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Im Bild: Dieter Jaworski
Interviewmit Dieter Jaworski

Bayer Aktie: Eine Jury in Missouri ist für Bayers Bewertung nur ein Datenpunkt

Dieter Jaworski sieht die Zahl offener US-Klagen und Bayers Pharmagewinn 2027 als zentrale Bewertungsfaktoren.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • Rund 65.000 US-Klagen noch offen
  • Vergleichsangebot umfasst 7,25 Milliarden Dollar
  • Bayer bestätigt Gewinnziel für 2026
  • Ohio-Werk soll ab 2027 entstehen

Hält Bayers Verteidigungslinie im Glyphosat-Komplex, wenn in Missouri seit dem 29. September eine Klage über Produktdesign verhandelt wird, die das Supreme-Court-Urteil vom Juni gar nicht erfasst?

Davon hängt ab, wie viele der rund 65.000 offenen US-Klagen das Vergleichsangebot über 7,25 Milliarden Dollar tatsächlich abräumt. Und damit auch, wie lange der Markt den Leverkusener Konzern deutlich unter der Summe seiner Teile bewertet. Dazu Dieter Jaworski.

Bayer (DE000BAY0017) — Schlusskurse 07.04.2026 bis 02.10.2026, Angaben in EUR. Stand: 02.10.2026.

Bayer (DE000BAY0017) — Schlusskurse 07.04.2026 bis 02.10.2026, Angaben in EUR. Stand: 02.10.2026.

Kapitalmarktexperten Redaktion: Drei Krebspatientinnen ziehen in Missouri gegen Monsanto vor Gericht, und zwar mit einem Argument, das der Supreme Court gar nicht berührt hat. Ist das der Prozess, der Bayers gesamte Glyphosat-Strategie aushebeln kann?

Dieter Jaworski: Er ist gefährlicher, als die Schlagzeilen vermuten lassen. Die Klägerinnen argumentieren mit unzureichenden Tests, also mit dem Design des Produkts. Das Urteil vom Juni betraf die Kennzeichnungspflicht.

Gewinnen sie, haben die Kanzleien hinter den übrigen Klagen eine Blaupause, und das Vergleichsangebot über 7,25 Milliarden Dollar taugt dann höchstens noch als Eröffnungsgebot. Ein einzelnes Urteil überbewerte ich trotzdem nicht. Eine Jury in Missouri ist ein Datenpunkt. Für die Bewertung zählt das Muster, das sich über mehrere Verfahren ergibt.

Der Markt hat sich darauf längst eingestellt. Wenn man die Sparten einzeln bewertet und addiert, die sogenannte Summe der Teile, landet man bei einem Eigenkapitalwert von rund 69,5 Milliarden Euro. An der Börse ist Bayer etwa 45 Milliarden wert. Diese Lücke ist der Preis, den Investoren für Rechtsrisiken und Verschuldung verlangen. Großzügig bemessen, finde ich.

Kapitalmarktexperten Redaktion: Dass der Markt das Schlimmste schon eingepreist habe, hat man bei Bayer in den letzten Jahren ziemlich oft gehört. Warum sollte es diesmal stimmen?

Dieter Jaworski: Oft genug, ja. Wer Bayer für ausgebombt hielt, hat sich mehrmals die Finger verbrannt. Deshalb verlasse ich mich nicht auf mein Gefühl, dass es jetzt reicht. Ich will es an Urteilen und Vergleichen ablesen können.

Kapitalmarktexperten Redaktion: Lassen wir Glyphosat kurz beiseite. Was ist das operative Geschäft überhaupt wert, wenn im Pharmabereich die Patente wegbrechen?

Dieter Jaworski: Hier liegt für mich der unterschätzte Teil der Geschichte. Bayer peilt für 2026 ein bereinigtes Ergebnis je Aktie von 4,20 bis 4,70 Euro an und hat das mit den Zahlen zum zweiten Quartal, Stichtag 30. Juni, bestätigt. Beim aktuellen Kurs zahlt man damit grob das Zehnfache des Gewinns. Das ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis, also die Zahl der Jahresgewinne, die im Preis stecken.

Auf den ersten Blick wirkt das billig. Allerdings zehrt 2026 noch von Xarelto, obwohl dessen zentrales Dosierungspatent im Januar 2026 ausgelaufen ist. Das Mittel hat 2023 mehr als vier Milliarden Euro umgesetzt. Bei Eylea droht in den USA ab dem vierten Quartal 2026 Konkurrenz durch Biosimilars, also Nachahmer biologischer Arzneien.

