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Zentralbanken im Iran-Krieg-Dilemma

Der militärische Konflikt mit Iran treibt die Energiepreise und stellt Notenbanken weltweit vor das Dilemma zwischen Inflationsbekämpfung und Wachstumssicherung.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • Ölpreise steigen nach Konfliktbeginn um bis zu 70 Prozent
  • Australien hebt Zinsen an, Japan kämpft mit Yen-Schwäche
  • Taiwan hält Leitzins dank KI-Boom vorerst stabil
  • Blockade der Straße von Hormuz belastet globale Lieferketten

Der Krieg gegen Iran hat die globale Geldpolitik in eine Zwickmühle manövriert. Steigende Ölpreise, ein blockierter Strait of Hormuz und ein schwächelnder Yen – in dieser Woche treffen sich mindestens acht Zentralbanken gleichzeitig, um Antworten auf eine Frage zu finden, die keine einfache Lösung hat: Inflation bekämpfen oder Wachstum schützen?

Wenn Öl alles verändert

Seit dem Beginn der US-israelischen Militäroperation gegen Iran am 28. Februar sind die globalen Ölpreise um bis zu 70 Prozent gestiegen. Brent-Rohöl hat die Marke von 100 Dollar je Barrel überschritten. Das trifft importabhängige Volkswirtschaften hart – und stellt Zentralbanker vor ein klassisches geldpolitisches Dilemma: Zu früh straffen schadet dem Wachstum, zu spät handeln lässt die Inflation außer Kontrolle geraten.

Die Antworten fallen je nach wirtschaftlicher Ausgangslage sehr unterschiedlich aus. Australien und Japan stehen dabei exemplarisch für zwei entgegengesetzte Pole.

Australien: Die RBA hebt erneut an

Die Reserve Bank of Australia dürfte am Dienstag die Leitzinsen um 25 Basispunkte auf 4,10 Prozent erhöhen – den zweiten Schritt in Folge nach einem gleichartigen Schritt im Februar. Treiber ist eine hartnäckige Inflation, die bereits vor dem Iran-Krieg über dem Zielkorridor der RBA von zwei bis drei Prozent lag. Der neue Energiepreisschock verschärft den Druck zusätzlich.

„In Australien war die Inflation schon vor dem Nahost-Konflikt zu hoch. Mit dem neuen Energiepreisschock steigen die Risiken weiter“, sagt Carol Kong, Währungsstrategin bei Commonwealth Bank of Australia. NAB-Analysten bringen es auf den Punkt: Angesichts einer überhitzten Wirtschaft und eines robusten Arbeitsmarkts sei eine Zinserhöhung im März die politisch risikoärmste Entscheidung. Ein weiterer Schritt im Mai gilt als wahrscheinlich, das angestrebte Zinsniveau liegt bei 4,35 Prozent.

Der australische Dollar reagierte bereits positiv auf die hawkischen Erwartungen und stieg auf rund 0,7019 US-Dollar. Analysten von Westpac sehen weiteres Aufwärtspotenzial, sollte die RBA ihre restriktive Kommunikation beibehalten.

Japan: Zwischen Stagflation und Glaubwürdigkeit

Für die Bank of Japan ist die Lage komplizierter. Der Leitzins verbleibt voraussichtlich bei 0,75 Prozent – doch der Druck nimmt zu. Japan importiert rund 90 Prozent seines Energiebedarfs, überwiegend aus dem Nahen Osten. Ein schwacher Yen, der zuletzt bei rund 159 je Dollar notierte, verteuert diese Importe zusätzlich.

„Für Japan geht es nicht nur um höhere Ölpreise, sondern um eine Verschlechterung der Terms of Trade durch teure Energieimporte, kombiniert mit Yen-Schwäche und eingeschränktem geldpolitischem Spielraum“, erklärt Naomi Fink, Chefstrategin bei Amova Asset Management.

