Sieben Häuser, eine Kursziel-Spanne von 28,10 bis 40 Euro: Bei der Deutschen Telekom liegen die Analystenschätzungen weit auseinander. Im Zentrum steht T-Mobile US, die Beteiligung, an der mehr als 70 Prozent des Konzernwerts hängen und die mit dem geplanten Frequenzkauf von SpaceX einen möglichen neuen Rivalen bekommt. Soll das Management seine Mittel trotzdem weiter in die US-Tochter lenken? Diese Frage geht direkt an Dieter Jaworski.

Deutsche Telekom (DE0005557508) — Schlusskurse 20.04.2026 bis 15.10.2026, Angaben in EUR. Stand: 15.10.2026.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Sie sehen die Telekom konstruktiv. Dabei hängen mehr als 70 Prozent ihres Marktwerts an einer US-Tochter, die gerade einen ernstzunehmenden Angreifer bekommt. Warum sollte man für dieses Klumpenrisiko überhaupt Geld auf den Tisch legen?
Dieter Jaworski: Weil der Preis für dieses Risiko schon ziemlich niedrig ist. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis, also der Kurs geteilt durch den Gewinn je Aktie, liegt gemessen am bereinigten Gewinn von rund 2,2 Euro, den das Management für 2026 anpeilt, bei knapp zwölf. Für einen Konzern mit dieser Cash-Maschine ist das bescheiden.
Und zu SpaceX: Frequenzen allein bauen noch kein Mobilfunknetz. Der Kauf bei Grain Management ist nicht vollzogen, die FCC muss zustimmen, und wie schnell daraus ein konkurrenzfähiges Angebot wird, weiß heute niemand. Was mich mehr umtreibt, ist eine andere Frage. Was macht die Telekom mit ihrem Geld?
Kapitalmarktexperten Redaktion: Dann konkret: Woran messen Sie das Geschäft, und was muss es liefern?
Dieter Jaworski: Am Free Cashflow AL. Das ist das Geld, das nach Investitionen und nach Leasingzahlungen tatsächlich übrig bleibt. Mit den Halbjahreszahlen im August hat das Management die Prognose dafür auf rund 20 Milliarden Euro angehoben. Das ist eine Menge Holz.
Meine These hält aber nur unter einer Bedingung: Der Großteil dieses Geldes muss in Schuldenabbau und Rückkäufe fließen, denn die Nettoverschuldung ist hoch. Jeder Euro, der stattdessen in eine Aufstockung bei T-Mobile US geht, ist eine zusätzliche Wette auf genau das Risiko, über das gerade alle reden.
Kapitalmarktexperten Redaktion: „Eine zusätzliche Wette auf genau das Risiko, über das gerade alle reden.“ Moment. Die US-Beteiligung ist das Beste, was die Telekom besitzt. Warum soll mehr davon plötzlich schlecht sein?
Dieter Jaworski: Dass T-Mobile US das stärkste Stück im Konzern ist, bestreite ich keine Sekunde. Rund 142 Millionen Kunden, Nummer zwei im US-Markt, Netzkosten verteilt auf eine Basis, von der jeder europäische Wettbewerber nur träumt. Daraus folgt allerdings nicht, dass jeder Nachkauf klug ist.
Ein Konzern, der ohnehin schon den Löwenanteil seines Werts an einer einzigen Beteiligung hängen hat, kauft mit jeder Aufstockung weiteres Klumpenrisiko dazu. Und das zu Preisen, die er nicht selbst setzt. Die Idee eines vollständigen Zusammenschlusses über eine neue Holding kommt noch obendrauf.
US-Abgeordnete haben bereits eine genaue Prüfung angekündigt, und auf deutscher Seite braucht es 75 Prozent Zustimmung der Aktionäre. Der Bund hält rund 30 Prozent. Ohne ihn läuft da gar nichts. Als Option finde ich das reizvoll. Als Plan, der Kapital bindet, eher nicht.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Höttges‘ Bilanz als Kapitalverteiler gilt als ordentlich, aber bei den Insidergeschäften sieht man nur Routine und kleine Verkäufe. Wenn der Vorstand so überzeugt ist, warum kauft niemand mit eigenem Geld?
Dieter Jaworski: Mich stört das weniger, als man meinen könnte. Der Kauf des Chefs kam aus einem Mitarbeiterprogramm, die Verkäufe waren klein, daraus lese ich weder Vertrauen noch Flucht. Wer aber öffentlich vor Starlink warnt, dürfte privat ruhig mal zeigen, wie gelassen er selbst bleibt.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Was müsste passieren, damit Ihre Sicht nicht mehr hält?
Dieter Jaworski: Alles steht auf einer Voraussetzung: Die Cashflows aus den USA bleiben stabil. Höttges hat am Montag ausdrücklich vor Partnerschaften zwischen Mobilfunkanbietern und SpaceX gewarnt, also davor, dass Netzbetreiber Starlink als virtuellem Anbieter Kapazität vermieten. Genau das wäre mein Kippunkt.
Findet SpaceX einen solchen Partner, verkürzt sich der Weg zum konkurrenzfähigen Angebot drastisch, und der Preisdruck landet bei T-Mobile US. Was bliebe dann übrig? Ein deutsches Geschäft mit beeindruckender Stellung bei Geschäftskunden, rund zwei Drittel Marktanteil, und dem größten Glasfaserausbau im Land.
Gleichzeitig drohen mit dem TKG-Änderungsgesetz Open-Access-Pflichten und eine staatlich gesteuerte Kupferabschaltung. Die regionale Entlastung der Bundesnetzagentur in Städten wie Köln oder München hilft, gleicht das aber nicht aus.
Ein solides, reguliertes Infrastrukturgeschäft mit mäßiger Preismacht. Dafür wäre der heutige Kurs ungefähr angemessen. Die Q3-Zahlen am 5. November werden darauf übrigens noch keine Antwort geben, dafür ist das alles zu frisch.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Sie haben Ihr Urteil an eine Bedingung geknüpft: Die rund 20 Milliarden Euro Free Cashflow sollen in Schuldenabbau und Rückkäufe gehen statt in die Aufstockung bei T-Mobile US. Trauen Sie diesem Management diese Disziplin zu, und was folgt daraus für Ihr Urteil?
Dieter Jaworski: Zur Hälfte. Bei Rückkäufen und Ausschüttungen hat Höttges geliefert, beim Thema US-Beteiligung ist er ein Überzeugungstäter. Und Überzeugungstäter zahlen selten zu wenig. Das Geschäft selbst ist gut, die Bewertung verlangt wenig, rund 35 Euro halte ich für ein faires Niveau und liege damit beim Analysten-Konsens.
Wo ich mich davon absetze: Das größte Risiko für diese Aktie sitzt für mich weniger bei SpaceX als im eigenen Haus, nämlich in der Versuchung, gute Cashflows in noch mehr vom selben zu stecken. Solange das Geld zurück an die Aktionäre und in die Bilanz fließt, ist die Asymmetrie freundlich. Fließt es nach Amerika, kaufe ich als Aktionär das Starlink-Risiko gleich doppelt.
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