Meine Bedingung ist deshalb eng gefasst: Das Zehnfache ist nur dann günstig, wenn der bereinigte Gewinn 2027 nicht unter das untere Ende dieser Spanne rutscht. Eine offizielle Prognose für 2027 gibt es nicht. Die Zulassung von Kerendia bei Typ-1-Diabetes und die beschleunigte Prüfung von Lynkuet sind erfreulich. Einen Umsatzträger von Xareltos Format ersetzen sie so bald nicht.

Kapitalmarktexperten Redaktion: Bayer holt sich zwei Milliarden Euro über Hybridanleihen und kündigt im selben Atemzug 2,2 Milliarden Dollar für ein Pharmawerk in Ohio an. Ein hoch verschuldeter Konzern mit offener Glyphosat-Front baut auf Pump. Wie passt das zu Ihrer Bewertungsdisziplin?

Dieter Jaworski: Hier landen zwei Vorgänge in einem Topf, die zeitlich und sachlich kaum etwas miteinander zu tun haben. Die Hybridanleihen sind sehr lang laufendes, nachrangiges Kapital, eine Zwischenform zwischen Schulden und Eigenkapital. Damit stehen jetzt 6,55 Milliarden Euro aus. Das ist Bilanzpflege.

Bayer verteidigt damit seine Bonität und vermeidet, die Aktionäre über eine Kapitalerhöhung zu verwässern. Teuer ist das trotzdem, Nachrang kostet Zins. Ohio ist eine völlig andere Baustelle. Baubeginn ist Mitte 2027, die Produktion soll 2031 und 2034 anlaufen.

Das Geld fließt also über viele Jahre ab und hat mit der Liquidität dieses Herbstes wenig zu tun. Ob sich das Werk rechnet, kann heute niemand seriös sagen. Es ist eine Wette darauf, dass die Pharmasparte nach der Patentklippe wieder etwas zu produzieren hat, das sich lohnt.

Kapitalmarktexperten Redaktion: Sie sagten vorhin: „Der Markt hat sich darauf längst eingestellt.“ Die Rechtsrückstellungen wurden aber erst auf 11,8 Milliarden Euro angehoben, davon 9,6 Milliarden für Glyphosat. Woher nehmen Sie die Sicherheit, dass das Ende erreicht ist?

Dieter Jaworski: Die habe ich nicht. Ich sage nur, dass der Abschlag an der Börse über die gebuchten Rückstellungen hinaus einen zusätzlichen Puffer enthält, weil die Bilanz die Haftung bloß teilweise abbildet.

Ob der Puffer reicht, lese ich an einer einzigen Größe ab, nämlich an der Zahl der offenen US-Klagen. Rund 65.000 sind es noch. Greift das Vergleichsangebot, muss diese Zahl in den kommenden Quartalen sichtbar sinken, ohne dass Bayer den Topf nachfüllt.

Schwenken die Kanzleien nach Missouri dagegen massenhaft auf die Design-Argumentation um und die Zahl steigt wieder, dann liege ich falsch. Und zwar deutlich. Die Neubewertung von Glyphosat durch die EPA, die Ende 2026 abgeschlossen sein soll, ist der zweite Prüfstein. Wichtiger bleibt die Klagezahl.

Kapitalmarktexperten Redaktion: Sie nennen das Zehnfache des bereinigten Gewinns nur dann günstig, wenn der Gewinn 2027 nicht unter das untere Ende der Spanne fällt. Glauben Sie daran? Und ist Bayer damit für Sie billig oder nur scheinbar billig?

Dieter Jaworski: Ich halte es für knapp wahrscheinlich, mehr nicht. Die Lichtblicke in der Pipeline müssen den Erosionsdruck bei Xarelto und Eylea ziemlich genau auffangen, und dafür gibt es noch keinen Beleg. Mein faires Niveau liegt bei rund 62 Euro und damit praktisch beim Analysten-Konsens. Wo ich mich vom Konsens unterscheide, ist die Gewichtung.

Alle schauen auf die Jury in Missouri. Den größeren Hebel auf den Wert sehe ich im Pharmagewinn des kommenden Jahres. Der Rechtsabschlag kann in Stufen schmelzen, sobald die Klagezahl fällt. Die Patentklippe dagegen schmilzt nicht. Sie muss überbrückt werden, und genau diese Brücke steht noch nicht.

