Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
zweistellig ging es für die Alphabet-Aktie nach den Quartalszahlen am Mittwochabend abwärts. Das Urteil der Börse wirkt auf den ersten Blick eindeutig. Der Gewinn je Aktie lag mit 2,12 Dollar um 89 Cent unter den Erwartungen. Der freie Cashflow rutschte tief ins Minus. Und statt eigene Aktien zurückzukaufen, gab der Konzern neue aus.
Bei genauerem Hinsehen entsteht allerdings ein anderes Bild. Das operative Geschäft des Google-Konzerns lief so stark wie selten. Der Gewinneinbruch stammt aus einer Quelle, die mit Suche, Werbung und Cloud nichts zu tun hat. Für Anleger lohnt es sich deshalb, die Zahlen Schicht für Schicht zu zerlegen.
SpaceX drückt den Gewinn der Alphabet-Aktie
Der Umsatz kletterte im dritten Quartal um 24,7 Prozent auf 127,5 Milliarden Dollar. Das operative Ergebnis wuchs sogar um 30 Prozent auf 40,6 Milliarden Dollar. Die operative Marge stieg von 30,5 auf 31,8 Prozent. Dabei erhöhte Alphabet die Forschungsausgaben um 36 Prozent, vor allem für KI-Fachkräfte und Abschreibungen.
Der Bruch kommt erst weiter unten in der Gewinnrechnung. Im sonstigen Ergebnis steht ein Minus von 8,2 Milliarden Dollar. Finanzchefin Anat Ashkenazi führte das vor allem auf einen nicht realisierten Verlust aus der SpaceX-Beteiligung zurück. Der Aktienkurs des Raumfahrtkonzerns hatte im Quartal nachgegeben. Alphabet muss solche Wertschwankungen direkt in der Gewinnrechnung ausweisen. Solange der Wert der Beteiligung stieg, profitierte der Gewinn umgekehrt davon.
Für die Ertragskraft des Konzerns spielt dieser Buchverlust keine Rolle, denn es floss kein Geld ab. Trotzdem bleibt die Beteiligung ein Unsicherheitsfaktor. Sie wird jedes Quartal neu bewertet. Fällt die SpaceX-Aktie weiter, kann sich das Bild im nächsten Bericht wiederholen.
Google Cloud verdoppelt den Umsatz
Den stärksten Schub lieferte erneut die Cloud-Sparte. Google Cloud steigerte den Umsatz um 103 Prozent auf 30,7 Milliarden Dollar. Der operative Gewinn hat sich auf 11,1 Milliarden Dollar mehr als verdreifacht. Die Marge sprang von 23,7 auf 36,2 Prozent. Vor einem Jahr setzte die Sparte im gleichen Quartal noch rund 15 Milliarden Dollar um.
Ein Teil dieses Sprungs geht auf ein neues Geschäftsfeld zurück. Alphabet verkauft inzwischen komplette Rechensysteme mit seinen KI-Chips, den Tensor Processing Units, kurz TPU. Die Kunden betreiben diese Systeme in eigenen Rechenzentren. Das schmeichelt der Wachstumsrate, zeigt aber auch, wie begehrt Googles Chips mittlerweile sind.
Noch aussagekräftiger ist der Auftragsbestand. Dieser sogenannte Backlog umfasst Umsätze, die Kunden vertraglich zugesagt haben, die Google aber noch nicht geliefert hat. Er liegt nun bei 561 Milliarden Dollar. Ende 2025 waren es 240 Milliarden Dollar, drei Monate zuvor erst 155 Milliarden. Rund 55 Prozent des aktuellen Bestands will das Management innerhalb von zwei Jahren als Umsatz verbuchen. Das entspricht etwa 300 Milliarden Dollar.
Auch die Nutzung der KI wächst rasant. Googles KI-Modelle verarbeiten über ihre Schnittstellen fast 32 Milliarden Tokens pro Minute, das Vierfache des Vorjahres. Tokens sind die Textbausteine, mit denen Sprachmodelle rechnen. Der Engpass liegt inzwischen bei der Rechenkapazität. Seit dem Quartalsende mietet Alphabet deshalb zusätzliche Leistung bei Drittanbietern an.
Die Suche wächst langsamer
Schwächer entwickelte sich das Kerngeschäft. Der Umsatz mit Suche und verwandten Diensten stieg um 12 Prozent auf 63,3 Milliarden Dollar. Das war etwas weniger Tempo als im Vorquartal. Das Management nannte drei Gründe. Wechselkurse belasteten, asiatische Werbekunden litten unter dem Wegfall der EU-Zollfreigrenze für Kleinsendungen, und nach der Fußball-WM normalisierten sich die Werbebudgets.
