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Jackson Hole: Warsh schweigt sich durch, Frankfurt hat längst entschieden

Vor Warshs Jackson-Hole-Rede bleibt die US-Geldpolitik offen, während Märkte eine EZB-Zinserhöhung im September nahezu vollständig einpreisen.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • PCE-Inflation verharrt über Fed-Ziel
  • Bessent senkt langfristige Treasury-Renditen
  • EZB-Zinsschritt im September fast eingepreist
  • Nvidia überzeugt, Marvell enttäuscht Anleger

Sehr geehrte Damen und Herren,

um 16:00 Uhr MESZ tritt Fed-Chef Kevin Warsh heute erstmals in Jackson Hole ans Pult – und die Erwartung an diesen Auftritt ist paradox hoch für einen Mann, der die klassische Forward Guidance gerade abgeschafft hat. Während die Marktteilnehmer die vergangenen Tage mit zähen Inflationsdaten, hawkischen Wortmeldungen aus der Fed und einer beispiellosen Anleihe-Intervention des US-Finanzministeriums verbracht haben, hat die EZB ihren Kurs für September bereits de facto festgezurrt. Und die Berichtssaison der KI-Schwergewichte zeigt: Selbst in einem Boom-Sektor wird nicht mehr jede Zahl automatisch belohnt.

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Der Warm-up vor Warsh: PCE bleibt zäh, die Falken werden lauter

Der PCE-Preisindex für Juli, am Donnerstag veröffentlicht, verharrte bei 3,7 Prozent im Jahresvergleich, die Kernrate bei 3,3 Prozent – beide exakt auf Vormonatsniveau und beide seit 65 Monaten über dem 2-Prozent-Ziel der Fed. Die realen Konsumausgaben stagnierten nahezu, mit 0 Prozent im Monatsvergleich. Die Terminmärkte reagierten prompt: Die von CME FedWatch abgeleitete Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung im September sprang nach der Datenveröffentlichung von zuvor 38 bis 40 Prozent auf 44 Prozent. Drei regionale Fed-Präsidenten hatten bereits am 29. Juli für eine straffere Geldpolitik votiert – ein Hinweis darauf, dass der Offenmarktausschuss intern längst nicht so geschlossen ist, wie die Zinspause bei 3,50 bis 3,75 Prozent suggeriert.

Warsh selbst hat diese Leerstelle nicht gefüllt, sondern vertieft: Statt klassischer Forward Guidance lässt seine Fed in Task-Forces KI-Auswirkungen, Datenquellen, Bilanzpolitik und den Inflationsrahmen neu prüfen. Für Anleger bedeutet das: Die heutige Rede ist keine Bestätigung eines bereits eingepreisten Pfads, sondern der eigentliche Preisbildungsmoment. Volatilität um den Auftritt herum ist das wahrscheinlichste Szenario – nicht Klarheit.

Bessents Anleihe-Rettung wirkt – aber nur symptomatisch

Parallel zur Inflationsdebatte hat US-Finanzminister Scott Bessent mit einer verdoppelten Rückkaufquote längerfristiger Staatsanleihen sichtbar Wirkung erzielt: mindestens 4 Milliarden Dollar pro Operation, angesetzt für September bis November. Die Rendite 30-jähriger Treasuries fiel von ihrem 19-Jahres-Hoch bei 5,31 bis 5,33 Prozent Mitte August auf zuletzt rund 5,2 Prozent, die zehnjährige von 4,72 auf etwa 4,66 bis 4,69 Prozent. Die Swap-Spreads am langen Ende erreichten den niedrigsten Stand seit Februar.

Goldman Sachs und Wells Fargo warnen dennoch unisono, dass Rückkäufe die strukturelle Ursache nicht lösen können: eine Staatsverschuldung von über 40 Billionen Dollar und ein Haushaltsdefizit von rund 6 Prozent des BIP. Für zinssensible Wachstumswerte bleibt das Umfeld damit fragil – und SAP liefert dafür das Anschauungsmaterial der Woche. Die UBS stufte den Softwarekonzern von „Buy“ auf „Neutral“ zurück, hob das Kursziel gleichzeitig aber von 164 auf 201 Euro an. Der Grund: Das Wachstum im Cloud-Auftragsbestand schwächt sich von zuletzt 24,6 Prozent auf für 2026 erwartete rund 23 Prozent ab, und das selbst gesteckte KI-Agenten-Ziel wirkt ambitioniert – von 200 angestrebten Agenten sind bislang erst 17 verfügbar. Die Aktie notiert nach der Herabstufung um die 188 Euro, deutlich unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 242 Euro. Wer deutsche Wachstumswerte hält, sollte die Zinskurve also nicht nur als Fed-Nachrichtenlage lesen, sondern als direkten Bewertungsfaktor.

