Ein fragiler Frieden im Nahen Osten, aber die Nervosität an den Finanzmärkten bleibt. Während sich die Ölpreise nach dem Waffenstillstand zwischen den USA und Iran wieder auf Vorkriegsniveau eingependelt haben, ringen Notenbanken diesseits und jenseits des Atlantiks mit der Frage, wie viel Zinserhöhung die fragile Konjunktur noch verträgt. Genau hier liegt der Widerspruch dieser Woche: Die akute Krise scheint überstanden, ihre wirtschaftlichen Nachwehen wirken jedoch länger nach als gedacht.
Nachwirkungen des Iran-Kriegs auf die Inflation
Der Konflikt zwischen den USA, Israel und Iran hatte die Ölpreise zeitweise auf über 110 Dollar je Barrel getrieben, ausgelöst vor allem durch die faktische Schließung der Straße von Hormus, durch die rund ein Fünftel der weltweiten Öl- und Flüssiggaslieferungen läuft. Nach dem Rahmenabkommen für einen dauerhaften Frieden ist Brent-Rohöl inzwischen wieder auf rund 72 Dollar gefallen. Doch die Beruhigung ist trügerisch: Irans Militärführung droht weiterhin mit einer „entschlossenen Antwort“ gegen Tanker, die nicht die vorgeschriebenen Routen durch die Meerenge nutzen.
Die politische Lage in Teheran bleibt zudem angespannt. Erstmals seit Monaten zeigte sich Generalmajor Ahmad Vahidi, Chef der Revolutionsgarden, wieder öffentlich – ausgerechnet zur Trauerfeier für den getöteten früheren Revolutionsführer Ali Khamenei, zu der bis zu 20 Millionen Menschen erwartet werden. Erst nach den Trauertagen sollen die Gespräche zwischen Washington und Teheran über ein dauerhaftes Abkommen fortgesetzt werden. Bis dahin bleibt die Lage an der wichtigen Öl-Ader ein Unsicherheitsfaktor, der jederzeit neue Preisschübe auslösen könnte.
In der Eurozone zeigt sich bereits, wie tief die Kriegsfolgen in der Preisstruktur sitzen. Die Inflation sank im Juni zwar auf 2,8 Prozent von 3,2 Prozent im Mai, die Kernrate ohne Energie und Lebensmittel fiel auf 2,4 Prozent. Barclays-Analysten warnen jedoch, dass die Verkaufspreiserwartungen der Unternehmen in Industrie und Einzelhandel weiterhin deutlich über ihren historischen Durchschnittswerten liegen – ein Indiz dafür, dass die monatelang erhöhten Energiekosten noch nicht vollständig durch die Lieferketten gelaufen sind.
EZB und Fed steuern in unterschiedliche Richtungen
Genau diese „Pipeline-Effekte“ dürften laut Barclays dazu führen, dass die Europäische Zentralbank im September ihren zweiten Zinsschritt des Jahres setzt, nachdem sie im Juni als erste G7-Notenbank die Zinsen angehoben hatte. EZB-Präsidentin Christine Lagarde wehrte sich beim Notenbankforum in Portugal gegen die Deutung, der Juni-Schritt sei bloß eine Versicherung gegen mögliche Preisschocks gewesen. Stattdessen sei die Entscheidung robust über verschiedenste Inflationsszenarien hinweg gewesen. Ein klares Signal für die kommenden Sitzungen gab sie allerdings nicht – im EZB-Rat gilt derzeit: alle Optionen bleiben auf dem Tisch.
In den USA sieht das Bild widersprüchlicher aus. Notenbankchef Kevin Warsh, der die Fed erstmals im Juni leitete, hatte mit einer klar restriktiven Rhetorik für Aufsehen gesorgt und der Fed-Watcher-Gemeinde die gewohnte Orientierungshilfe entzogen. Die Markterwartungen für eine Zinserhöhung im September zogen daraufhin deutlich an. Doch die am Donnerstag veröffentlichten US-Arbeitsmarktdaten für Juni fielen schwächer aus als erwartet, inklusive nach unten revidierter Zahlen für die Vormonate. Die Wahrscheinlichkeit einer Fed-Zinserhöhung im September sackte laut LSEG-Daten von 55 auf rund 35 Prozent ab. Die am Mittwoch anstehenden Protokolle der letzten Fed-Sitzung dürften nun genauer unter die Lupe genommen werden als sonst – Investoren suchen nach Hinweisen, wie geschlossen das Gremium hinter Warshs hartem Kurs steht.
