Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
an der Wall Street lagen in dieser Woche Jubel und Ausverkauf dicht beieinander. Nach dem klaren Sieg der Demokraten bei den Midterm-Wahlen sprang der Dow Jones am Mittwoch um rund 1.500 Punkte nach oben. Das war der beste Handelstag seit April 2025. Die Aktien der Speicherchiphersteller gingen dagegen in die Knie. Micron verlor am Donnerstag erneut zweistellig. Seit dem Hoch im Sommer summiert sich das Minus auf rund 40 Prozent, und das in gut vier Monaten.
Der Kurssturz trifft ein Unternehmen, das gerade das stärkste Geschäftsjahr seiner Geschichte abgeschlossen hat. Zwischen Börsenstimmung und Geschäftszahlen klafft damit eine große Lücke. An dieser Lücke entscheidet sich für Anleger, ob der Ausverkauf eine Gelegenheit bietet oder ein Warnsignal sendet.
Midterm-Wahlen: Warum die Micron-Aktie unter Druck gerät
Der Auslöser liegt in der Politik. Rechenzentren für künstliche Intelligenz sind in den USA zum Wahlkampfthema geworden. Steigende Strompreise, Lärm und Wasserverbrauch haben in vielen Gemeinden Widerstand ausgelöst. Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez haben einen Gesetzentwurf für ein Moratorium beim Bau neuer KI-Rechenzentren vorgelegt. New York hat bereits einen einjährigen Baustopp beschlossen. Oregon hat die Vergabe staatlicher Genehmigungen ausgesetzt.
Auch in Texas hat sich der Wind gedreht. Gouverneur Greg Abbott galt lange als Förderer der Branche. Inzwischen hat er neue Genehmigungen gestoppt, bis Prüfungen des Stromnetzbetreibers ERCOT abgeschlossen sind. Das Gewicht dieses Bundesstaates ist enorm. Von rund 236 Gigawatt geplanter KI-Kapazität in den USA entfallen etwa 72 Gigawatt auf Texas.
Mit der Mehrheit der Demokraten in beiden Kammern des Kongresses fürchten Marktteilnehmer nun strengere Regeln auf Bundesebene. Weniger neue Rechenzentren würden weniger Nachfrage nach Speicherchips bedeuten. So lautet die Logik hinter dem Ausverkauf. Zusätzlich belastete ein vorsichtiger Ausblick des japanischen Konkurrenten Kioxia. AMD erklärte außerdem, die hohen Speicherpreise dämpften die Nachfrage nach PCs. Ähnliche Signale kamen zuvor bereits von Intel und Apple.
Rekordzahlen: Micron verdient so viel wie nie
Ein Blick auf die Geschäftszahlen zeigt ein völlig anderes Bild. Im vierten Quartal des Geschäftsjahres 2026, das Anfang September endete, setzte Micron 54,2 Milliarden Dollar um. Ein Jahr zuvor waren es 11,3 Milliarden Dollar. Das entspricht einem Plus von rund 380 Prozent. Für das gesamte Geschäftsjahr stieg der Umsatz von 37,4 auf 133,2 Milliarden Dollar.
Noch eindrucksvoller sind die Margen. Die Bruttomarge, also der Anteil des Umsatzes nach Abzug der Herstellungskosten, lag im Schlussquartal bei 86,8 Prozent. In der Sparte für Rechenzentren blieben vom Umsatz 85 Prozent als operativer Gewinn übrig. Solche Werte kennt man sonst eher von Softwarekonzernen als von Chipfabriken.
Micron schwimmt zudem im Geld. Der bereinigte freie Mittelzufluss erreichte im Geschäftsjahr 62,3 Milliarden Dollar. Zum Jahresende lagen Barmittel und Wertpapiere im Wert von 73,5 Milliarden Dollar in der Kasse. Für das laufende erste Quartal stellt das Management einen Umsatz von rund 61,5 Milliarden Dollar in Aussicht. Der Gewinn je Aktie soll bei etwa 38 Dollar liegen.
Speicherchips für KI: Verträge statt Hoffnungen
Für die Bewertung zählt vor allem, wie lange dieser Boom trägt. Hier liefert Micron Hinweise, die über bloße Absichtserklärungen hinausgehen. Nach Angaben des Managements sind mehr als 75 Prozent der Auslieferungen für das laufende Jahr bereits fest zugesagt. Grundlage sind sogenannte strategische Kundenvereinbarungen. Die langfristigen Vertragsverbindlichkeiten gegenüber Kunden stiegen binnen eines Quartals von 0,6 auf 12,9 Milliarden Dollar. Dahinter stehen Vorauszahlungen, mit denen sich Abnehmer künftige Liefermengen sichern.
