Die Unabhängigkeit der Notenbanken steht weltweit im Fokus – und das zu einer Zeit, in der ihre geldpolitischen Entscheidungen wichtiger denn je erscheinen. Während US-Präsident Donald Trump weiterhin Druck auf Fed-Chef Jerome Powell ausübt, betonen Zentralbanker in Europa und Asien die Bedeutung ihrer Autonomie. Gleichzeitig sorgen bevorstehende Wahlen in Japan und volatile Devisenmärkte für zusätzliche Nervosität.
Fed im Visier: Trump rudert zurück – vorerst
Die Auseinandersetzung zwischen dem Weißen Haus und der Federal Reserve erreichte einen neuen Höhepunkt, als das Justizministerium eine strafrechtliche Untersuchung gegen Powell einleitete. Der Fed-Chef wies die Vorwürfe entschieden zurück und bezeichnete das Vorgehen als Versuch, die Notenbank zu einer lockereren Geldpolitik zu drängen – eine Einschätzung, die Powell nicht für sich behielt.
Trump signalisierte am Mittwoch überraschend Entspannung: Er habe „keine Pläne“, Powell zu entlassen, auch wenn es „zu früh“ sei, eine endgültige Aussage zu treffen. Das Weiße Haus befinde sich in einer „Art Warteschleife“ mit dem Fed-Chef. Dennoch ließ Trump durchblicken, dass er für die Nachfolge im Mai einen der „beiden Kevins“ favorisiert – entweder den ehemaligen Fed-Gouverneur Kevin Warsh oder Wirtschaftsberater Kevin Hassett. Finanzminister Scott Bessent schloss er ausdrücklich aus.
Die Märkte nahmen die Eskalation erstaunlich gelassen. Nach einem kurzen Rücksetzer am Montag erholte sich der Dollar rasch. Der Dollar-Index notierte zuletzt bei 99,13 – nicht weit von seinem Monatshoch bei 99,27. Manche Analysten sehen sogar eine paradoxe Chance: „Powell könnte als entschlossen hawkischer wahrgenommen werden, um die Fed-Unabhängigkeit zu unterstreichen“, so Francesco Pesole, Devisenstratege bei ING.
Europäische Solidarität: EZB steht zu Powell
Die Europäische Zentralbank positionierte sich klar an der Seite ihres amerikanischen Pendants. EZB-Vizepräsident Luis de Guindos versicherte in einem Interview mit Politico, dass die Zusammenarbeit mit der Fed weiterhin „normal, business as usual“ verlaufe. Die Swap-Linien zwischen beiden Notenbanken – Vereinbarungen zum Austausch von Währungen in Krisenzeiten – seien „positiv für die Finanzstabilität auf beiden Seiten des Atlantiks“.
Nach der beispiellosen gemeinsamen Unterstützungserklärung mehrerer Zentralbanken für Powell zu Wochenbeginn bekräftigte de Guindos: „Es ist sehr wichtig für uns alle, dass das Prinzip der Zentralbank-Unabhängigkeit auch auf die Federal Reserve angewendet wird.“ Dies sei der beste Weg, um Inflation unter Kontrolle zu halten.
Berichte über informelle Gespräche zwischen Zentralbanken, eigene Dollar-Reserven als Alternative zu Fed-Liquiditätshilfen zu bündeln, kommentierte de Guindos nicht direkt. Er stellte jedoch klar: „Wir haben nichts dergleichen diskutiert, weder im EZB-Direktorium noch im Gouverneursrat.“
Japan: Yen unter Druck, Intervention droht
Während die transatlantische Zentralbank-Diplomatie für Schlagzeilen sorgt, spitzt sich die Lage am Devisenmarkt dramatisch zu. Der japanische Yen fiel am Mittwoch auf 159,45 zum Dollar – den schwächsten Stand seit 18 Monaten. Seit Premierministerin Sanae Takaichi im Oktober ihr Amt antrat, hat die Währung fast fünf Prozent verloren.
Der Grund: Takaichis angekündigte expansive Fiskalpolitik und ihre Vorliebe für niedrige Zinsen sorgen für Nervosität. Nun plant die Regierungschefin, das Unterhaus kommende Woche aufzulösen und Neuwahlen bereits für den 8. Februar anzusetzen – ein Versuch, ihre gestiegene Popularität in eine stärkere Mandatsbasis umzumünzen. Die Aussicht auf noch mehr Staatsausgaben bei ohnehin gigantischer Schuldenlast löste eine Verkaufswelle bei japanischen Staatsanleihen aus. Die Rendite 20-jähriger Papiere kletterte zeitweise auf ein Rekordhoch von 3,165 Prozent.
Finanzministerin Satsuki Katayama schickte erneut eine deutliche Warnung: Man werde „angemessene Maßnahmen gegen exzessive Devisenbewegungen ergreifen, ohne irgendwelche Optionen auszuschließen“. Japan intervenierte zuletzt im Juli 2024 am Devisenmarkt und setzte dabei 36,8 Milliarden Dollar ein, als der Yen auf ein 38-Jahres-Tief von rund 162 zum Dollar abrutschte.