Dollar unter Druck, Pfund und Euro profitieren
Die schwächeren Jobdaten setzten den Dollar sofort unter Druck. Der Dollar-Index steuert auf sein größtes Wochenminus seit April zu, während der Euro auf ein Zweiwochenhoch von 1,1472 Dollar kletterte und das britische Pfund um 1,2 Prozent zulegte – der beste Wochengewinn seit fast drei Monaten. Auch der japanische Yen profitierte von der Dollarschwäche und erholte sich von seinem 40-Jahres-Tief bei 162,84 Yen je Dollar. Japans Finanzministerin Satsuki Katayama signalisierte erhöhte Interventionsbereitschaft, sollte die Talfahrt der Währung weitergehen – ein Warnschuss, der Spekulanten vorsichtig stimmen dürfte.
Dass die geopolitische Lage nicht nur die Notenbankpolitik, sondern auch die reale Wirtschaft belastet, zeigt sich in Großbritannien besonders deutlich. Der S&P Global Einkaufsmanagerindex für den britischen Dienstleistungssektor fiel im Juni auf 48,8 Punkte – der stärkste Rückgang seit Januar 2023. Unternehmen berichteten von schwacher Binnennachfrage, geopolitischer Unsicherheit rund um den Nahost-Konflikt und wachsender politischer Verunsicherung angesichts des erwarteten Regierungswechsels zu Andy Burnham. Die Beschäftigung im Servicesektor schrumpft bereits seit 21 Monaten in Folge – die längste Durststrecke seit Februar 2010.
Aktienmärkte zwischen Tech-Wackler und Kapitalrotation
An den Aktienmärkten sorgt derweil die Tech-Branche für Nervosität. Der S&P 500 verzeichnete im zweiten Quartal mit einem Plus von 14,9 Prozent sein bestes Quartal seit 2020, angetrieben vor allem von Halbleiter- und Technologiewerten. Zuletzt kam es jedoch zu heftigen Kursschwankungen in diesem Segment, während Gesundheits-, Industrie- und Finanzwerte an Boden gewannen. Ob sich daraus eine dauerhafte Marktverbreiterung entwickelt oder ob ein anhaltender Rückzug der Tech-Gewinner die gesamte Rally gefährdet, bleibt nach Einschätzung von Marktstrategen die zentrale Frage der kommenden Wochen.
Trotz der Kursschwankungen griffen Anleger zuletzt wieder verstärkt bei Technologiewerten zu: Technologiefonds verzeichneten Zuflüsse von 8,9 Milliarden Dollar, nachdem in der Vorwoche noch 17,8 Milliarden Dollar abgezogen worden waren. Insgesamt flossen global 10,44 Milliarden Dollar in Aktienfonds – ein Viertel mehr als in der Vorwoche. Emerging-Markets-Fonds mussten dagegen bereits die zehnte Woche in Folge Abflüsse hinnehmen, Gold verzeichnete den siebten Rückgang in Serie.
Ausblick: Earnings-Saison als nächster Prüfstein
Für die kommenden Wochen richten sich alle Blicke auf die anlaufende Berichtssaison, für die Analysten ein Gewinnwachstum von über 24 Prozent im S&P 500 erwarten. Erste Signale liefern Delta Air Lines und PepsiCo, die unterschiedliche Perspektiven auf das Konsumverhalten offenbaren dürften. Ob die Notenbanken angesichts nachlassender, aber noch nicht verschwundener Inflationsrisiken tatsächlich zur Zinserhöhung greifen, dürfte sich erst in den kommenden Monaten entscheiden – solange bleibt die Gemengelage aus geopolitischer Unsicherheit, schwächelnden Konjunkturdaten und robusten Unternehmensgewinnen ein Balanceakt für Investoren weltweit.
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