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CoreWeave: 104 Milliarden Gründe, jetzt hinzuschauen

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

manchmal verrät eine einzige Zahl mehr über ein Unternehmen als jede Bilanzanalyse. Bei CoreWeave lautet diese Zahl 104,2 Milliarden Dollar. So hoch war der Auftragsbestand des KI-Rechenzentrenbetreibers zum Ende des zweiten Quartals 2026. Der Auftragsbestand, also die Summe aller vertraglich gesicherten künftigen Umsätze, wuchs damit um 246 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Und er erzählt eine Geschichte, die für Anleger hochbrisant ist.

Die Aktie sprang nach den Zahlen um rund 19 Prozent nach oben. Doch der Kurssprung ist nur die Oberfläche. Darunter liegt ein Geschäftsmodell, das zwischen atemberaubendem Wachstum und massivem Schuldenrisiko balanciert. Wer verstehen will, wohin die KI-Infrastruktur steuert, muss genau hier hinschauen.

Der Auftragsbestand als Wachstumsmotor

CoreWeave vermietet Rechenkapazität für künstliche Intelligenz. Das Unternehmen kauft die teuersten Nvidia-Chips, baut damit spezialisierte Rechenzentren und verkauft die Leistung an große KI-Kunden. Der Umsatz im zweiten Quartal erreichte 2,6 Milliarden Dollar, ein Plus von 112 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Besonders bemerkenswert ist das Tempo beim Auftragsbestand. Er kletterte von 99,4 Milliarden Dollar im Vorquartal auf 104,2 Milliarden Dollar. Kurz nach Quartalsende kamen weitere 25 Milliarden Dollar an neuen Kundenzusagen hinzu. Diese Zahlen zeigen, dass die Nachfrage nach KI-Rechenleistung ungebrochen ist. Zum Vergleich lohnt der Blick auf die Großen der Branche. Microsoft weist einen kommerziellen Auftragsbestand von 678 Milliarden Dollar aus, Amazons Cloud-Sparte kommt auf 496 Milliarden Dollar, Alphabet auf 514 Milliarden Dollar. CoreWeave spielt in einer kleineren Liga, wächst aber schneller.

Das Management hob die Jahresprognose an. Für 2026 erwartet das Unternehmen nun einen Umsatz zwischen 12,4 und 13,2 Milliarden Dollar. Zuvor lag die Spanne bei 12 bis 13 Milliarden Dollar. Auch das Ziel für die aktive Stromkapazität stieg auf mehr als 1,85 Gigawatt zum Jahresende, nach zuvor 1,7 Gigawatt. Bis 2030 sollen es mindestens 8 Gigawatt sein.

Warum die Margen jetzt drehen

Der interessanteste Teil der Quartalszahlen betrifft die Profitabilität. Bislang galt CoreWeave als Wachstumsmaschine, die viel Geld verbrennt. Das zweite Quartal markierte einen Wendepunkt. Die Margen begannen sich auszuweiten, wie das Management ausdrücklich betonte.

Ein Beispiel liefert das Neugeschäft. Die im zweiten Quartal unterzeichneten Verträge brachten Deckungsbeiträge, die fünf bis zehn Prozentpunkte über denen der Vorquartale liegen. Der Deckungsbeitrag beschreibt, wie viel von jedem Umsatz-Dollar nach den direkten Kosten übrig bleibt. Marktbeobachter berichten, dass diese Beiträge zuletzt im Bereich von 30 bis 35 Prozent lagen, nach zuvor rund Mitte 20 Prozent.

Zwei Hebel treiben diese Entwicklung. Erstens erhöhte CoreWeave im Juli die Preise um rund 25 Prozent über verschiedene Produktkategorien hinweg. Zweitens verschiebt sich das Geschäft zu margenstärkeren Bereichen. Speicher, CPU, Netzwerk und Software erreichten zusammen bereits über 400 Millionen Dollar an jährlich wiederkehrenden Umsätzen. Die Plattform für gemanagte KI-Inferenz wuchs innerhalb eines einzigen Quartals von einer auf über 100 Millionen Dollar. Inferenz bezeichnet den laufenden Betrieb fertig trainierter KI-Modelle. Bis Jahresende peilt CoreWeave hier mindestens 250 Millionen Dollar an.

Die Schulden bleiben das große Risiko

So überzeugend die Wachstumsstory klingt, so real ist die Kehrseite. CoreWeave finanziert seinen Ausbau überwiegend mit Fremdkapital. Genau das macht das Unternehmen verwundbar.

Der Nettoverlust im zweiten Quartal betrug 626 Millionen Dollar. Der Grund liegt vor allem in den Finanzierungskosten. Allein die Zinsaufwendungen erreichten 640 Millionen Dollar im Quartal. Für das dritte Quartal rechnet das Management bereits mit Zinsen zwischen 860 und 940 Millionen Dollar. Die Investitionen sind gewaltig. Im zweiten Quartal flossen 9,4 Milliarden Dollar in den Kapazitätsausbau. Für das Gesamtjahr 2026 erwartet CoreWeave Investitionen zwischen 35 und 39 Milliarden Dollar.

