Die Aktionäre des Faserherstellers Lenzing erlebten am Freitag ein böses Erwachen: Ein Kurssturz um 28 Prozent drückte die Notierung auf 14,02 Euro. Der massive Rückschlag am letzten Handelstag der Woche hatte handfeste Auslöser.
Neben dem ersten Handelstag ex Bezugsrecht sorgte eine drastische Abstufung durch das Analysehaus Berenberg für heftigen Verkaufsdruck. Für mich zeigt sich an diesem Tag exemplarisch, wie schmerzhaft die Kombination aus bilanzieller Verwässerung und schwindendem Marktvertrauen für Bestandsaktionäre sein kann.
Mechanischer Abschlag trifft auf Analystenskepsis
Ein erheblicher Teil des gestrigen Kursverlusts erklärt sich durch die reine Rechenlogik des Marktes. Lenzing hatte tags zuvor die Eckpunkte einer Barkapitalerhöhung im Volumen von rund 300 Millionen Euro festgelegt.
Mit der Ausgabe von 34.756.362 neuen Aktien erhöht sich das Grundkapital deutlich von gut 40,1 Millionen auf rund 76,2 Millionen Euro. Dass der Bezugspreis von 8,65 Euro je Aktie mit einem Abschlag von 42,50 Prozent zum theoretischen Wert ohne Bezugsrecht angesetzt wurde, verdeutlicht den Druck, unter dem die Rekapitalisierung steht.
Dass der Handel am Freitag ex Bezugsrecht startete, führte rein rechnerisch zu einer sofortigen Preisanpassung im Orderbuch. Doch die Marktreaktion ging weit über diese rein mathematische Nivellierung hinaus.
Verantwortlich dafür war nicht zuletzt Berenberg. Die Privatbank strich am Freitag ihre Kaufempfehlung und stufte das Papier von „Buy“ auf „Hold“ herab. Gleichzeitig senkten die Analysten ihr Kursziel drastisch von 29,50 auf 17,00 Euro zusammen.
Aus meiner Sicht wiegt diese Neubewertung ungleich schwerer als der reine Bezugsrechtseffekt: Wenn ein Analysehaus den fairen Wert auf einen Schlag um mehr als 40 Prozent nach unten korrigiert, verliert die bisherige Erholungsstory ihr Fundament.
Zweifel an der operativen Wende
Berenberg begründete den Schritt mit einer anhaltenden operativen Flaute. Zwar zogen die Preise für Viskose und Baumwolle an, doch dieser Rückenwind schlug sich nach Einschätzung der Analysten keineswegs wie erhofft im Betriebsergebnis von Lenzing nieder. Medienberichten zufolge senkte das Haus zudem seine EBITDA-Prognose für 2026 auf 55 Millionen Euro und verwies auf drohende Belastungen durch Rohstoffkosten und Restrukturierungen.
Hinzu kommt eine wachsende Skepsis bezüglich der künftigen Aktionärsstruktur. Zwar haben sich die Kernaktionäre – die B&C-Gruppe, der brasilianische Großaktionär Suzano S.A. sowie die Oberbank AG – verpflichtet, ihre Bezugsrechte im Rahmen der Kapitalmaßnahme vollständig auszuüben. Das sichert die Durchführung der 300-Millionen-Euro-Transaktion ab. Doch am Markt mehren sich laut Berenberg Zweifel, ob sich Suzano über die bestehenden Rechte hinaus weiter engagieren wird.
Ein Blick auf das Chartbild verdeutlicht das Ausmaß der Vertrauenskrise: Mit dem gestrigen Einbruch markierte das Papier bei 13,68 Euro ein neues 52-Wochen-Tief. Der Abstand zum 52-Wochen-Hoch von 29,75 Euro beläuft sich inzwischen auf 53 Prozent.
Kapital steht, Vertrauen fehlt
Aus Anlegersicht bringt die Barkapitalerhöhung Licht und Schatten. Auf der Habenseite steht die garantierte Liquiditätszufuhr. Durch das Bezugsverhältnis von 10 zu 9 und die feste Zusage der Großaktionäre ist das angestrebte Volumen von 300 Millionen Euro wasserdicht hinterlegt. Die Bezugsfrist startet am Dienstag, dem 6. Oktober, und läuft bis zum 20. Oktober. Der Handel der Bezugsrechte ist für den Zeitraum vom 6. bis zum 14. Oktober angesetzt.
Unterm Strich steht der Konzern dennoch vor einer Herkulesaufgabe. Die Kapitalerhöhung verschafft Lenzing dringend benötigte finanzielle Luft und repariert die Bilanz. Sie löst jedoch keines der operativen Grundprobleme, die Berenberg so schonungslos herausgestellt hat.
Wenn steigende Faserpreise nicht mehr ausreichen, um Margen und Erträge spürbar anzukurbeln, greift die Krise tiefer als bloß in die Liquidität. Für engagierte Anleger dürften die kommenden Wochen der Bezugsfrist ungemütlich bleiben: Die Aktie sucht nach dem doppelten Dämpfer erst noch ihren Boden.
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