Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
selten bewegt eine einzelne Kennzahl einen Aktienkurs derart. Super Micro Computer legte am 21. Juli vorläufige Eckdaten zum vierten Geschäftsquartal vor. Die Bruttomarge fällt fast doppelt so hoch aus wie zuvor vom Unternehmen selbst in Aussicht gestellt. Die Aktie sprang daraufhin um rund ein Viertel nach oben. Bei einem Titel, der seit Monaten zu den größten Verlierern im KI-Sektor zählt, ist das bemerkenswert.
Super Micro überrascht mit einer verdoppelten Bruttomarge
Der Serverhersteller aus San José beziffert die Bruttomarge für das am 30. Juni beendete Quartal auf 15 bis 17 Prozent. Die eigene Prognose hatte zuvor bei 8,2 bis 8,4 Prozent gelegen. Die Bruttomarge zeigt, wie viel vom Umsatz nach Abzug der reinen Herstellkosten übrig bleibt. Genau diese Kennzahl war bei Super Micro das Kernproblem der vergangenen beiden Jahre.
Das Unternehmen baut komplette Serverschränke für KI-Rechenzentren. Der mit Abstand teuerste Bestandteil sind die zugekauften Nvidia-Chips. Wer solche Systeme im Wesentlichen montiert, verdient an jedem Dollar Umsatz wenig. Als Grund für die Verbesserung nennt Super Micro einen günstigeren Kunden- und Produktmix.
Der Umsatz landet dagegen nur am unteren Ende der Spanne von 11,0 bis 12,5 Milliarden Dollar. Diesen Punkt nahmen Anleger gelassen hin. Eine deutlich höhere Marge auf etwas weniger Umsatz ergibt am Ende mehr Gewinn.
Der Auftragsbestand von Super Micro erreicht Rekordniveau
Die zweite Zahl aus dem Zwischenbericht wiegt womöglich schwerer. Im vierten Quartal verbuchte Super Micro neue Bestellungen von mehr als 60 Milliarden Dollar. Der Auftragsbestand erreichte damit zum Ende des Geschäftsjahres einen Rekordwert.
Diese Größenordnung lässt sich einordnen. Im dritten Quartal setzte Super Micro 10,24 Milliarden Dollar um, ein Plus von 123 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Ordereingang eines einzigen Quartals übertrifft damit den Umsatz mehrerer Quartale deutlich.
Das Unternehmen schränkt allerdings selbst ein. Ein Teil dieser Bestellungen stellt keine feste Verpflichtung dar und kann storniert werden. Die Auslieferung verteilt sich zudem über mehrere kommende Quartale. Ein Auftragsbestand ist eine Absichtserklärung, keine gebuchte Umsatzgarantie. Trotzdem verschiebt die Dimension den Blick auf das Geschäftsjahr 2027.
Der KI-Investitionszyklus arbeitet für Super Micro
Der Zeitpunkt der Meldung ist kein Zufall. Am selben Abend erhöhte Alphabet die Investitionsplanung für 2026 erneut. Der Konzern rechnet nun mit Ausgaben von 195 bis 205 Milliarden Dollar. Zuvor hatte die Spanne bei 180 bis 190 Milliarden Dollar gelegen. Für 2027 stellte die Finanzchefin einen weiteren deutlichen Anstieg in Aussicht.
Allein im zweiten Quartal investierte Alphabet 44,9 Milliarden Dollar. Der freie Barmittelzufluss rutschte dadurch ins Minus. Der Auftragsbestand der Cloud-Sparte kletterte auf 514 Milliarden Dollar. Die Nachfrage übersteigt die verfügbare Rechenkapazität weiterhin.
Für Anleger ergibt sich daraus ein wichtiger Zusammenhang. Jeder Dollar, den Alphabet, Meta oder Microsoft zusätzlich in Rechenzentren stecken, muss in Hardware fließen. Ein Teil dieser Summe landet bei Herstellern kompletter Serversysteme. Super Micro gehört in diesem Segment zu den etablierten Adressen. Das Unternehmen liefert schnell und deckt die gesamte Kette vom Board bis zur Flüssigkühlung ab.
Bemerkenswert ist die Reaktion der Börse auf Alphabets Zahlen. Die Aktie des Suchkonzerns gab nachbörslich nach. Investoren zweifeln zunehmend an der Rendite der gewaltigen Investitionen. Für die Zulieferer der Infrastruktur ist genau dieses Ausgabeverhalten jedoch der Umsatz von morgen.