Analysten sehen die Interventionsschwelle bei 161 bis 163 und rechnen mit möglichen Aktionen bereits am kommenden Montag – einem US-Feiertag, an dem dünne Liquidität eine Intervention besonders wirkungsvoll machen könnte. „Die Risiken sind stark auf die Unterseite für den Dollar-Yen in 2026 gewichtet“, sagt Stephen Jen, CEO bei Eurizon SLJ Capital, und verweist auf die divergierenden Zinsaussichten in Japan und den USA.
Bank of Japan: Weitere Zinsschritte erwartet
Die Bank of Japan steht vor einem Dilemma. Einerseits hob sie die Zinsen im Dezember auf ein 30-Jahres-Hoch von 0,75 Prozent an. Andererseits erschweren Takaichis politische Pläne weitere Straffungen. Eine Reuters-Umfrage unter 67 Ökonomen zeigt: Alle bis auf zwei erwarten, dass die BOJ bei ihren Sitzungen im Januar und März die Füße stillhält.
Doch mittelfristig rechnen 76 Prozent der befragten Experten damit, dass der Leitsatz bis Ende September auf mindestens ein Prozent steigen wird – gegenüber 69 Prozent im Vormonat. Der Favorit für die nächste Zinsanhebung ist Juli, so 43 Prozent der Befragten. „Es besteht die Notwendigkeit, die Auswirkungen der Straffung vorsichtiger zu bewerten“, erklärt Yusuke Matsuo, leitender Marktökonom bei Mizuho Securities.
Langfristig sehen Analysten den Endzins bei 1,5 Prozent – ein deutlicher Sprung gegenüber der Ein-Prozent-Prognose von vor einem Jahr. 60 Prozent erwarten für 2026 eine Zinsanhebung, weitere 31 Prozent rechnen mit zweien.
Globale Rotation: Tech-Aktien unter Druck
Die Unsicherheit um Notenbank-Politik und Währungsmärkte zeigt sich auch an den Aktienmärkten – allerdings auf überraschende Weise. Eine breite Rotation aus Tech-Titeln in zyklische und Value-Aktien prägt das Handelsgeschehen. Während der S&P 500 am Mittwoch 0,5 Prozent verlor und der Nasdaq Composite sogar ein Prozent einbüßte, hielt sich der Gesamtmarkt relativ stabil.
In Japan fiel der Tech-lastige Nikkei 225 am Donnerstag um 0,9 Prozent, nachdem er zuvor ein Allzeithoch erreicht hatte. Der breitere Topix-Index hingegen setzte seine Rekordfahrt mit einem Plus von 0,8 Prozent fort. Kyle Rodda, Analyst bei Capital.com, sieht darin ein gesundes Zeichen: „Die Stärke bei zyklischen Werten, nicht zuletzt aufgrund positiver Aussichten für die US-Wirtschaft, stützt die Aktien und sendet konstruktive Signale.“
Die jüngsten US-Wirtschaftsdaten untermauern diese Einschätzung. Die Einzelhandelsumsätze stiegen im November stärker als erwartet, während die Erzeugerpreise nur moderat anzogen. Das zementiert die Erwartung, dass die Fed im Januar die Zinsen unverändert lässt. Märkte preisen für 2026 weiterhin zwei Zinssenkungen ein – allerdings erst nach Powells Amtsende im Mai.
Öl gibt nach: Trump beschwichtigt bei Iran
Einen deutlichen Dämpfer erlebte der Ölmarkt. Brent-Rohöl brach um 3,4 Prozent auf 64,25 Dollar pro Barrel ein, US-Leichtöl (WTI) verlor 3,4 Prozent auf 59,89 Dollar. Zuvor waren die Preise über fünf Handelstage um mehr als zehn Prozent gestiegen – auf mehrmonatige Höchststände –, als Sorgen über eine mögliche US-Militäraktion gegen Iran die Runde machten.
Trump nahm am Mittwoch Wind aus den Segeln: Ihm sei mitgeteilt worden, dass die Tötungen bei der Niederschlagung landesweiter Proteste in Iran nachlassen würden. Er glaube derzeit nicht an großangelegte Hinrichtungen. Die prompte Entspannung zeigt, wie sehr geopolitische Risiken momentan die Energiemärkte bewegen – und wie schnell sich die Lage ändern kann.
Ausblick: Ungewisse Zeiten für Notenbanken
Die kommenden Wochen dürften entscheidend werden. In Japan könnte die Wahl Anfang Februar die fiskalpolitische Richtung zementieren – mit direkten Auswirkungen auf Yen und Anleihen. In den USA bleibt offen, ob Trump seinen Konfrontationskurs gegenüber Powell fortsetzt oder ob die Märkte auf eine pragmatischere Haltung hoffen dürfen.
Klar ist: Die Unabhängigkeit der Zentralbanken steht auf dem Prüfstand wie selten zuvor. Während europäische Notenbanker Geschlossenheit demonstrieren, navigiert die Fed durch politisch aufgewühlte Gewässer. Und in Japan ringt die BOJ mit dem Balanceakt zwischen notwendiger Normalisierung und politischem Druck. Für Anleger bedeutet das vor allem eines: erhöhte Volatilität – nicht nur an den Devisenmärkten.
