Ein Research-Haus nennt den geplanten Börsengang von Anthropic den „lächerlichsten des Jahres 2026“. Parallel dazu meldet das Unternehmen Fortschritte beim Schutz seiner Claude-Modelle vor Nachahmern. Zwei Nachrichten, die gegensätzlicher kaum sein könnten.
Streit um die Bewertung
New Constructs rechnet im pessimistischsten Szenario mit einem Eigenkapitalwert von 144 Milliarden US-Dollar. Das liegt rund 93 Prozent unter den mindestens 2 Billionen Dollar, die mehreren Geldgebern Berichten zufolge vorschweben. Anthropic selbst hat kein Bewertungsziel genannt.
Analyst Kyle Guske II rät ausdrücklich davon ab, beim Börsengang zu zeichnen. Sein Reverse-DCF-Modell fragt, welches Geschäft 2 Billionen Dollar voraussetzen würden. Die Antwort: Nach einer Verelffachung des Umsatzes 2026 und einer Verdopplung 2027 müssten die Erlöse bis 2035 jährlich im Schnitt um 56 Prozent wachsen. Der Umsatz läge dann bei 3,6 Billionen Dollar.
Grundsätzlich bezweifelt das Haus das Geschäftsmodell. Open-Source-Modelle drückten die Preissetzungsmacht, die Preise je Token seien gefallen. Hinzu kommen Verpflichtungen von 518 Milliarden Dollar für Rechenleistung, von denen laut Berichten 80 Prozent nicht kündbar sind. Rund ein Viertel des Umsatzes 2025 stammte von zwei Kunden. Dasselbe Etikett verpasste New Constructs 2019 WeWork, der Börsengang wurde damals abgesagt.
Zahlen sprechen eine andere Sprache
Die jüngsten Daten stützen das pessimistische Szenario nicht. Im zweiten Quartal 2026 setzte Anthropic Berichten zufolge mehr als 11,5 Milliarden Dollar um, mindestens das 14-Fache des Vorjahresquartals und mehr als die eigene Prognose.
Für 2028 kalkuliert das Unternehmen mit 190 bis 200 Milliarden Dollar Umsatz. Im Mai sammelte es in einer Finanzierungsrunde 65 Milliarden Dollar bei einer Bewertung von 965 Milliarden Dollar ein.
Die Kehrseite zeigt der Prospektentwurf: 2025 stand ein operativer Verlust von mehr als 8 Milliarden Dollar bei 4,6 Milliarden Dollar Umsatz. Bestätigt sind die Angaben erst mit der Veröffentlichung des Prospekts.
Schutz vor Kopierern
Zusätzlich meldet Anthropic Erfolge gegen sogenannte Distillation-Angriffe, bei denen Rivalen Fähigkeiten von Claude abschöpfen. Neue Schutzmechanismen sollen die extrahierten Daten um 90 bis 99 Prozent gesenkt haben. Die Zahl der abgegriffenen Reasoning-Token sei damit 10- bis 100-mal niedriger als zuvor. Die Fehlalarmquote liege unter 0,1 Prozent.
Zehntausende Konten sperrte das Unternehmen im Zuge dessen. Als Beispiel nennt es den chinesischen Anbieter Z.ai, der beim Training seines Modells GLM-5.3 versucht haben soll, Claude zu destillieren. Z.ai äußerte sich zunächst nicht. Für einen Börsenkandidaten, dessen Wert an der Exklusivität seiner Technologie hängt, ist das ein relevantes Argument.
Zeitplan
Anthropic reichte am 1. Juni vertraulich den S-1-Entwurf bei der SEC ein. Preis und Aktienzahl stehen laut Unternehmen noch nicht fest. Die Roadshow soll Bloomberg zufolge am 9. November beginnen, der Handel könnte vor Thanksgiving am 26. November starten.
Der öffentliche Prospekt liefert dann erstmals geprüfte Angaben zu Margen, Kundenabhängigkeit und Ausgabenverpflichtungen. Die Preisspanne zeigt, wie nah das Angebot an den 2 Billionen Dollar liegt.
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