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Formel 1: Ein Denkfehler, der sich für Anleger auszahlen könnte

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

im zweiten Quartal 2026 brach der Umsatz der Formel 1 um 38 Prozent auf 764 Millionen Dollar ein. Das bereinigte OIBDA, eine Kennzahl für das operative Ergebnis vor Abschreibungen, fiel sogar um 61 Prozent. Auf den ersten Blick sieht das nach einer Katastrophe beim wichtigsten Motorsport-Beitreiber der Welt aus. Doch der Kurs der zugehörigen Aktie mit dem etwas sperrigen Namen Liberty Media Corp. Series C Liberty Formula One stieg nach der Meldung. Dahinter steckt eine Geschichte über Kalender, Kapitalallokation und einen der letzten unantastbaren Bereiche der Medienwelt.

Der Umsatzeinbruch bei der Formel 1 ist eine optische Täuschung

Der drastische Rückgang hat einen simplen Grund. Im zweiten Quartal 2026 fanden nur fünf Rennen statt, ein Jahr zuvor waren es neun. Die Formel 1 verdient ihr Geld überwiegend rund um die Grand-Prix-Wochenenden. Antrittsgelder der Austragungsorte, Übertragungsrechte, Sponsoring und Hospitality fließen dann in die Bücher. Weniger Rennen im Quartal bedeuten deshalb automatisch weniger Umsatz in diesem Zeitraum.

Der Auslöser lag in geopolitischen Spannungen. Die Grands Prix in Bahrain und Saudi-Arabien fielen im April aus. Der Rennkalender verschob sich, nicht die Nachfrage. Über die ersten sechs Monate betrachtet sank der Formel-1-Umsatz um 15 Prozent auf 1,381 Milliarden Dollar. Auch hier waren es schlicht acht Rennen statt elf. Solche Verzerrungen gleichen sich über das Gesamtjahr wieder aus.

Wichtiger als die Quartalsoptik sind die zugrunde liegenden Trends. Das Management verweist auf gestiegene Zuschauerzahlen, ausverkaufte Hospitality-Bereiche und wachsende Sponsoring-Erlöse. Die Gesamtsehdauer legte nach Unternehmensangaben um 13 Prozent zu. Ein Umsatzrückgang, der auf dem Kalender beruht, ist etwas völlig anderes als schwindendes Interesse.

Wie die Formel 1 den US-Markt erobert

Über Jahrzehnte blieb der wichtigste Werbemarkt der Welt für die Formel 1 ein hartes Pflaster. Das ändert sich gerade. Auf ESPN erreichte die Serie in der Saison 2025 im Schnitt 1,3 Millionen Zuschauer pro Rennen, einen Rekordwert. Für die aktuelle Saison sicherte sich Apple die US-Übertragungsrechte. Der Konzern meldet deutlich steigende Streaming-Zahlen, nennt aber keine konkreten Werte.

Der Einstieg von Apple ist strategisch bedeutsam. Sportrechte gehören zu den wenigen Medieninhalten mit echter Preissetzungsmacht. Zuschauer wollen live dabei sein, was die Rechte für Plattformen wertvoll macht. Zugleich ist Live-Sport einer der wenigen Bereiche, den künstliche Intelligenz nicht so leicht ersetzen oder nachahmen kann. Diese Kombination macht die Formel 1 für Investoren interessant, die abseits des KI-Trubels nach stabilen Geschäftsmodellen suchen.

Neue Rennen befeuern das US-Wachstum zusätzlich. Neben Miami und Austin zieht vor allem der Große Preis von Las Vegas neue Fans an. Der Vertrag für dieses Rennen wurde jüngst bis 2037 verlängert. Ein erstes rein amerikanisches Team unter der Marke Cadillac soll die lokale Bindung weiter stärken. Marktbeobachter berichten, dass der Ticketverkauf für Las Vegas dem Vorjahr zwei Monate voraus ist.

Warum die Struktur von Liberty Media Vertrauen schafft

Die Formel 1 gehört zu Liberty Media, einem Medienkonzern mit einer traditionell komplexen Beteiligungsstruktur. Solche Konstruktionen schrecken manche Anleger ab. Doch das Geschäft hat sich von einer reinen Tracking-Aktie zu einer direkteren Eigenkapitalstruktur gewandelt. Das erhöht die Transparenz für Investoren.

Marktbeobachter halten Liberty Media zugleich für einen der fähigsten Verwalter von Medien-Vermögenswerten. Die Kapitalallokation gilt als solide. Ein Beispiel dafür ist die Übernahme der Motorradrennserie MotoGP im Juli 2025 für rund 3,66 Milliarden Dollar. MotoGP wächst bereits: Im ersten Halbjahr 2026 stieg der Umsatz auf 264 Millionen Dollar, das bereinigte OIBDA legte um zehn Prozent zu. Das Management überträgt hier die bewährten Methoden aus der Formel 1.