Diese Zahlen erklären die Skepsis mancher Marktteilnehmer. In den Kommentaren zu den Zahlen findet sich der pointierte Einwand, CoreWeave benötige sechs Dollar an Investitionen für jeden Dollar Umsatz. Das Unternehmen müsse Jahr für Jahr enorme Mengen an Aktien und Anleihen ausgeben. Diese Kritik trifft einen wunden Punkt. Solange die Nachfrage nach KI-Rechenleistung explodiert, geht die Rechnung auf. Kippt die Stimmung, sitzt CoreWeave auf teuren Schulden.

Marktbeobachter beziffern die Verschuldung auf das 6,71-Fache des bereinigten operativen Ergebnisses, gemessen als Nettoschuld zu bereinigtem EBITDA. Im Vorquartal lag dieser Wert noch bei 6,20. Das bereinigte EBITDA beschreibt den operativen Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen. Ein Wert von 6,71 gilt als sehr hoch und lässt wenig Spielraum, falls das Geschäft ins Stocken gerät.

Wo die Chance im Risiko liegt

Trotz der hohen Schulden bewerten viele Marktbeobachter CoreWeave positiv. Die Argumentation folgt einer einfachen Logik. Die hohe Verschuldung ist der Preis für den Aufbau einer Infrastruktur, die künftig hochprofitable Umsätze liefern soll. Der eigentliche Wendepunkt zur Profitabilität wird für das Geschäftsjahr 2028 erwartet. Ab dann soll die schiere Größe die hohen Finanzierungskosten verwässern.

Ein strukturelles Argument stützt die Zuversicht. CoreWeave sicherte sich eine neue, flexible Kreditlinie über 2,6 Milliarden Dollar. Diese sogenannte DDTL 5.5 erlaubt kürzere Vertragslaufzeiten. Damit kann das Unternehmen verstärkt Firmenkunden ansprechen, die Rechenkapazität nur für zwei oder drei Jahre buchen wollen. Solche kurzfristigen Verträge versprechen höhere Margen. Zugleich lassen sich ältere Chips, deren ursprüngliche Verträge auslaufen, gewinnbringend weitervermieten. Das Management berichtete, dass sogar eine GPU-Architektur aus dem Jahr 2020 noch bis 2029 vollständig ausgepreist verkauft wurde.

Auch die Nachfrageseite spricht für Wachstum. Marktbeobachter erwarten, dass die jährlichen Investitionen in KI-Infrastruktur bis 2031 auf 1,6 Billionen Dollar steigen. Gartner rechnet damit, dass 60 Prozent der Unternehmen in den kommenden zwei Jahren KI-Agenten einsetzen, nach nur 17 Prozent Anfang 2026.

Bleibt ein Risiko, das sich der Kontrolle des Managements entzieht. Die wachsende Skepsis der Öffentlichkeit gegenüber Rechenzentren könnte einzelne Bundesstaaten zu Baustopps bewegen. Der Vorstand betont, dass solche Beschränkungen die Nachfrage nicht schmälern, sondern nur beeinflussen, wo die Anlagen entstehen.

CoreWeave bleibt damit ein Unternehmen der Extreme. Der Auftragsbestand von 104 Milliarden Dollar zeigt, wie viel Vertrauen der Markt in die KI-Zukunft setzt. Die Schuldenlast von 35 Milliarden Dollar zeigt, welchen Preis dieses Vertrauen hat. Zwischen diesen beiden Zahlen entscheidet sich, ob aus dem Wachstumsversprechen ein tragfähiges Geschäft wird. Das Jahr 2028 wird die Antwort liefern.

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Diskussion zu CoreWeave

Carsten Müller

Senior Kapitalmarktanalyst & Finanzpublizist

Expertise: Fundamentalanalyse globaler Kapitalmärkte | Zukunftstechnologien | Strategische Asset-Allokation

Profil

Mit drei Jahrzehnten Kapitalmarkterfahrung gehört Carsten Müller zu den führenden Finanzanalysten im deutschsprachigen Raum. Der Berliner Kapitalmarktexperte verfügt über fundierte Kenntnisse in der Bewertung internationaler Aktien- und Anleihemärkte und hat sich insbesondere auf die Identifikation langfristiger Megatrends spezialisiert.

Seine Analysemethodik basiert auf einem bewährten Zweisäulenmodell: Fundamentale Unternehmensanalyse kombiniert mit präzisen Timing-Strategien. Dieser integrative Ansatz ermöglicht es ihm, strukturelle Wachstumschancen frühzeitig zu identifizieren und optimal zu nutzen.

Berufliche Stationen

Nach seinem Einstieg in die Finanzbranche bei der n-tv Telebörse prägte er maßgeblich die redaktionelle Ausrichtung führender Börsenpublikationen. Als Chefredakteur und Herausgeber verantwortet er heute mehrere Fachpublikationen, darunter den renommierten Börsendienst "Future Money", der sich auf disruptive Technologien und deren Kapitalmarktpotenzial fokussiert.

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Neben seiner analytischen Tätigkeit vermittelt Carsten Müller Kapitalmarktwissen in verschiedenen Formaten. Sein Podcast "Papa, erklär mal Börse" überbrückt generationenübergreifend die Kluft zwischen komplexer Finanztheorie und praktischer Anwendung. Diese Kombination aus tiefgreifender Expertise und verständlicher Kommunikation macht ihn zu einem gefragten Experten für institutionelle und private Anleger.