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selten liefert ein Unternehmen ein Zahlenwerk, das die eigenen Prognosen übertrifft. Und die Erwartungen der Analysten gleich mit. Trotzdem wird es dafür mit fallenden Kursen bestraft. Genau das ist Marvell Technology am Donnerstagabend passiert.
Der Chipkonzern meldete für das zweite Quartal des Geschäftsjahres 2027 einen Rekordumsatz. 2,739 Milliarden Dollar standen zu Buche, ein Plus von 37 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der bereinigte Gewinn je Aktie lag bei 94 Cent. Damit übertraf Marvell die Analystenschätzung von 93 Cent.
Auch der Ausblick für das laufende Quartal fiel optimistischer aus als erwartet. Dennoch gaben die Papiere im nachbörslichen Handel zunächst nach. Für Anleger, die Marvell im Depot haben, lohnt sich ein genauer Blick darauf, was hinter den Zahlen steckt. Und warum die Börse trotz starker Ergebnisse zurückhaltend reagierte.
Data Center treibt das Wachstum
Der eigentliche Wachstumsmotor bei Marvell sitzt im Segment Rechenzentren. Die dortigen Erlöse kletterten im Berichtsquartal um 46 Prozent auf 2,17 Milliarden Dollar. Sie machen inzwischen den weit überwiegenden Teil des Konzernumsatzes aus, nach Angaben von Marktbeobachtern rund 79 Prozent. Das Segment Kommunikation und Sonstiges wuchs mit 10 Prozent auf 562,4 Millionen Dollar spürbar langsamer.
Die Verschiebung zeigt, wie konsequent sich Marvell in den vergangenen Jahren ausgerichtet hat. Im Zentrum steht die Infrastruktur für künstliche Intelligenz. Optische Interconnects verbinden in modernen Rechenzentren tausende Grafikprozessoren miteinander. Sie ermöglichen erst den Betrieb großer KI-Cluster.
Daneben entwickelt Marvell kundenspezifische Chips, sogenannte Custom Silicon, für Hyperscaler. Diese Großkonzerne wollen zunehmend eigene Prozessoren abseits von Nvidia-Hardware einsetzen. CEO Matt Murphy sprach von außergewöhnlich robusten KI-Buchungen. Er stellte in Aussicht, dass sich das Umsatzwachstum im weiteren Verlauf des Geschäftsjahres noch beschleunigen könnte. Marvell hatte bereits im Vorquartal ähnlich zuversichtlich geklungen und die Prognose danach tatsächlich übertroffen.
Ausblick übertrifft die Konsensschätzung
Für das dritte Quartal rechnet Marvell mit einem Umsatz von 3,15 Milliarden Dollar. Die Bandbreite liegt bei plus minus 5 Prozent. Der bereinigte Gewinn je Aktie soll bei 1,10 Dollar liegen, mit einer Toleranz von 5 Cent nach oben oder unten.
Analysten hatten im Vorfeld mit 3,04 Milliarden Dollar Umsatz gerechnet. Bei der Gewinnschätzung lagen sie mit 1,08 Dollar je Aktie ebenfalls niedriger. Das Management erhöhte zudem zum zweiten Mal in Folge die Jahresprognosen. Sowohl für das Geschäftsjahr 2027 als auch für 2028 fiel die Anhebung aus.
Die Auftragslage ist demnach nicht nur stabil. Nach Aussage des Unternehmens wird sie sogar zunehmend robuster. Die bereinigte Bruttomarge lag im Berichtsquartal bei 58,9 Prozent, minimal über der Konsensschätzung von 58,8 Prozent.
Für das dritte Quartal wird eine bereinigte Bruttomarge zwischen 57,5 und 58,5 Prozent in Aussicht gestellt. Das ist ein leichter Rückgang. Er hängt mit dem wachsenden Anteil des margenärmeren Custom-Silicon-Geschäfts zusammen, das strukturell etwas geringere Margen abwirft als das klassische Standardgeschäft.
Warum die Aktie trotzdem fiel
Die Kursreaktion lässt sich vor allem mit der Ausgangslage erklären. Marvell-Aktien hatten bereits vor den Zahlen ein außergewöhnliches Jahr hinter sich. Seit Jahresbeginn stand ein Kursplus von rund 170 Prozent zu Buche. Bei einer derart hohen Vorschusslorbeere reicht ein solides Ergebnis oft nicht aus.
Investoren hatten offenbar auf eine noch deutlichere Prognoseanhebung gehofft. Auch zusätzliche Details zum milliardenschweren Custom-Geschäft standen wohl auf der Wunschliste.