EZB: Während die Fed rätselt, ist Frankfurt schon entschlossen

Der Kontrast zur amerikanischen Ratlosigkeit könnte größer kaum sein. Das Protokoll der EZB-Ratssitzung vom 22./23. Juli – Leitzins unverändert bei 2,25 Prozent – zeigt, dass mehrere Mitglieder bereits damals für eine Anhebung plädierten. Diese Woche legte Direktorin Isabel Schnabel nach und forderte explizit eine Zinserhöhung im September, mit Verweis auf die Inflation in Deutschland (Juli: 2,8 Prozent) und der Eurozone insgesamt (2,9 Prozent) – beides über dem 2-Prozent-Ziel.

Die Terminmärkte preisen eine 25-Basispunkte-Anhebung zur Sitzung am 10. September mittlerweile mit rund 96 bis 97 Prozent Wahrscheinlichkeit ein; Nordea sieht sogar einen Pfad zu einem Einlagensatz von 3 Prozent über drei Schritte bis März 2027. Der Euro notiert entsprechend gefestigt über der Marke von 1,16 Dollar. Für Anleger mit Zinsprodukten heißt das: Die planbarere Zentralbank sitzt diesmal in Frankfurt, nicht in Washington – ein Umstand, der Bund-Futures und europäische Bankaktien tendenziell stützt, während die Unsicherheit in Dollar-Anleihen eher zunimmt.

KI-Berichtssaison: Nvidias Ausblick belohnt, Marvells Bewertung bestraft

Die Wall Street erlebte am Donnerstag eine der stärksten Tech-Rallys der letzten Wochen, ausgelöst von zwei KI-nahen Zahlenwerken – mit gegensätzlichem Ausgang. Nvidia übertraf mit einem Quartalsumsatz von 96,2 Milliarden Dollar (Konsens: 92,3 Milliarden) und einem bereinigten Gewinn je Aktie von 2,22 Dollar die Erwartungen deutlich; der Data-Center-Umsatz kletterte auf 89 Milliarden Dollar, ein Plus von 117 Prozent zum Vorjahr. Entscheidend für die Kursreaktion von zeitweise plus acht Prozent war aber die Prognose: Für das Geschäftsjahr 2028 stellte Nvidia ein Umsatzwachstum von rund 70 Prozent in Aussicht – deutlich über dem Konsens von 45 Prozent.

Marvell Technology erlebte das Gegenteil. Der Netzwerk-Chip-Hersteller meldete einen Rekordumsatz von 2,739 Milliarden Dollar (plus 37 Prozent) und einen um 46 Prozent gestiegenen Data-Center-Umsatz – solide Zahlen, die dennoch nicht reichten. Die Aktie gab nachbörslich mehr als drei Prozent nach, nachdem sie allein seit Jahresbeginn um 174 Prozent auf eine Marktkapitalisierung von rund 215 Milliarden Dollar geklettert war. Die Botschaft für Anleger: Der KI-Handel differenziert zunehmend zwischen „gut“ und „gut genug für die Bewertung“ – wer bei Marvell auf Multiple-Expansion gesetzt hatte, wird gerade eines Besseren belehrt, während Nvidia mit seiner Guidance neue Fantasie liefert. Im deutschen Handel zeigte sich das am Freitagvormittag als leichte Verschnaufpause nach dem Kurssprung.

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Dass Marvell trotz Rekordzahlen abgestraft wurde, während Nvidia mit seiner Prognose Begeisterung auslöste, zeigt, wie unterschiedlich der Markt einzelne Data-Center-Werte inzwischen bewertet. Ein Spezialreport stellt vier weniger bekannte Unternehmen vor – darunter ein Marktführer, ein Nischen-Monopolist und ein Spezialist für Rechenkapazität und Speicherplatz –, die abseits des Rampenlichts vom KI-Boom profitieren könnten. Spezialreport herunterladen

Thyssenkrupp auf Rekordkurs – die Werftesparte trägt den Konzern

Ein DAX-Wert sticht in dieser Woche besonders heraus: Thyssenkrupp meldete für das dritte Quartal 2026 einen Umsatzanstieg von 8 Prozent auf 8,8 Milliarden Euro und ein um 18 Prozent höheres bereinigtes Ergebnis. Treiber ist die Marinesparte TKMS, deren Umsatzwachstumsprognose von zuvor 2 bis 5 Prozent auf 10 bis 12 Prozent angehoben wurde. DZ Bank, Bank of America und Citi zogen prompt mit Kurszielen bis zu 22 Euro nach. Die Aktie markierte ein neues 52-Wochen-Hoch – nach einem Kursplus von rund 64 Prozent binnen zwölf Monaten bleibt Thyssenkrupp einer der auffälligsten deutschen Aufsteiger des Jahres, getragen vom europaweiten Sicherheits- und Verteidigungsthema.

