Am Freitag verzeichnete die Oracle-Aktie ein Kursplus von 2,9 Prozent und schloss bei 126,50 Euro. Für mich ist diese Erholung jedoch kein Grund zur Entwarnung. Hinter der Fassade kurzfristiger Gewinne vollzieht der Konzern einen tiefgreifenden Umbau. Oracle wandelt sich vom margenstarken Softwareriesen zum kapitalintensiven Betreiber von Cloud-Infrastruktur.
Diese Neuausrichtung verändert das gesamte Chance-Risiko-Profil des Konzerns. Anleger blicken fasziniert auf das Thema künstliche Intelligenz. Dieser Wandel erfordert allerdings gewaltige Vorabinvestitionen und bindet das Unternehmen an komplexe Lieferketten. Die Euphorie an den Märkten verdeckt meiner Ansicht nach beträchtliche Risiken.
Großaufträge mit hohem Kapitalbedarf
Wie Reuters unter Berufung auf die Financial Times berichtete, soll Tencent einen Fünfjahresvertrag mit Oracle geschlossen haben. Die Vereinbarung umfasst laut den eingeweihten Personen den Zugriff auf rund 100.000 KI-Chips in südostasiatischen Rechenzentren. Das Gesamtvolumen liegt bei etwa 7 Milliarden Dollar, wovon rund 30 Prozent vorab fällig werden.
Ein solcher Kontrakt belegt das wachsende Interesse internationaler Technologiekonzerne an Oracles Kapazitäten. Gleichzeitig veranschaulicht das Abkommen die veränderten Spielregeln im Cloud-Geschäft. Um derartige Kunden zu bedienen, muss Oracle teure Spezialhardware bereitstellen.
Wenn ein bedeutender Teil des künftigen Wachstums von Großverträgen abhängt, steigt die Verwundbarkeit gegenüber Verzögerungen. Sollte die allgemeine Nachfrage abkühlen, drohen hohe Fixkosten auf den Margen zu lasten.
Energiehunger und operative Hürden
Mit dem Ausbau der Rechenzentren wächst auch der Hunger nach stabiler Grundlast. Um die Stromversorgung abzusichern, kündigte Oracle an, künftig Elektrizität aus dem Kernkraftwerk Point Beach zu beziehen. Die Vereinbarung soll Stromkunden im US-Bundesstaat Wisconsin rund 300 Millionen Dollar an Brennstoffkosten ersparen.
Allerdings steht das Vorhaben noch unter dem Vorbehalt der Genehmigung durch die Public Service Commission of Wisconsin. Für Oracle bedeutet das eine wachsende Abhängigkeit von behördlichen Entscheidungen.
Dass auch Umweltfaktoren die ehrgeizigen Ausbaupläne belasten können, zeigte sich am Campus von Project Jupiter im Süden von New Mexico. Dort erreichten Überschwemmungen das Areal. Oracle und der Partner STACK Infrastructure gaben zwar Entwarnung und meldeten, dass keine kritische Infrastruktur beschädigt wurde. Auch der Zeitplan für den Bau des KI-Rechenzentrums bleibe intakt.
Dennoch verdeutlicht der Vorfall, wie wetteranfällig Großbaustellen für Rechenzentren sind. Parallel dazu erinnerte die Sicherheitslücke in Oracle PeopleSoft vor über einem Monat an Altlasten im klassischen Softwarebereich. Google’s Mandiant berichtete über eine erneute Angriffswelle durch ShinyHunters, die ungesicherte Systeme in mehreren Sektoren ins Visier nahm.
Insider-Kauf und skeptisches Fazit
Inmitten dieser operativen Herausforderungen setzt das Management ein bemerkenswertes Zeichen. Stephen H. Rusckowski, Director bei Oracle, erwarb über seinen Living Trust 25.000 Aktien des Unternehmens am offenen Markt. Dies belegt eine offizielle Pflichtmitteilung an die US-Börsenaufsicht SEC. Ein solcher Zukauf signalisiert dem Markt, dass Führungskräfte auf das langfristige Potenzial vertrauen.
Für mich spricht dieses Insider-Signal durchaus für das Engagement der Führungsebene. Doch ein einzelner Aktienkauf wiegt die tiefgreifenden Risiken der Transformation nicht auf.
Oracle schlüpft zusehends in die Rolle eines Hardware- und Energieinfrastrukturbetreibers. Damit tauscht das Unternehmen die berechenbare Leichtigkeit des Lizenzgeschäfts gegen hohe Kapitalbindung ein. Unterm Strich überwiegen für mich derzeit die Ausführungsrisiken. Solange nicht bewiesen ist, dass die neuen KI-Aufträge die Margen stützen, mahnt die Lage zur Vorsicht.
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