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Dieter Jaworski

Chefredakteur „Smart Trading“, Senior-Analyst bei GeVestor und Architekt der Strategie „Einfach – Intelligent – Investieren“

Über Dieter Jaworski

Dieter Jaworski ist ein renommierter Finanzexperte mit über 40 Jahren Erfahrung in der Aktienanalyse und im Vermögensaufbau. Als Chefredakteur von „Smart Trading“ und Senior-Analyst bei der GeVestor Financial Publishing Group liefert er präzise Analysen und fundierte Anlagestrategien. Seine Philosophie „Einfach – Intelligent – Investieren“ kombiniert tiefes Unternehmenswissen mit einer klaren Fokussierung auf fundamentale Kennzahlen wie Umsatz, Gewinn, Cashflow und Dividenden. Ob Einsteiger oder erfahrener Investor – Jaworski zeigt, wie man langfristig Vermögen aufbaut, ohne unnötige Risiken einzugehen.

Von der Zahlenbegeisterung zum Börsenprofi

Schon als Kind faszinierten Jaworski Zahlen und logisches Denken. Während seine Mitschüler noch übten, rechnete er bereits mit Leichtigkeit. Diese Leidenschaft prägte seinen Weg: Mit dem ersten Taschengeld plante er, Vermögen aufzubauen, und legte Weihnachtsgeld auf dem Sparbuch an – unüberlegte Ausgaben waren nie sein Stil. Während seines Elektrotechnik-Studiums, das er 1980 nach nur vier Jahren abschloss, vertiefte er sich privat in die Welt der Aktien. Statt auf Anlageberater zu vertrauen, eignete er sich umfassendes Wissen über Märkte und Strategien an.

Einblicke aus der Unternehmenswelt

Nach seinem Studium startete Jaworski bei Siemens, wo er 29 Jahre lang tätig war. Von der Planung globaler Netzwerke in Peking, Chile und den Philippinen bis zur Leitung großer Projekte in Deutschland sammelte er einzigartige Einblicke in die Strukturen großer Konzerne. Diese Erfahrung ist heute sein Markenzeichen: Jaworski weiß, wie Vorstände denken, wie Pressemeldungen zu deuten sind und welche Kennzahlen die Zukunft eines Unternehmens verraten. „Ich kenne die Unternehmen von innen“, sagt er – ein Wissen, das seine Analysen unschätzbar macht.

Erfahrung, die zählt: 29 Jahre bei Siemens, internationale Projekte und tiefes Verständnis für Unternehmensstrukturen machen Jaworski zu einem einzigartigen Analysten.

Professionelle Analyse seit 2002

Seit 2002 ist Jaworski professionell als Aktienanalyst tätig, zunächst bei Gelfarth & Dröge sowie als Gutachter für den Verlag für die Deutsche Wirtschaft. 2007 verließ er Siemens, um sich voll und ganz der Geldanlage zu widmen. Seine Analysen basieren auf einer klaren Maxime: Sicherheit durch fundamentale Daten, ergänzt durch das Potenzial wachstumsstarker Unternehmen. Seit 2014 setzt er seine Strategie erfolgreich im Wikifolio „2M – Market Momentum“ um, das sich durch Stabilität und Rendite auszeichnet.

Aus Fehlern lernen

Jaworski ist kein Theoretiker – er kennt die Höhen und Tiefen der Börse aus eigener Erfahrung. Während der Dotcom-Blase 2000 verlor er die Hälfte seines Kapitals, weil er auf Versprechungen statt Zahlen setzte. Diese Erfahrung prägte seinen Leitsatz: „Gier frisst Hirn“. Heute setzt er auf ein ausbalanciertes Depot aus „großen Dampfern“ für Sicherheit und „kleinen Schnellbooten“ für Wachstum – eine Strategie, die Anlegern Stabilität und Chancen bietet.

Warum Dieter Jaworski?

Mit Vorträgen auf Events wie dem Dresdner Börsentag und regelmäßigen Beiträgen bei GeVestor ist Jaworski eine feste Größe in der Finanzwelt. Seine Analysen sind praxisnah, seine Strategien erprobt. Ob Geschäftsberichte, Marktbeobachtungen oder innovative Anlagemodelle – Jaworski bleibt am Puls der Zeit. Für ihn ist die Börse kein Zockerspiel, sondern ein Handwerk, das Wissen und Disziplin erfordert.