Der weltgrößte Onlinehändler Amazon setzt zum Auftakt des vierten Quartals auf ein Zusammenspiel aus aggressiver Rabattjagd und massiven Investitionen in Künstliche Intelligenz.
Während das Unternehmen mit den 48-stündigen „Prime Big Deal Days“ die Konsumlaune der Verbraucher anheizen will, rücken an den Finanzmärkten vor allem die immensen Infrastrukturkosten und neue Finanzierungsmodelle in den Mittelpunkt. Im europäischen Handel schloss das Papier gestern bei 227,75 Euro, was einem Tagesplus von 1,6 Prozent entspricht.
Shopping-Event trifft auf Investitionsdruck
Die am gestrigen Dienstag gestartete Rabattaktion für Prime-Mitglieder bildet den Auftakt in das wichtige Jahresendgeschäft. Das 48-stündige Event läuft über 35 Kategorien und umfasst zahlreiche Sonderangebote.
Für den Konzern dient das Format nicht zuletzt dazu, die Frequenz auf der Plattform hochzuhalten und zusätzliche Nutzer in das kostenpflichtige Prime-Abonnement zu ziehen. Über 60 Prozent der Verkäufe im Store stammen nach Unternehmensangaben von unabhängigen Händlern, überwiegend kleinen und mittleren Betrieben.
Gleichzeitig fordern die immensen Ausgaben für den Ausbau der Cloud- und KI-Infrastruktur das Management heraus. Für das Gesamtjahr 2026 plant der Konzern Investitionen in Höhe von rund 220 Milliarden US-Dollar. Im Zentrum stehen dabei Rechenzentren, eigene Halbleiter sowie externe Hochleistungschips.
Neue Wege bei der Hardware-Finanzierung
Um die milliardenschweren Ausgaben abzufedern, prüft der Konzern unkonventionelle Modelle. Laut der Financial Times erwägt Amazon, Nvidia-Chips im Wert von rund 8 Milliarden US-Dollar in eine separate Finanzierungsgesellschaft auszulagern. Die Hardware soll demnach in Rechenzentren mehrerer US-Bundesstaaten eingesetzt und vom Konzern zurückgeleast werden. Eine verbindliche Vereinbarung über das Vorhaben liegt bislang allerdings nicht vor.
Die Cloud-Sparte AWS wuchs im zweiten Quartal 2026 um 37 Prozent auf einen Umsatz von 42,2 Milliarden US-Dollar. Der Auftragsbestand der Sparte lag zur Jahresmitte bei 496 Milliarden US-Dollar, was den anhaltenden Bedarf an massiven Rechenkapazitäten unterstreicht.
Der hohe Kapitalbedarf hinterlässt jedoch Spuren in der Bilanz. Durch die rasant gestiegenen Sachinvestitionen rutschte der freie Cashflow der vergangenen zwölf Monate bis zum Ende des zweiten Quartals mit 7,6 Milliarden US-Dollar in den negativen Bereich. Die langfristigen Verbindlichkeiten beliefen sich zuletzt auf rund 119,1 Milliarden US-Dollar.
Analysten sehen Wendepunkt im KI-Zyklus
Trotz der kurzfristigen Belastung durch die Ausgabenwelle bleiben viele Marktbeobachter optimistisch für die langfristige Ertragskraft. Das Analysehaus Tigress Financial hob sein Kursziel für die Aktie von 315 auf 385 US-Dollar an und bekräftigte die Einstufung auf „Buy“.
Analyst Ivan Feinseth begründete den Schritt mit der Erwartung, dass die Erträge aus dem Investitionszyklus künftig schneller wachsen dürften als das eingesetzte Betriebskapital.
Auch Evercore-Analyst Mark Mahaney traut dem Titel mit einem Kursziel von 355 US-Dollar weiteres Potenzial zu. Breitere Erhebungen an der Wall Street spiegeln dieses Bild wider: Der überwiegende Konsens der Branchenbeobachter stuft das Papier derzeit mit einer Kaufempfehlung ein.
Mit einem Abstand von 8,5 Prozent zum 52-Wochen-Hoch von 249,00 Euro notiert die Aktie weiterhin in Reichweite ihrer Höchststände. Die kommenden Wochen dürften zeigen, ob die starke Nachfrage nach Cloud-Diensten und die Werbeerlöse ausreichen, um die Belastungen durch den historischen Investitionszyklus aufzufangen.
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