Ein strukturelles Thema kommt hinzu. Anfragen im KI-Modus der Suche bringen derzeit weniger Geld als klassische Suchanfragen. Alphabet weitet die Anzeigen im KI-Modus deshalb erstmals auf internationale Märkte aus. In den USA testet der Konzern Werbung in längeren Dialogen. Gesponserte Ergebnisse werden dort nach Angaben des Unternehmens ähnlich oft angeklickt wie normale Treffer. YouTube legte bei der Werbung um 9 Prozent zu, bei den Abonnements um 11 Prozent.
Warum der freie Cashflow ins Minus rutscht
Der freie Cashflow zeigt, wie viel Geld nach allen Investitionen übrig bleibt. An dieser Kennzahl entzündet sich die Nervosität der Anleger. Die Investitionen in Sachanlagen stiegen um 114 Prozent auf 51,4 Milliarden Dollar. Rund 65 Prozent davon flossen in Server und Netzwerktechnik, der Rest in Rechenzentren. Der operative Cashflow sank auf 42,3 Milliarden Dollar. Unter dem Strich stand ein freier Cashflow von minus 9,1 Milliarden Dollar.
Schon im zweiten Quartal hatte Alphabet mit minus 5,9 Milliarden Dollar erstmals einen negativen Wert gemeldet. Zwei Sondereffekte verzerren die aktuelle Zahl allerdings. Alphabet zahlte 5,2 Milliarden Dollar Strafe an die EU-Kommission für ein Verfahren aus dem Jahr 2018. Zudem baute der Konzern Lagerbestände für TPU-Systeme auf, die verkauft, aber noch nicht ausgeliefert sind. Die Kosten fallen also vor dem Umsatz an. Ohne die Strafe hätte das Minus bei knapp 4 Milliarden Dollar gelegen.
Die Prognose für die Investitionen im Gesamtjahr ließ das Management unverändert bei 195 bis 205 Milliarden Dollar. Für 2027 hatte die Finanzchefin bereits im Sommer einen deutlichen Anstieg angekündigt.
Schulden statt Aktienrückkäufe
Die Finanzierung verändert sich spürbar. Im dritten Quartal kaufte Alphabet keine eigenen Aktien zurück. Stattdessen platzierte der Konzern Anleihen über 28,7 Milliarden Dollar. Über ein laufendes Ausgabeprogramm kamen zudem 12,4 Milliarden Dollar an neuem Eigenkapital herein. Für ein Unternehmen, das jahrelang Aktien zurückgekauft hat, ist das ein Kurswechsel.
Die Bilanz trägt diese Last. Langfristigen Schulden von 125,1 Milliarden Dollar stehen 265,1 Milliarden Dollar an liquiden Mitteln und Wertpapieren gegenüber. Das Umfeld bleibt dennoch anspruchsvoll. Die US-Notenbank hat die Zinsen zuletzt angehoben, weitere Schritte gelten als möglich. Kreditfinanzierte KI-Investitionen stehen damit unter besonderer Beobachtung. Meta Platforms erlebte nach seinen Zahlen wegen eines negativen freien Cashflows eine ähnliche Abstrafung.
Bewertung der Alphabet-Aktie nach dem Kursrutsch
Nach dem Rückgang ist die Alphabet-Aktie günstiger bewertet als in den vergangenen Jahren. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis der erwarteten Gewinne liegt bei rund 15,6. Im Fünfjahresschnitt waren es knapp 22,8. Anleger zahlen derzeit also deutlich weniger für jeden erwarteten Dollar Gewinn.
Die Risiken bleiben greifbar. Steigen die Investitionen 2027 stärker als erwartet, bleibt der freie Cashflow länger negativ. Verzögern sich TPU-Auslieferungen, verschiebt sich der Rückfluss des Geldes. Gelingt es nicht, Werbung im KI-Modus so profitabel zu machen wie die klassische Suche, wächst die wichtigste Ertragsquelle langsamer. Und die SpaceX-Beteiligung sorgt weiter für Ausschläge im Gewinn.
Fazit: Die richtige Zahl lesen
Der Kursrutsch zeigt, wie stark eine einzelne Kennzahl die Stimmung prägen kann. Der Gewinn je Aktie fiel wegen eines Buchverlusts, das operative Geschäft wuchs dagegen kräftig. Der freie Cashflow ist negativ, weil Alphabet vorab für Aufträge investiert, die bereits unterschrieben sind. Für die Alphabet-Aktie entscheidet in den kommenden Quartalen deshalb vor allem eine Frage der Umsetzung. Gelingt es, den Auftragsbestand von 561 Milliarden Dollar zügig in Umsatz zu verwandeln, schließt sich die Lücke zwischen Investitionen und Cashflow von selbst. Der Weg dorthin dürfte allerdings holprig bleiben.