Der Wettbewerb verschärft sich dennoch. Dell hat sich im Geschäft mit KI-Servern als verlässlicher Anbieter etabliert. Der Konzern profitiert vom selben Nachfrageschub. Beide Unternehmen bedienen jedoch einen Markt, der schneller wächst als die verfügbare Fertigungskapazität. Ein einzelner Anbieter kann die Aufträge der Hyperscaler nicht allein abarbeiten. Genau das erklärt, warum Super Micro trotz aller Belastungen Bestellungen in Rekordhöhe erhält.
Die Ermittlungen bleiben das größte Risiko bei Super Micro
Der Grund für den Kursverfall der vergangenen Monate liegt nicht im operativen Geschäft. Im März dieses Jahres machte die Staatsanwaltschaft in New York eine Anklage öffentlich. Sie richtet sich gegen einen Mitgründer von Super Micro und zwei weitere Personen. Der Vorwurf lautet, KI-Server im Wert von rund 2,5 Milliarden Dollar unter Umgehung der US-Exportkontrollen nach China geliefert zu haben. Der Mitgründer bestreitet die Vorwürfe.
Ende Juni durchsuchten taiwanische Ermittler das dortige Büro des Unternehmens sowie mehrere verbundene Firmen. Vier Mitarbeiter wurden befragt und vom Dienst freigestellt. Super Micro erklärt, mit den Behörden zu kooperieren und selbst nicht Ziel der Ermittlungen zu sein.
Schwerer wiegt ein anderer Punkt. Der Verwaltungsrat prüft eigene Transaktionen im Zusammenhang mit den Exportkontrollen unabhängig. Solange diese Prüfung läuft, bleiben die veröffentlichten Zahlen vorläufig und ungeprüft. Anleger erinnern sich an die Bilanzaffäre des Jahres 2024 und den Wechsel des Wirtschaftsprüfers. Dieses Misstrauen sitzt tief und lässt sich nicht mit einer guten Quartalsmeldung ausräumen.
Hinzu kommt die Finanzierungsseite. Das Unternehmen trägt Schulden und Wandelanleihen im Volumen von rund 8,8 Milliarden Dollar. Wandelanleihen können später in Aktien getauscht werden. Für Altaktionäre bedeutet das eine mögliche Verwässerung ihres Anteils.
Die Bewertung von Super Micro spiegelt dieses Misstrauen
Der Kursvergleich innerhalb der Branche fällt drastisch aus. Dell legte im laufenden Jahr um mehr als 200 Prozent zu. Hewlett Packard Enterprise gewann rund 95 Prozent. Super Micro notiert trotz des jüngsten Sprungs unter dem Stand vom Jahresanfang. Auf Sicht von zwölf Monaten steht ein massiver Kursrückgang von etwa der Hälfte zu Buche.
Entsprechend groß ist die Bewertungslücke. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis von Super Micro bewegt sich im niedrigen zweistelligen Bereich. Dell wird mit dem Dreifachen dieses Wertes bezahlt, Hewlett Packard Enterprise mit noch mehr. Auf Basis der erwarteten Gewinne fällt der Abstand noch größer aus.
Solche Abschläge entstehen nicht ohne Grund. Der Markt bewertet Super Micro derzeit nicht als KI-Profiteur, sondern als Fall für Juristen und Prüfer. Wer hier einsteigt, kauft weniger eine Wachstumsstory als eine Wette auf die Bereinigung der Altlasten.
Ein weiterer Faktor erklärt die Heftigkeit der Kursbewegung. Zuletzt waren rund 16 Prozent der ausstehenden Aktien leerverkauft. Leerverkäufer setzen auf fallende Kurse und müssen bei guten Nachrichten zurückkaufen. Das verstärkt Ausschläge nach oben zusätzlich.
Was für Anleger bei Super Micro jetzt zählt
Am 11. August legt Super Micro die endgültigen Zahlen vor. Dann zeigt sich, ob die hohe Bruttomarge Bestand hat. Entscheidend wird zudem der Ausblick auf das Geschäftsjahr 2027. Ebenso wichtig ist jede Aussage zum Stand der internen Prüfung.
Die Kernfrage bei diesem Wert lautet nicht, ob die KI-Nachfrage anhält. Diese Frage haben die Investitionsbudgets der Hyperscaler bereits beantwortet. Die Kernfrage lautet, ob Super Micro seine Governance in den Griff bekommt. Operativ liefert das Unternehmen wieder. Die Kurslücke zur Konkurrenz beschreibt exakt den Preis, den die Börse für dieses Restrisiko verlangt. Wer das Papier beobachtet, sollte den 11. August im Kalender markieren.
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