Abseits dieser Story lohnt ein Blick auf weitere Neubewertungen der Woche, die eine klare Trennlinie zeigen: Die DZ Bank stufte BMW wegen anhaltender China-Schwäche und Effizienzdruck von „Kaufen“ auf „Halten“ zurück und senkte den fairen Wert von 65 auf 60 Euro. Berenberg dagegen hob E.ON auf „Buy“ (Kursziel von 19,30 auf 21 Euro) – die Begründung: eine überzogene Marktreaktion auf einen Gas-Regulierungsentwurf. Und Lufthansa bleibt ein Sonderfall: mwb research bekräftigte die Kaufempfehlung mit einem Kursziel von 21 Euro, mehr als das Doppelte des aktuellen Niveaus, gestützt auf die These, dass die Technik-Tochter mit einer angestrebten EBIT-Marge über 10 Prozent im Konzernwert deutlich unterbewertet sei. Ob sich diese Bewertungslücke schließt, dürfte auch davon abhängen, wie belastbar die Zinswende-Erwartung für zyklische Industriewerte bleibt.

Gold und Bitcoin: zwei Absicherungen gegen dieselbe Sorge

Auch die Ausweichwerte dieser Woche erzählen eine gemeinsame Geschichte. Gold erreichte in den letzten Tagen ein Dreimonatshoch nahe 4.700 Dollar, ehe es im Vorfeld der Warsh-Rede leicht nachgab – über den Monat gerechnet steht dennoch ein Plus von rund 13 Prozent zu Buche. Bitcoin legte im gleichen Zeitraum um etwa 25 Prozent zu und notiert wieder über der Marke von 80.000 Dollar. Beide Bewegungen fallen zusammen mit wachsender Sorge um die US-Fiskallage – eine Verschuldung jenseits von 40 Billionen Dollar lässt sich nicht wegkaufen, wie selbst die Kritiker von Bessents Rückkaufprogramm betonen. Dass Gold und Bitcoin gleichzeitig steigen, ist dabei weniger ein Widerspruch als ein Signal: Anleger suchen Schutz vor Entwertung, ohne auf die Risikofreude der laufenden KI-Rally zu verzichten.

Das große Bild

Die kommenden Stunden entscheiden, ob Warsh den Märkten die ersehnte Orientierung gibt oder die Unsicherheit weiter verwaltet – während die EZB mit Blick auf den 10. September bereits Fakten geschaffen hat. Wer auf die Fed-Sitzung am 15./16. September blickt, sollte die heutige Rede als ersten Testlauf werten, nicht als letztes Wort. Bemerkenswert ist die Rollenumkehr: Ausgerechnet die Zentralbank, die traditionell als bedächtiger gilt, hat in Frankfurt längst Klarheit geschaffen, während Washington im Ungefähren verharrt. Für Portfolios heißt das konkret: Europäische Zinsprodukte und Bankaktien haben derzeit die verlässlichere Grundlage, während bei Dollar-Anleihen und zinssensiblen US-Wachstumswerten die Nervosität anhält. Und die Divergenz zwischen belohntem Wachstum (Nvidia) und bestrafter Bewertung (Marvell) dürfte der Prüfstein für die nächste Runde der KI-Berichtssaison bleiben.

Für alle, die jetzt in ein ereignisreiches Wochenende starten: Nehmen Sie sich die Zeit, die Warsh-Rede in Ruhe nachzulesen, bevor Sie am Montag reagieren – die erste Kursbewegung ist selten die endgültige.

Eduard Altmann

Eduard Altmann ist Finanzexperte mit über 25 Jahren Erfahrung an den globalen Finanzmärkten. Als Analyst und Autor beim VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft spezialisiert er sich auf Aktienmärkte, Gold, Silber, Rohstoffe und den Euro.

Altmann ist überzeugter Verfechter des Value-Investing und identifiziert unterbewertete Unternehmen mit hohem Wachstumspotenzial. Sein Börsendienst "Megatrend-Depot" vermittelt praxisnahe Strategien erfolgreicher Value-Investoren. Mit seinem Motto "Manage dein Vermögen selbst" inspiriert er Anleger zur eigenverantwortlichen Vermögensverwaltung.

Seine Analysen basieren auf der fortschrittlichen Gann-Strategie, die präzise Vorhersagen für Rohstoffmärkte ermöglicht. Diese technische Analysemethode kombiniert historische Daten mit Zyklusanalysen und macht seine Marktprognosen besonders treffsicher.

Durch zahlreiche Publikationen und verständliche Erklärungen komplexer Finanzthemen unterstützt Altmann sowohl Einsteiger als auch erfahrene Investoren bei fundierten Anlageentscheidungen. Seine Arbeit verbindet theoretische Expertise mit praktischen Empfehlungen für den strategischen Vermögensaufbau.