Die internationalen Finanzmärkte stehen vor einem entscheidenden Jahr: Während die Bank of Japan ihre Zinswende beschleunigt, kämpft Indonesien mit einer schwachen Währung, und die Federal Reserve sendet überraschend hawkishe Signale. Gleichzeitig nutzt China die handelspolitische Unsicherheit unter US-Präsident Trump, um seine globale Position neu zu definieren. Die Frage ist nicht mehr, ob sich die geldpolitische Landschaft verändert – sondern wie schnell und mit welchen Folgen für Anleger.
Japan: Der nächste Schritt zur Normalisierung
Die Bank of Japan steht vor einer historischen Weichenstellung. Eine aktuelle Reuters-Umfrage zeigt: 58 Prozent der befragten Ökonomen erwarten, dass der Leitzins bis Ende Juni auf 1,0 Prozent steigt – deutlich früher als noch im Januar prognostiziert. Nach dem Erdrutschsieg von Premierministerin Sanae Takaichi am 8. Februar verschiebt sich der Konsens rasant.
Die Zeichen stehen auf Straffung: Im Dezember hob die BOJ die Zinsen bereits auf 0,75 Prozent, den höchsten Stand seit 30 Jahren. Nun könnte bereits im April der nächste Schritt folgen – getrieben von hartnäckiger Inflation und einem schwachen Yen, der zeitweise nahe der psychologisch wichtigen Marke von 160 pro Dollar notierte.
Doch die Zinserhöhungen könnten unerwartete Nebenwirkungen haben. Ikuko Samikawa, Chefökonomin beim Japan Center for Economic Research, warnt vor massiven Kapitalumschichtungen: Sobald der Leitzins die Schwelle von 1,0 Prozent erreicht, dürften japanische Haushalte in großem Stil Bargeld in verzinste Bankkonten verlagern. „Das könnte die geldpolitische Steuerung der BOJ erheblich erschweren“, erklärt Samikawa. Historisch haben solche Bewegungen oberhalb der 0,5-Prozent-Marke eingesetzt – die Auswirkungen nach jahrzehntelanger Nullzinspolitik sind kaum kalkulierbar.
Indonesien: Zwischen Wachstum und Währungskrise
Während Japan normalisiert, kämpft Bank Indonesia mit den Folgen politischer Unsicherheit. Zum fünften Mal in Folge beließ die Zentralbank ihren Leitzins bei 4,75 Prozent – und der Fokus liegt klar auf der Stabilisierung der Rupiah, die im Januar ein Rekordtief erreichte und zu den schwächsten asiatischen Währungen des Jahres zählt.
Gouverneur Perry Warjiyo bezeichnet die Rupiah als „unterbewertet“ im Vergleich zu Indonesiens wirtschaftlichen Fundamentaldaten. Die Zentralbank will ihre Interventionen an den Devisen- und Offshore-Märkten verstärken. Doch die Ursachen der Schwäche liegen tiefer: Anleger zweifeln an der Unabhängigkeit der Zentralbank, nachdem Präsident Prabowo Subianto im Januar seinen Neffen Thomas Djiwandono zum stellvertretenden Gouverneur ernannte – ein Schritt, der massive Kapitalabflüsse auslöste.
Hinzu kommen externe Belastungen: MSCI warnte vor einer möglichen Herabstufung indonesischer Aktien wegen Governance-Bedenken, Moody’s senkte den Ausblick auf negativ. Djiwandono betonte bei der Pressekonferenz, man koordiniere sich intensiv mit der Regierung, um Investoren und Rating-Agenturen die Wachstumsstrategie besser zu vermitteln.
Zinssenkungen, die nach insgesamt 150 Basispunkten Lockerung zwischen September 2024 und September 2025 pausieren mussten, bleiben vorerst ausgeschlossen. DBS-Ökonomin Radhika Rao rechnet frühestens in der zweiten Jahreshälfte mit Bewegung – vorausgesetzt, die Rupiah stabilisiert sich und die Inflation sinkt.
Fed: Zwischen Geduld und Wachsamkeit
Auch die US-Notenbank überraschte mit hawkishen Untertönen. Die Protokolle der Januar-Sitzung offenbarten: „Mehrere Teilnehmer“ hätten eine „zweiseitige Beschreibung“ künftiger Zinsentscheidungen befürwortet – ein Signal, dass Zinserhöhungen bei hartnäckiger Inflation nicht ausgeschlossen sind.
