliarden Euro, am Montag gab die Aktie dennoch nach. Die Woche seit Freitag hat den Blick von den Notenbanken auf die Unternehmensbilanzen gelenkt. SAP legt am Mittwoch die wichtigsten Zahlen des DAX vor.
In den USA entscheiden Meta und Tesla am Mittwochabend darüber, ob der KI-Handel nach seiner schlechtesten Woche seit Monaten einen Boden findet. Meine These: Die Berichtssaison läuft operativ stark, aber der Markt belohnt nur noch Überraschungen, die über das bereits Eingepreiste hinausgehen.
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DHL: Prognose rauf, Kurs runter, der Luftfracht-Bonus erklärt die Skepsis
DHL liefert die bessere Prognose, doch der Markt zweifelt an ihrer Qualität. DHL hat am Freitag nach Börsenschluss die Messlatte für 2026 deutlich höher gelegt. Das Konzern-EBIT soll nun über 7 Milliarden Euro liegen statt über 6,5 Milliarden, der freie Cashflow ohne Zukäufe über 3,2 Milliarden.
Grundlage sind vorläufige Q3-Zahlen mit rund 22,6 Milliarden Euro Umsatz (+12 Prozent) und einem Konzern-EBIT von etwa 1,7 Milliarden Euro (+16 Prozent). Der Treiber sitzt fast ausschließlich in der Express-Sparte, die ihr Quartals-EBIT von 692 Millionen auf gut eine Milliarde Euro steigerte.
Rund 100 Millionen Euro davon stammen allerdings aus der aktuellen Knappheit an Luftfracht-Kapazität. Post & Paket Deutschland lief wegen sinkender Briefmengen rückläufig, die Prognose dort blieb unverändert.
Die Reaktion am Montag war ein klassisches „Sell the news“. Die DHL-Aktie verlor im Tagesverlauf fast 2 Prozent auf rund 57 Euro. Zuvor hatte sie seit Jahresbeginn über 20 Prozent zugelegt und im September ein 52-Wochen-Hoch bei 58,90 Euro markiert. Oddo BHF spricht aus, was der Kurs zeigt: Die Dynamik ist eingepreist.
Die Optimisten halten dagegen. JPMorgan bleibt bei „Overweight“ mit Ziel 65 Euro und rechnet mit 7,2 Milliarden Euro EBIT, der Konsens liegt bei gut 6,9 Milliarden. Die Deutsche Bank hob das Ziel von 62 auf 64 Euro, Bank of America schraubt die EBIT-Schätzung auf 7,14 Milliarden.
Die entscheidende Frage für Anleger lautet, wie viel von der Express-Marge strukturell ist und wie viel Kapazitätsengpass. Antworten liefert der vollständige Q3-Bericht am Donnerstag, 5. November. Bis dahin ist DHL kein Momentum-Kauf mehr, sondern ein Dividendentitel mit einer erwarteten Ausschüttung von 2,00 Euro für 2026.
SAP vor der Cloud-Probe: Kursziel 250 Dollar oder Neutral?
Bei SAP entscheidet am Mittwoch eine Kennzahl über die Richtung: das Wachstum des Cloud-Auftragsbestands. Am Mittwoch um 22:05 Uhr veröffentlicht SAP die Q3-Zahlen, und die Analysten sind ungewöhnlich gespalten.
TD Cowen hat das Kursziel für die US-Notierung am Donnerstag um rund 22 Prozent von 205 auf 250 Dollar angehoben und bestätigt „Buy“ mit Verweis auf anziehende Cloud-Projekte. UBS dagegen stuft mit „Neutral“ und Ziel 201 Euro ein, Begründung ist die erwartete Verlangsamung beim Current Cloud Backlog, dem wichtigsten Frühindikator.
