Wer in der aktuellen Phase des KI-Booms nach einfachen Gewissheiten sucht, wird an der Börse enttäuscht. Kaum ein Wert spaltet die Gemüter der Marktbeobachter derzeit so sehr wie Nebius. Während einige Häuser Kursziele von über 300 oder gar 400 US-Dollar ausrufen, warnen skeptischere Stimmen vor überzogenen Erwartungen und vergeben Verkaufsempfehlungen mit drastisch niedrigeren Zielmarken.
Doch die jüngsten operativen Weichenstellungen zeigen für mich ein klares Bild: Nebius wächst nicht nur rasant, sondern investiert gezielt in die entscheidende Schwachstelle der gesamten Branche – die reale Auslastung teurer Rechenleistung.
Am Freitag legte das Papier zum Handelsschluss um 4,3 Prozent auf 215,65 Euro zu. Seit Jahresbeginn summiert sich der Kursgewinn damit bereits auf 193 Prozent. Eine solche Rallye weckt naturgemäß Höhenangst. Doch hinter der Kursdynamik steckt eine fundamentale Expansionsstrategie, die weit über das bloße Aufstellen von Hardware hinausgeht.
Gezielter Zukauf gegen die Inferenz-Kostenfalle
Den strategisch wichtigsten Schritt markiert für mich die Übernahme des israelischen Start-ups Inferize für geschätzte 100 bis 150 Millionen US-Dollar. Auf den ersten Blick wirkt der Kaufpreis für eine erst vor zehn Monaten gegründete Firma mit 17 Beschäftigten ambitioniert. Inhaltlich trifft die Transaktion jedoch den Kern des Problems, mit dem KI-Infrastrukturanbieter künftig konfrontiert sind.
Die von Inferize entwickelte Software zielt darauf ab, den Leerlauf von Grafikprozessoren bei schwankender Nachfrage zu minimieren und damit die Kosten je KI-Anfrage spürbar zu senken. In einer Phase, in der Cloud-Anbieter hunderte Millionen in Nvidia-Beschleuniger pumpen, wird die softwareseitige Optimierung zum entscheidenden Hebel für die operative Marge.
Wenn Rechenzentren teure Beschleunigerkarten ungenutzt im Leerlauf halten, verbrennt das Kapital. Dass Inferize künftig in Nebius’ eigene Token Factory integriert wird, stärkt das Leistungsversprechen gegenüber Großkunden maßgeblich.
Gewaltige Kapazitäten und spürbare Preissetzungsmacht
Parallel dazu treibt das Management um CEO Arkady Volozh den physischen Ausbau der Recheninfrastruktur in beachtlichem Tempo voran. In Lappeenranta, Finnland, plant Nebius ein neues KI-Rechenzentrum mit bis zu 310 Megawatt Kapazität, dessen Projektwert bei über 10 Milliarden US-Dollar liegt und das 2027 den Kundenbetrieb aufnehmen soll. Es wäre das bislang größte Vorhaben des Unternehmens außerhalb der USA.
Bis zum Jahresende beabsichtigt Nebius bereits 800 Megawatt bis 1 Gigawatt an Leistungskapazität in Betrieb zu haben, während insgesamt 4 Gigawatt Rechenkapazität reserviert sind.
Dass diese Kapazitäten am Markt auf reelle Nachfrage treffen, belegt die jüngste Preispolitik. Zum 1. Oktober traten bei Nebius neue On-Demand-Preise für Nvidia-Systeme in Kraft: Die Stundensätze für HGX H100 kletterten von 3,85 auf 4,50 US-Dollar, für modernere B200-Modelle von 7,15 auf 8,50 US-Dollar und für B300-Systeme sogar um rund 21 Prozent auf 9,50 US-Dollar.
Wer in der Lage ist, solche Preissteigerungen bei Spitzenchips am Markt durchzusetzen, verfügt über echte Preissetzungsmacht. Das relativiert die Sorgen um kurzfristigen Margendruck deutlich.
Skeptiker unterschätzen den Infrastruktur-Burggraben
Natürlich bleiben Risiken bestehen. Die Bewertung verzeiht kaum operative Fehltritte, und die Analystenlandschaft bleibt tief gespalten. Während Northland mit Kurszielen über 400 US-Dollar und BNP Paribas mit Zielen über 390 US-Dollar massives Aufwärtspotenzial sehen, stuft Rothschild & Co Redburn das Papier mit „Sell“ und einem Kursziel von lediglich 84 US-Dollar ein.
Aus meiner Sicht greift der extreme Pessimismus jedoch zu kurz. Nebius verbindet die Sicherung gigantischer Energie- und Rechenkapazitäten mit technologischer Spezialisierung. Wer Hardwareeinkauf, eigene Rechenzentrumsplanung und intelligente Auslastungssoftware miteinander verzahnt, baut einen belastbaren Wettbewerbsvorteil auf.
Die Transformation von reinen Rechenzeitvermietern hin zu integrierten Laufzeitumgebungen für KI-Modelle hat gerade erst begonnen. Nebius positioniert sich hierfür genau an der richtigen Stelle. Die Chancen für langfristig orientierte Anleger überwiegen die Bewertungsrisiken daher weiterhin.
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