Hinzu kommt der Zeitpunkt der Veröffentlichung. Marvell legte seine Ergebnisse einen Tag nach Nvidia vor. Der gesamte Halbleitersektor stand in den Tagen zuvor unter Druck. Der Philadelphia Semiconductor Index hatte binnen einer Woche mehr als acht Prozent verloren. Nvidia selbst gab sieben Handelstage in Folge nach, die längste Verlustserie seit September 2022. Vor diesem Hintergrund reichte Marvells solide Zahlenlage nicht aus, um die Stimmung im Sektor umzukehren.
Der Google-Deal als strategischer Anker
Ein zentrales Element der Marvell-Geschichte ist die vertiefte Partnerschaft mit Google. Der Suchmaschinenkonzern erhielt kürzlich einen Optionsschein. Dieser ermöglicht ihm den Erwerb von bis zu sieben Prozent der Marvell-Aktien, gekoppelt an konkrete Umsatzmeilensteine.
Google zählt zu den größten Entwicklern eigener KI-Beschleuniger, den sogenannten Tensor Processing Units. Bei deren Entwicklung arbeitet der Konzern eng mit Marvell zusammen. Eine solche Bindung schafft Planungssicherheit über mehrere Jahre und zeigt die strategische Bedeutung von Marvell für einen der größten Hyperscaler überhaupt.
Der Trend, dass Cloud-Anbieter zunehmend eigene, maßgeschneiderte Chips statt Standardprozessoren einsetzen, dürfte sich fortsetzen. Insbesondere die Verschiebung von reinem KI-Training hin zu Inferenz begünstigt Custom Silicon. Inferenz bezeichnet die Anwendung bereits trainierter Modelle im laufenden Betrieb. Gegenüber Universalprozessoren lassen sich dabei spürbare Effizienzgewinne erzielen.
Investor Day als nächster Katalysator
Am 6. Oktober 2026 lädt Marvell zu einem Investor Day. Dort will das Unternehmen seine langfristige Strategie für den Ausbau der KI-Infrastruktur präsentieren.
Für Beobachter dürfte dabei interessant sein, wie sich die Pipeline im Custom-Silicon-Geschäft weiterentwickelt. Offen ist auch, ob das Management sein bislang kommuniziertes Umsatzziel von 10 Milliarden Dollar aus diesem Segment bis zum Geschäftsjahr 2029 bestätigt. Eine Anpassung nach oben erscheint angesichts der jüngsten Dynamik nicht ausgeschlossen.
Auch Details zur Skalierung der optischen Vernetzungstechnik dürften im Fokus stehen. Dazu zählt insbesondere der Übergang von 800-Gigabit- auf 1,6-Terabit-Standards, der für die nächste Generation von KI-Rechenzentren wichtig ist. Solche Veranstaltungen haben in der Vergangenheit häufiger als kurzfristige Kurskatalysatoren gewirkt, weil sie tiefere Einblicke in Auftragsbücher und technologische Roadmaps liefern als reguläre Quartalsberichte.
Fundamentaldaten sind deutlich
Unabhängig von der kurzfristigen Kursreaktion zeigen die Zahlen ein Unternehmen, das seine eigenen Ziele nicht nur erreicht. Es übertrifft sie regelmäßig. Die operative Marge, das Wachstumstempo im Rechenzentrumsgeschäft und die zunehmende Diversifikation über mehrere Hyperscaler-Kunden hinweg sprechen für ein strukturell intaktes Geschäftsmodell.
Gleichzeitig bleibt Marvell abhängig von den Investitionsentscheidungen weniger Großkunden. Deren Ausgabenverhalten kann sich kurzfristig ändern, etwa wenn einzelne Hyperscaler ihre Kapazitätsplanung überarbeiten. Die hohe Bewertung, die der Markt dem Unternehmen bereits vor den Zahlen zugestanden hatte, lässt zudem wenig Spielraum für Enttäuschungen in kommenden Quartalen.
Wer Marvell langfristig begleiten will, sollte deshalb weniger auf die Tagesreaktion nach einzelnen Quartalsberichten schauen. Wichtiger sind die grundsätzliche Entwicklung des Custom-Silicon-Geschäfts und die Ergebnisse des Investor Day im Oktober. Diese beiden Faktoren dürften in den kommenden Monaten stärker über die Kursrichtung entscheiden als einzelne Prozentpunkte bei der Umsatzprognose. Entscheidend wird sein, ob sich der Wandel hin zu KI-Infrastruktur weiterhin in nachhaltigem Umsatzwachstum niederschlägt.
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