Der Konsens erwartet für Q3 einen Umsatz von rund 10,1 Milliarden Euro (+11 Prozent) und einen Cloud-Umsatz von etwa 6,6 Milliarden Euro (plus rund 25 Prozent). Das bereinigte (Non-IFRS) operative Ergebnis soll über 2,9 Milliarden Euro liegen. Der Backlog soll um 24,7 Prozent wachsen – nach 27 Prozent im Vorquartal wäre das die erste sichtbare Abflachung.
Die SAP-Aktie steht bei knapp 201 Euro und hat in den vergangenen 30 Tagen fast 10 Prozent zugelegt. Auf Jahressicht liegt sie aber noch gut 4 Prozent im Minus und weit unter dem 52-Wochen-Hoch von 242 Euro aus dem Oktober 2025. Mit anderen Worten: Die Erholung vom Juli-Tief bei gut 127 Euro hat die Aktie exakt auf das UBS-Ziel geführt.
Bemerkenswert ist zudem, dass SAP im Chip-Ausverkauf von Donnerstag und Freitag als Stabilisator unter den Tech-Werten fungierte – der Markt sieht Software als defensiveren KI-Anker als Halbleiter. Wie hart es die Chipwerte traf, zeigt Infineon: Die Aktie liegt bei gut 51 Euro, 12 Prozent unter dem Stand von vor einem Monat. Bei Infineon gehen die Meinungen auseinander, Aletheia hebt auf 100 Euro, TD Cowen senkt von 72 auf 60 Euro.
Für SAP-Aktionäre heißt das: Ein Backlog-Wachstum unter 24 Prozent dürfte den Kurs trotz guter Margen drücken, ein Wert über 25 Prozent öffnet den Weg zum durchschnittlichen Kursziel von gut 210 Euro. Die Gesamtjahresprognose von 11,8 bis 12,2 Milliarden Euro Non-IFRS-Betriebsergebnis und der laufende Rückkauf über bis zu 10 Milliarden Euro bilden das Sicherheitsnetz.
Meta, Tesla, Netflix, SpaceX: Gewinne stark, Investitionsrechnung offen
Die Wall Street hat kein Ertragsproblem, sie hat eine offene Investitionsrechnung. Der Nasdaq 100 hatte in der Vorwoche mit minus 5,5 Prozent die schlechteste Woche seit März 2025 hinter sich.
Am Montag folgte eine Gegenbewegung, der Index schloss bei rund 29.500 Punkten und damit noch deutlich unter dem Hoch von Anfang Oktober. Die Berichtssaison selbst ist bislang stark: 85 Prozent der 47 bereits berichtenden S&P-500-Unternehmen übertrafen die Schätzungen, das Gewinnwachstum für Q3 wird auf 29 Prozent taxiert.
Genau hier steht Meta am Mittwochabend im Fokus: Der Konsens erwartet rund 63,3 Milliarden Dollar Umsatz (+24 Prozent) und ein bereinigtes Ergebnis je Aktie von 6,76 Dollar. Entscheidend ist aber die Investitionsprognose von 130 bis 145 Milliarden Dollar für 2026, nahezu eine Verdopplung gegenüber 72,2 Milliarden 2025. Im zweiten Quartal blieb Meta ein freier Cashflow von nur 784 Millionen Dollar.
Morgan Stanley hob das Ziel vorab von 775 auf 820 Dollar, Guggenheim von 700 auf 850 Dollar, gestützt auf den KI-Agenten Muse. Die Optionsmärkte preisen eine Bewegung von bis zu 6 Prozent ein; die Meta-Aktie notiert knapp unter 630 Euro, rund 9 Prozent unter dem erst am 13. Oktober erreichten 52-Wochen-Hoch.
Tesla hat mit 486.532 Auslieferungen im Quartal die Erwartungen von rund 462.000 klar übertroffen. Dennoch rechnet der Konsens mit einem bereinigten Gewinn je Aktie von rund 0,45 Dollar, 10 Prozent unter Vorjahr. Die Schätzungen wurden binnen 90 Tagen um fast 18 Prozent gesenkt. Die Tesla-Aktie liegt seit Jahresbeginn 17 Prozent im Minus.