Nach der Pausierung des Zinssenkungszyklus, der Mitte 2025 begann, hatten Märkte weitgehend auf eine Fortsetzung ab Juni gesetzt. Diese Wette steht im Kern noch, doch Analysten von Capital Economics konstatieren: Die Fed ist im „Abwarte-Modus“. Kevin Warsh, Trumps Kandidat für den Fed-Vorsitz und langjähriger Befürworter von Zinssenkungen, könnte Schwierigkeiten haben, seine Kollegen von aggressiven Lockerungen zu überzeugen.
Interessant: Während die Fed abwartet, trieben Tech-Werte die Wall Street nach oben. Nvidia verkündete einen mehrjährigen Chipliefervertrag mit Meta Platforms – ein Hoffnungsschimmer für den KI-Sektor, der zuletzt unter Bewertungsdruck und Zweifeln über die Rendite massiver Infrastrukturinvestitionen litt.
Großbritannien: Vorsichtiger Optimismus
Die britische Wirtschaft dürfte nach mageren 0,1 Prozent Wachstum im dritten und vierten Quartal 2025 wieder Fahrt aufnehmen, prognostiziert UBS. Für das erste Quartal 2026 erwartet die Bank 0,3 Prozent, im zweiten Quartal 0,4 Prozent – getrieben vom Abbau budgetbedingter Unsicherheit.
Die Inflation fiel im Januar auf 3,0 Prozent und soll dort auch im Februar verharren, bevor sie im April auf 2,0 Prozent sinkt – dank niedrigerer Energierechnungen und nachlassender Basiseffekte. UBS rechnet mit durchschnittlich 2,0 Prozent für 2026, nach 3,4 Prozent im Vorjahr.
Die Bank of England dürfte reagieren: UBS erwartet eine Zinssenkung um 25 Basispunkte im März auf 3,5 Prozent, gefolgt von einem weiteren Schritt im Juni auf 3,25 Prozent. Die Risiken neigen sich „nach unten“ – ein Unterschreiten der 3,25-Prozent-Marke ist möglich. Das Fiscal Statement am 3. März wird voraussichtlich keine großen Änderungen bringen, trotz geringeren Spielraums als im November geschätzt.
China: Die langfristige Strategie
Während Zentralbanken kurzfristig taktieren, plant China strategisch. Eine Reuters-Analyse von 100 chinesischen Fachartikeln seit 2017 enthüllt: Peking arbeitet systematisch daran, sich durch etwa 20 Handelsabkommen in globale Wirtschaftsblöcke einzubetten – von der EU über Golfstaaten bis zum transpazifischen CPTPP.
„Unterbreche deinen Gegner nicht, wenn er einen Fehler macht“, kommentierte ein chinesischer Beamter Trumps disruptive Handelspolitik. Tatsächlich nutzt China die Unsicherheit: Das Abkommen mit Kanada während Premierminister Mark Carneys Besuch im Januar, das Zölle auf chinesische E-Fahrzeuge senkt, war erst der Anfang. Im Januar bot China 53 afrikanischen Ländern Nullzölle an, Außenminister Wang Yi überraschte europäische Verhandler im November mit der Perspektive eines EU-Freihandelsabkommens.
Die Hürden sind hoch: Chinas Handelsüberschuss von 1,2 Billionen Dollar schreckt ab, viele fürchten eine Flut günstiger Waren bei schwacher chinesischer Binnennachfrage. Pascal Lamy, ehemaliger WTO-Chef, nennt die chinesische Überproduktion ein „Mysterium“. Doch Peking bleibt hartnäckig – die Vision ist klar: sich so tief in den Welthandel einzubetten, dass Entkopplung unmöglich wird.
Fazit: Divergenz als neues Normal
Die globale Geldpolitik fragmentiert sich zusehends. Während Japan seine Zinswende forciert und die Fed ihre Optionen offenhält, kämpft Indonesien mit strukturellen Herausforderungen. Großbritannien hofft auf sanfte Landung, China spielt das lange Spiel.
Für Anleger bedeutet das: Regionale Differenzierung wird wichtiger denn je. Die Zeit einheitlicher globaler Trends scheint vorbei – willkommen in der Ära der Divergenz.
