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Die große Umschichtung: Hardware frisst Software

IBMs Kurssturz signalisiert strukturelle Verschiebung: Kunden investieren in KI-Hardware statt Software. ASML profitiert stark.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • IBM-Aktie bricht um 25 Prozent ein
  • SAP-Kursziel drastisch gesenkt
  • ASML hebt Jahresprognose kräftig an
  • EU sichert SAP-Kunden Wahlfreiheit zu

Sehr geehrte Damen und Herren,

Am Dienstag dieser Woche geschah etwas, das man nur alle paar Jahrzehnte sieht: Eine Aktie verlor an einem einzigen Handelstag fast ein Viertel ihres Wertes – und es war nicht irgendeine Firma, sondern IBM, der Urvater der Unternehmens-IT. Der Grund war kein Betriebsunfall, keine Bilanzpanne, sondern eine strukturelle Verschiebung: Kunden streichen ihre Software-Budgets zusammen und investieren stattdessen in Hardware für KI-Rechenzentren. Wer in dieser Woche nur auf den Makro-Kalender starrte – CPI am Dienstag, PPI am Mittwoch, Fed-Aussagen –, hat das Entscheidende verpasst. Die Berichtssaison zeigt: Es geht nicht mehr um die Zinswette. Es geht um operative Substanz. Wer am KI-Boom verdient, und wer von ihm überrannt wird.

Der IBM-Schock und die Folgen für SAP

IBMs Zahlen vom Dienstag waren ein Weckruf. Umsatz von 17,2 Milliarden Dollar statt erwarteter 17,86 Milliarden – eine Lücke von nicht einmal vier Prozent. Doch die Marktreaktion war brutal: Die Aktie brach im frühen US-Handel um fast 25 Prozent ein, der größte Tagesverlust seit 1987. Der Grund: Kunden verschieben ihre IT-Budgets massiv von Anwendungssoftware hin zu Servern, Speicher und Speicherchips, weil sie steigende Preise für KI-Rechenzentren erwarten. Das ist kein kurzfristiger Trend, sondern eine strukturelle Umschichtung.

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Die Ansteckung war sofort spürbar. SAP verlor am Dienstag 3,2 Prozent, am selben Tag senkte die UBS das Kursziel drastisch von 205 auf 164 Euro (Einstufung bleibt „Buy“). In Frankfurt rutschte die Aktie bis auf 132 Euro – weit unter dem 52-Wochen-Hoch von 262,64 Euro. J.P. Morgan beziffert den Wertverlust der gesamten Softwarebranche – Microsoft, SAP, Salesforce – auf rund zwei Billionen Dollar seit dem Frühjahr.

Die These dahinter ist brisant: KI-Modelle wie Anthropics „Claude Cowork“ bedrohen das SaaS-Geschäftsmodell durch sogenannte „Seat Compression“. Weniger Mitarbeiter, weniger Lizenzen. Salesforce hat seinen Kundenservice bereits von 9.000 auf 5.000 Mitarbeiter reduziert. Für SAP kommt erschwerend hinzu, dass die komplexe ERP-Architektur eine schnelle KI-Implementierung erschwert. Analysten sehen die Aktie in vier Wochen in einem Korridor von 115 bis 142 Euro.

Bemerkenswert: Bis Donnerstag hat sich der Kurs bereits wieder erholt – an der NYSE notierte SAP bei 161,64 Dollar, plus 3,7 Prozent. Der Rückkauf über bis zu 2,6 Milliarden Euro (erste Tranche zu durchschnittlich 161,16 Euro) stützt. Wer hier einsteigt, wettet auf eine gelungene KI-Transformation – nicht auf ein Schnäppchen. Am 23. Juli legt SAP die eigenen Q2-Zahlen vor. Dann zeigt sich, ob der Konzern die Kurve kriegt.

ASML: Wo das Geld jetzt hinfließt

Die Kehrseite dieser Rotation ist glänzend. ASML meldete am Mittwoch ein überraschend starkes zweites Quartal: 9,33 Milliarden Euro Umsatz (erwartet 8,8 Milliarden), 2,92 Milliarden Euro Nettogewinn. Die Jahresprognose wurde kräftig angehoben: von 36 bis 40 auf 43 bis 45 Milliarden Euro, die Bruttomarge steigt auf 54 bis 56 Prozent. Der Konzern plant eine Kapazitätserhöhung von 30 Prozent für Low-NA-EUV- und DUV-Immersionssysteme für 2027, eine weitere Ausweitung für 2028 wird geprüft.

Die Analysten ziehen nach. Barclays hob das Kursziel auf 2.000 Euro an (Overweight), JPMorgan sieht 1.900 Euro (Overweight), Jefferies bleibt bei Hold mit 1.560 Euro. Die Aktie sprang am Mittwoch zeitweise um acht Prozent auf 1.678,20 Euro und nimmt damit das Rekordhoch von 1.741 Euro wieder ins Visier. China bleibt mit rund 20 Prozent Umsatzanteil ein wichtiger Markt – ein politisches Risiko, das Anleger nicht ignorieren sollten.

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Die Botschaft ist klar: Das Geld fließt in die Hardware-Basis der KI, nicht in die Anwendungsschicht. Wer diese Rotation spielen will, findet bei ASML operative Substanz – mit einer Warnung: Die Bewertung ist ambitioniert, die Fantasie enorm. In der Prognose sind sogar die Terafab-Pläne von Elon Musk eingepreist. Ein Boom, der schon heute auf zukünftige Erwartungen gebucht wird.

Rückenwind aus Brüssel – und Sicherheitslücken

Eine strukturell wichtige, aber leise Nachricht kam am 9. Juli aus Brüssel: Die EU-Kommission akzeptierte die Verpflichtungszusagen von SAP zu Wartung und Support von On-Premise-Systemen für zehn Jahre – und SAP wendet die Regelungen weltweit an. Für die zahllosen SAP-Anwender bedeutet das mehr Wahlfreiheit bei der Gestaltung ihrer Support- und Betriebsmodelle. Die DSAG begrüßt die Entwicklung. Michael Manea von der All for One Group betont die erhöhte Verantwortung der Kunden bei der strategischen Bewertung ihrer SAP-Landschaft.

Getrübt wird das Bild durch den Patchday: SAP musste 16 neue Sicherheitsnotizen veröffentlichen, darunter drei kritische Lücken (CVSS bis 9,9) im NetWeaver Application Server ABAP, im Approuter und in der Commerce Cloud. Administratoren sollten dringend aktualisieren – ein technisches Ärgernis, das in dieser Woche untergegangen ist, aber operativ relevant bleibt.

Das große Bild

Die Berichtssaison dieser Woche hat eine Botschaft, die über SAP und ASML hinausweist: Nicht die Makro-Wette entscheidet über Ihr Depot, sondern die Frage, ob ein Unternehmen im KI-Zeitalter zu den Gewinnern oder den Verdrängten gehört. Die Rotation von Software zu Hardware ist in vollem Gange. Am 23. Juli folgt die Nagelprobe für SAP. Charttechnisch wartet die Aktie auf ein Ausbruchssignal, nachdem sie wochenlang um die 140-Euro-Marke gependelt ist. Die Frage ist: Steigen die Großanleger jetzt wieder ein?

Dienstag nächster Woche liefert die Antwort. Bis dahin gilt: Wer verstehen will, wohin die Reise geht, schaut nicht auf den Leitzins – sondern auf die operative Substanz.

Ihr Felix Baarz

Asml Chart