Die Bilanz zeigt Handlungsfähigkeit. Zum Quartalsende hielt der Konzern rund 1,465 Milliarden Dollar an liquiden Mitteln. Die Nettoverschuldung lag beim 3,4-Fachen des operativen Ergebnisses, ein für ein Geschäft mit stabilen Zahlungsströmen tragbarer Wert. Im ersten Halbjahr erwirtschaftete Liberty 673 Millionen Dollar an operativem Cashflow. Genau dieser freie Mittelzufluss erlaubt es, eigene Aktien zurückzukaufen und die Anzahl der Papiere über die Zeit zu senken.

Was die Formel-1-Aktie fundamental teuer und trotzdem attraktiv macht

An der Bewertung führt kein Weg vorbei. Die Aktie notiert etwa beim 46-Fachen des für 2027 erwarteten Gewinns je Aktie von 2,25 Dollar. Das ist nach klassischen Maßstäben kein Schnäppchen. Der Konsens der Analysten rechnet allerdings mit einem Gewinnsprung von fast 22 Prozent im Jahr 2027 und weiterem Wachstum danach.

Solche Multiplikatoren sind im Sportgeschäft nicht ungewöhnlich. Einzelne Sport-Franchises wechseln regelmäßig zum Sieben- bis Zehnfachen ihres Umsatzes oder mehr den Besitzer. Die Formel 1 unterscheidet sich von klassischen Vereinen in einem Punkt: Sie verdient nicht nur Geld, sondern kann den freien Cashflow gezielt zur Verringerung der Aktienzahl nutzen. Das erhöht den Wert je verbleibendem Anteil.

Die Erlösbasis gilt als gut planbar. Medienrechte und Antrittsgelder sind langfristig vertraglich gesichert. Zusätzliche Chancen liegen in Partnerschaften, Sponsoring und dem noch jungen Lizenzgeschäft. Marktbeobachter sehen für die Aktie Kursziele von 120 Dollar und darüber. Fast alle beobachtenden Analysten führen das Papier mit einer Kaufempfehlung.

Risiken der Formel-1-Aktie bleiben

Ein nüchterner Blick gehört dazu. Das US-Publikum der Formel 1 ist im Vergleich zu etablierten amerikanischen Sportarten weiterhin klein. Ein wirtschaftlicher Abschwung könnte die Bereitschaft dämpfen, teure Rennwochenenden zu besuchen. Die Ergebnisse schwanken zudem stark von Quartal zu Quartal, wie das aktuelle Zahlenwerk eindrucksvoll zeigt.

Auch bei den Medienrechten gibt es Gegenwind. In einzelnen Märkten könnten Zusammenschlüsse von Sendern die Preissetzungsmacht begrenzen. Die hohe Bewertung lässt zudem wenig Raum für Enttäuschungen. Wer hier einsteigt, zahlt einen Aufschlag für Qualität und Wachstum. Bleibt beides aus, droht Rückschlagpotenzial.

Der eigentliche Kern der Formel-1-Geschichte ist ein Wahrnehmungsfehler. Die Schlagzeile eines 38-prozentigen Umsatzeinbruchs verdeckt ein wachsendes Geschäft mit einer globalen Luxusmarke. Wer den Unterschied zwischen kalenderbedingter Verzerrung und echtem Trend erkennt, sieht hinter dem schwachen Quartal eine Serie, deren Monetarisierung gerade erst Fahrt aufnimmt. Genau diese Differenz zwischen Optik und Substanz ist es, die aufmerksame Anleger von der Masse unterscheidet.

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Carsten Müller

Senior Kapitalmarktanalyst & Finanzpublizist

Expertise: Fundamentalanalyse globaler Kapitalmärkte | Zukunftstechnologien | Strategische Asset-Allokation

Profil

Mit drei Jahrzehnten Kapitalmarkterfahrung gehört Carsten Müller zu den führenden Finanzanalysten im deutschsprachigen Raum. Der Berliner Kapitalmarktexperte verfügt über fundierte Kenntnisse in der Bewertung internationaler Aktien- und Anleihemärkte und hat sich insbesondere auf die Identifikation langfristiger Megatrends spezialisiert.

Seine Analysemethodik basiert auf einem bewährten Zweisäulenmodell: Fundamentale Unternehmensanalyse kombiniert mit präzisen Timing-Strategien. Dieser integrative Ansatz ermöglicht es ihm, strukturelle Wachstumschancen frühzeitig zu identifizieren und optimal zu nutzen.

Berufliche Stationen

Nach seinem Einstieg in die Finanzbranche bei der n-tv Telebörse prägte er maßgeblich die redaktionelle Ausrichtung führender Börsenpublikationen. Als Chefredakteur und Herausgeber verantwortet er heute mehrere Fachpublikationen, darunter den renommierten Börsendienst "Future Money", der sich auf disruptive Technologien und deren Kapitalmarktpotenzial fokussiert.

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Neben seiner analytischen Tätigkeit vermittelt Carsten Müller Kapitalmarktwissen in verschiedenen Formaten. Sein Podcast "Papa, erklär mal Börse" überbrückt generationenübergreifend die Kluft zwischen komplexer Finanztheorie und praktischer Anwendung. Diese Kombination aus tiefgreifender Expertise und verständlicher Kommunikation macht ihn zu einem gefragten Experten für institutionelle und private Anleger.