Der Nahostkonflikt hat die globale Geldpolitik neu sortiert. Während Öl auf über 110 Dollar je Barrel klettert, sitzen Notenbanken weltweit in der Klemme: Zinsen senken und Wachstum stützen – oder erhöhen und Inflation bekämpfen? Beides gleichzeitig geht nicht.
Fed zwischen Ölschock und Stagflationsangst
Die US-Notenbank ließ die Zinsen auf ihrer Sitzung diese Woche unverändert bei 3,50 bis 3,75 Prozent – das zweite Mal in Folge. Was neu ist: Die Fed prognostiziert für dieses Jahr nun höhere Inflation als bisher geplant. Grund ist der Ölpreisanstieg seit dem Beginn der US-israelischen Militärschläge auf den Iran Ende Februar. Seit damals hat sich Rohöl der Marke Brent um mehr als 40 Prozent verteuert und nähert sich der 110-Dollar-Marke.
Fed-Chef Jerome Powell wollte sich nicht festlegen, wie stark der Krieg die US-Wirtschaft letztlich treffen wird. „Zu früh, um die Folgen abzuschätzen“, lautete seine Aussage sinngemäß. Für Anleger ist das keine beruhigende Botschaft. An den Märkten werden Zinssenkungserwartungen seither massiv zurückgeschraubt: Fed-Funds-Futures preisten am Mittwochabend nur noch rund 14 Basispunkte Lockerung bis Dezember ein – kaum mehr als die Hälfte einer normalen Senkung. Noch Ende Februar waren mindestens zwei Zinsschritte nach unten erwartet worden.
Jack Ablin von Cresset Capital bringt es auf den Punkt: „Powell schaut jetzt wirklich auf die Inflation. Es wird eine wachsende Denkschule geben, die sagt, dass die Fed in diesem Jahr gar nicht mehr senken wird.“
Der S&P 500 rutschte nach der Fed-Entscheidung um 1,4 Prozent ab. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen stieg auf 4,26 Prozent, der Dollar-Index legte zu.
BOJ: Pause – aber kein Rückzug
Auch die Bank of Japan hielt ihre Leitzinsen unverändert bei 0,75 Prozent. Die Entscheidung war erwartet worden, trotzdem ist die Lage für Japans Notenbanker alles andere als komfortabel. Als großer Energieimporteur leidet Japan besonders unter dem Ölpreisanstieg: Er treibt einerseits die Inflation nach oben, bremst andererseits Wirtschaftswachstum und Realeinkommen.
Allein BOJ-Ratsmitglied Hajime Takata stimmte für eine Erhöhung auf 1,0 Prozent – er blieb damit isoliert. Im Mittelpunkt steht nun die Pressekonferenz von Notenbankchef Kazuo Ueda. Lässt er zu viel Taubenhaftigkeit erkennen, droht eine weitere Yen-Schwäche. Der Yen notierte am Donnerstag nahe seinem Zweijahrestief bei rund 160 je Dollar. Japans Finanzminister Satsuki Katayama warnte bereits vor spekulativen Marktbewegungen.
„Wenn die Märkte die BOJ als zögerlich bei Zinserhöhungen wahrnehmen, könnte die Yen-Schwäche sich beschleunigen“, warnt Saisuke Sakai von Mizuho Research. Oxford Economics hat seine BOJ-Prognose bereits angepasst und erwartet die nächste Zinserhöhung nun erst im Juli statt im Juni.
Politisch kommt ein weiterer Faktor hinzu: Japans Parlament billigte zwei ausgesprochen geldpolitisch lockere Kandidaten für den BOJ-Vorstand – nominiert von Premierministerin Sanae Takaichi. Die Akademiker Toichiro Asada und Ayano Sato gelten als Befürworter expansiver Politik. Setzt sich Takaichi durch, könnte die BOJ mittelfristig wieder in eine lockerere Richtung gedrängt werden – ausgerechnet dann, wenn die Inflation hartnäckig bleibt.
China und Australien: Zwei Länder, ein Thema
Peking dürfte seinen Leitzins – den Loan Prime Rate – am Freitag zum zehnten Mal in Folge unverändert lassen. Alle 20 Teilnehmer einer Reuters-Umfrage erwarten dies. Der einjährige LPR liegt bei 3,00 Prozent, der fünfjährige bei 3,50 Prozent.
Der Hauptgrund für die Zurückhaltung: Die geopolitische Unsicherheit rund um den Nahostkonflikt. Analysten der Standard Chartered Bank warnen, dass eine weitere Eskalation globale Lieferketten treffen und Chinas Exportwachstum belasten könnte. Eine moderate Verteuerung von Öl sei beherrschbar – eine massive Ausweitung des Konflikts hingegen nicht. Stimulus-Maßnahmen werden deshalb verschoben: Eine RRR-Senkung, die ursprünglich für das erste Quartal erwartet wurde, ist nun erst im zweiten Quartal realistisch.
Australien präsentierte derweil einen zwiespältigen Arbeitsmarktbericht. Die Beschäftigung stieg im Februar um knapp 49.000 Stellen – weit über den erwarteten 20.000. Doch der Zuwachs speiste sich vor allem aus Teilzeitjobs, die Vollzeitstellen sanken sogar. Die Arbeitslosenquote kletterte auf 4,3 Prozent. Für die Reserve Bank of Australia, die zuletzt zweimal in Folge die Zinsen erhöht hat, liefert das keine klare Richtung. Märkte preisen derzeit eine 57-prozentige Chance auf eine weitere Erhöhung im Mai ein.
Wo verstecken sich Anleger?
In diesem Umfeld suchen Investoren Schutz. Dividendenstarke Aktien gelten als eine Option – „ein guter Ort zum Unterstellen, während sich die Dinge klären“, wie Cresset-CIO Ablin formuliert. Phil Blancato von Osaic empfiehlt Rohstoffe angesichts hartnäckiger Inflation, ist bei US-Aktien dagegen zurückhaltend: „Die Fed rettet den Markt hier nicht.“
Marta Norton von Empower bringt das Dilemma auf den Punkt: Wer auf geldpolitische Lockerung als Kurstreiber gesetzt hatte, muss seine Erwartungen jetzt zurückschrauben.
Wie lange der Nahostkonflikt anhält und ob die Ölpreise auf diesem Niveau bleiben, weiß niemand. Bis zur Antwort werden Zentralbanken weltweit weiter auf Sicht fahren – und Anleger weiter rätseln.