Bereits heute Abend berichten Netflix und der im Juni an die Börse gegangene SpaceX-Konzern. Bei Netflix liegt das erwartete Ergebnis je Aktie bei 0,82 Dollar (+39 Prozent), dazu kommt der Abbau von rund 1.000 Stellen.
Bei SpaceX erwartet die Wall Street 12,9 Milliarden Dollar Umsatz, davon 6,3 Milliarden aus dem KI-Geschäft, und 15 Cent bereinigtes Ergebnis je Aktie. Bernstein setzt das Ziel bei 248 Dollar – die SpaceX-Aktie handelt bei rund 132 Euro, fast ein Drittel unter dem Juni-Hoch.
CoreWeave als Fieberthermometer: Die KI-Schuldenfrage erreicht den Kreditmarkt
Die eigentliche Verschiebung der Woche fand nicht am Aktien-, sondern am Anleihemarkt statt. CoreWeave verlor in der Vorwoche 25 Prozent. Die Kreditausfallversicherungen implizieren inzwischen eine Ausfallwahrscheinlichkeit von rund 60 Prozent binnen fünf Jahren.
Einzelne Anleihetranchen rentieren über 16 Prozent, bei Schulden von rund 50 Milliarden Dollar. Goldman Sachs stufte am Montag zwar auf „Buy“ hoch, senkte das Ziel aber von 139 auf 106 Dollar. Die CoreWeave-Aktie markierte im frühen Dienstagshandel bei rund 53 Euro ein neues 52-Wochen-Tief.
Dazu passt, dass sich Microsoft aus dem Nscale-Projekt Loughton zurückzieht. Nscale verhandelt laut Bloomberg zugleich über einen 45-Milliarden-Dollar-Deal mit Anthropic. Und 2026 wurden mindestens 47 Großprojekte für US-Rechenzentren verzögert oder blockiert.
Die Konsequenz für Anleger: Der Markt trennt jetzt zwischen Bilanzstärke und Fremdfinanzierung. Amazon sprang am Montag um 5 Prozent, nachdem Morgan Stanley den Titel zum Top Pick mit Ziel 350 Dollar erklärte. Intel legte nach dem JPMorgan-Upgrade auf „Neutral“ (Ziel 85 Dollar) zu, liegt aber nach einem Absturz um 23 Prozent in den letzten 30 Tagen noch weit unter dem Juni-Hoch. Hochverschuldete „Neocloud“-Plattformen bleiben dagegen Spekulation.
Weil der Markt beim KI-Thema inzwischen genau hinsieht, wer wirklich vom Boom profitiert, lohnt eine strukturierte Orientierung: Der kostenlose Report „Megatrend KI“ stellt die Top 10 der Big-Data-Unternehmen vor und zeigt, wie Anleger gezielt in Künstliche Intelligenz investieren können. Report zu den Big-Data-Aktien anfordern
Wer Stabilität sucht, findet sie eher abseits der KI-Infrastruktur. JPMorgan stufte Nestlé am Freitag auf „Overweight“ hoch und hob das Ziel von 90 auf 100 Franken. JPMorgan erwartet für 2027 ein organisches Wachstum von 4,2 Prozent bei 15-fachem KGV, ein defensiver Gegenentwurf zum KI-Lärm. Citi hob Euronext am Montag von „Neutral“ auf „Buy“ und das Ziel von 156 auf 200 Euro.
Die Euronext-Aktie erreichte gegen den schwachen Markt ein 52-Wochen-Hoch von 171,10 Euro und liegt seit Jahresbeginn 31 Prozent im Plus. Börsenbetreiber verdienen an genau der Volatilität, die andere Sektoren belastet. Deutsche Börse plant parallel den 5,3-Milliarden-Euro-Kauf von Allfunds für das erste Halbjahr 2027.