Das Management erwartet, dass Angebot und Nachfrage 2027 und 2028 noch deutlich angespannter sind als 2026. Der südkoreanische Rivale SK Hynix rechnet sogar mit einer Knappheit bis Ende 2030. Die großen Kunden ziehen bislang mit. Amazon hat sein Investitionsbudget für 2026 auf rund 220 Milliarden Dollar angehoben. Als einen Grund nannte der Konzern ausdrücklich die gestiegenen Speicherkosten. Für 2027 kündigte Konzernchef Andy Jassy spürbar höhere Ausgaben an. Alphabet plant für 2026 mit 195 bis 205 Milliarden Dollar und hat ebenfalls einen kräftigen Anstieg für 2027 signalisiert.
Branchenbeobachter gehen davon aus, dass die für 2027 geplanten Rechenzentren bereits im Bau sind. Ein Moratorium würde demnach vor allem Projekte treffen, die später ans Netz gehen sollen. Bis ein Bundesgesetz greift, vergeht zudem Zeit. Der neue Kongress tritt erst im Januar 2027 zusammen.
Bewertung der Micron-Aktie: Das Paradox der Zyklik
Gemessen an den erwarteten Gewinnen liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis für die kommenden zwölf Monate bei rund 4,5. Kaum ein anderer großer Halbleiterwert ist so günstig bewertet. Nvidia kostet gemessen am Gewinn ein Vielfaches. Ein Freifahrtschein ist diese Kennzahl allerdings nicht.
Speicherchips gelten seit Jahrzehnten als klassisches Zyklusgeschäft. Auf Knappheit folgen hohe Preise, dann massive Investitionen in neue Fabriken und schließlich ein Überangebot. Am Gipfel eines solchen Zyklus wirken Speicheraktien deshalb regelmäßig am billigsten. Die Börse traut den Rekordgewinnen keine Dauer zu und preist den nächsten Abschwung bereits ein.
Für diese Skepsis gibt es Gründe. Der chinesische Hersteller ChangXin Memory Technologies, kurz CXMT, kommt bei dichteren Server-Speicherchips voran. Nach Daten von Counterpoint Research sank Microns Anteil am weltweiten DRAM-Markt im dritten Quartal auf 21 Prozent. Ein Jahr zuvor waren es noch 26 Prozent. Zudem haben Insider in den vergangenen drei Monaten Aktien im Wert von 78,5 Millionen Dollar verkauft.
Die Gegenargumente wiegen allerdings ebenfalls schwer. Die Konkurrenz aus China zielt nach Einschätzung von Marktbeobachtern vor allem auf Standardspeicher. Beim Hochleistungsspeicher für KI-Beschleuniger, im Fachjargon HBM, gelten die etablierten Anbieter weiter als führend. Die festen Lieferzusagen und Vorauszahlungen glätten zudem die typischen Ausschläge des Zyklus. Wenn Amazon höhere Speicherkosten in Kauf nimmt, gewichten die Kunden Lieferengpässe offenbar höher als den Preis.
Worauf Anleger bei Micron jetzt achten sollten
Drei Signale verdienen in den kommenden Monaten besondere Aufmerksamkeit. Das erste sind die nächsten Quartalszahlen von Micron. Bestätigt das Management den Ausblick und die Einschätzung zur Knappheit, verliert die politische Erzählung an Gewicht. Gerät die Prognose ins Wanken, dürfte der Druck auf die Aktie anhalten.
Das zweite Signal kommt von den Kunden. Mit ihren Jahreszahlen Anfang 2027 werden Amazon, Alphabet und Microsoft konkrete Budgets für das neue Jahr nennen. Diese Zahlen zeigen, ob die politische Debatte die Investitionspläne tatsächlich bremst.
Das dritte Signal liefert Washington. Entscheidend ist, ob aus den Forderungen nach einem Moratorium ein konkretes Gesetz wird. Ebenso wichtig sind die Bundesstaaten, allen voran Texas. Dort wird sich zeigen, ob der Genehmigungsstopp eine Pause bleibt oder zur Dauerlösung wird.
Politik gegen Auftragsbücher
Der Ausverkauf bei Micron folgt einer politischen Erzählung. Die Auftragsbücher zeichnen bislang ein anderes Bild. Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 4,5 bedeutet, dass die Börse das Ende des Booms bereits für ausgemacht hält. Wer jetzt einsteigt, setzt darauf, dass dieser Zyklus länger trägt, als der Markt erwartet. Diese Wette kann aufgehen. Die Kursausschläge der vergangenen Wochen zeigen aber, wie teuer ein Irrtum in beide Richtungen werden kann. Über die Aktie entscheidet am Ende die Frage, ob 2028 noch Speicher fehlt. Darauf hat die Wahlnacht keine Antwort gegeben.
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