Zinsen, Öl, Sanktionen: Frankreich zahlt 4,9 Prozent, Vonovia nahe dem Jahrestief
Der Renditeanstieg am Anleihemarkt wirkt inzwischen wie eine Zinserhöhung, ohne dass eine Notenbank gehandelt hätte. Die Rendite zehnjähriger französischer Staatsanleihen stieg am Montag nach den Wochenend-Unruhen auf 4,9 Prozent, den höchsten Stand seit 2002. Der Spread zu Bundesanleihen weitete sich auf 147 Basispunkte, der Euro rutschte unter 1,12 Dollar.
EZB-Präsidentin Lagarde erklärte am Samstag in Bangkok, der Anleihe-Ausverkauf dämpfe Wachstum und Inflation stärker als in der September-Projektion unterstellt.
Carsten Brzeski von ING beziffert den Renditeanstieg deutscher Papiere seit September auf die Wirkung einer Zinserhöhung um 25 Basispunkte, für Frankreich auf fast 50. Die EZB dürfte deshalb im Oktober pausieren, der Schritt auf 2,75 Prozent wird für den 17. Dezember erwartet. Die Fed entscheidet am Mittwoch, 28. Oktober, der Markt sieht eine Pause mit rund 86 Prozent Wahrscheinlichkeit.
Der handelbare Verlierer dieser Konstellation steht im DAX. Vonovia notiert bei gut 16 Euro nur knapp über dem 52-Wochen-Tief vom 8. Oktober und liegt 34 Prozent unter dem Stand zu Jahresbeginn. Die erwartete Dividendenrendite von über 7,6 Prozent ist die höchste im Index. Ob diese Rendite ein Kaufargument oder eine Warnung ist, hängt davon ab, ob die Zehnjahresrendite in den USA, am Montag bei 5,14 Prozent, ihren Hochpunkt gesehen hat.
Die zweite Belastung kommt vom Ölpreis, und daran ändert auch Washington wenig. Am Montag setzte US-Präsident Trump per Erlass zahlreiche Russland-Sanktionen für 60 Tage aus und vereinbarte die Freigabe von 300.000 Tonnen Diesel. Die Strafzölle gegen Käufer russischen Öls fallen.
Der Markt las das als Schritt Richtung Waffenruhe: Rheinmetall verlor 2,8 Prozent auf 1.059,80 Euro, nachdem der Titel in der Vorwoche noch 16,5 Prozent gewonnen hatte. Am Auftragsbuch ändert der Erlass vorerst nichts – die Rheinmetall-Aktie handelt Erwartungen, nicht Umsätze.
Brent blieb trotz der Ausnahmeregelung nahe 110 Dollar auf Fünfmonatshoch, weil Angriffe auf Schiffe in der Straße von Hormus die Erholung der Golf-Exporte bremsen. Laut US-Energieministerium liegen die Lieferungen bei rund 80 Prozent des Vorkrisenniveaus. Für den Industriesektor ist das die relevantere Größe: Ein Ölpreis über 100 Dollar frisst Margen, wie der US-Erzeugerpreisindex von 6,3 Prozent zeigt.
Das große Bild
Die Berichtssaison liefert operativ – DHL, die US-Breite, voraussichtlich auch SAP –, doch der Markt zahlt nur noch für Überraschungen jenseits des Konsenses und bestraft jede Investitionslücke, wie die Neoclouds bereits zeigen und Meta am Mittwoch widerlegen muss.
Solange französische und amerikanische Renditen steigen, bleibt eine hohe Dividendenrendite wie bei Vonovia eine offene Wette. Die Entscheidung fällt an zwei Abenden: Netflix und SpaceX heute, SAP, Meta und Tesla am Mittwoch. Der ZEW-Index heute Mittag und die Fed am 28. Oktober sind dagegen Nebenschauplätze.