Das eigentliche Problem: Japans Realzinsen sind trotz bisheriger Erhöhungen tief im negativen Bereich. Steigende Importkosten drohen, dieses Defizit noch zu vergrößern und vergangene Zinsschritte zu entwerten. Gleichzeitig würde eine zu zögerliche Haltung von BOJ-Gouverneur Kazuo Ueda die Langfrenditen weiter treiben – Marktteilnehmer preisen bereits eine rund 70-prozentige Wahrscheinlichkeit für eine Erhöhung im April ein. Die Renditen japanischer Staatsanleihen erreichten am Montag ein Einmonatshoch.

„Hätte die BOJ ihre Leitzinsen bereits auf ein neutrales Niveau gebracht, könnte sie sich eine Pause leisten. Das ist leider nicht der Fall“, sagt Naomi Muguruma von Mitsubishi UFJ Morgan Stanley Securities.

Taiwan: Der ruhige Pol im Sturm

Einen auffälligen Kontrast bietet Taiwan. Die dortige Zentralbank dürfte ihren Leitzins bei zwei Prozent belassen – und das voraussichtlich bis weit ins Jahr 2027. Der Grund: Taiwans KI-getriebener Technologieboom hat die Wirtschaft auf Hochtouren gebracht. Das BIP wuchs 2025 um 8,68 Prozent, das schnellste Tempo seit 15 Jahren. Für dieses Jahr erwartet die Statistikbehörde ein Plus von 7,7 Prozent.

Die Inflation liegt mit 1,75 Prozent im Februar noch unter der Warnschwelle von zwei Prozent. Alle 29 im Reuters-Poll befragten Ökonomen erwarten keine Zinsänderung. Dennoch bleibt auch Taipei nicht immun: Sollten Energiepreise dauerhaft hoch bleiben, könnte laut Analyst Kevin Wang von Taishin Securities eine „schwierige Stagflationssituation“ entstehen.

Hormuz-Diplomatie und ihre Markteffekte

Während Zentralbanker rechnen, versucht Washington die geopolitischen Weichen zu stellen. US-Präsident Donald Trump führt nach eigenen Angaben Gespräche mit mehreren Ländern über die Überwachung der Straße von Hormuz, durch die rund 20 Prozent des weltweiten Ölangebots fließen. Iran hat den Seeweg als Reaktion auf die US-israelischen Angriffe effektiv blockiert.

Trump bezeichnete die mögliche Operation als „kleines Unterfangen“ und behauptete, Iran verfüge kaum noch über Raketen und Drohnen. Ob diese Einschätzung zutrifft, bleibt offen – Teheran signalisiert weiter Gegenwehr. US-Streitkräfte griffen am Wochenende die Ölexportinsel Kharg an, Trump schloss weitere Angriffe nicht aus.

Die Aussicht auf eine mögliche Öffnung des Seewegs ließ die Ölpreise im asiatischen Handel leicht zurückgehen – doch von Entspannung kann keine Rede sein.

Ausblick: Entscheidende Wochen

Diese Woche markiert eine geldpolitische Wegscheide. Für die BOJ wird der eigentliche Stresstest im April kommen, wenn sie ihr Quartalsgutachten vorlegt und neue Konjunkturdaten – darunter der Tankan-Bericht und Erkenntnisse ihrer Regionalbankmanager – einfließen. Die zentrale Frage: Bleibt das Szenario solider Lohn- und Wirtschaftsentwicklung als Basis für weitere Zinsschritte tragfähig?

Für Anleger weltweit bedeutet die Gleichzeitigkeit von Krieg, Ölpreisschock und Zinsentscheidungen ein schwer kalkulierbares Umfeld. Jorry Noeddekaer von Polar Capital sieht die Wahrscheinlichkeit grundlegender Kurswechsel in der Geldpolitik als gering an – vorausgesetzt, der Konflikt bleibt zeitlich begrenzt. Doch genau das ist die große Unbekannte.

Dr. Robert Sasse

Dr. Robert Sasse ist promovierter Ökonom und Unternehmer mit umfassender Expertise in Finanzmärkten und Wirtschaftstheorie. Seine akademische Ausbildung verbindet er mit praktischer Unternehmenserfahrung, um fundierte Analysen zu langfristigen Anlagestrategien zu liefern.

Als Verfechter einer marktwirtschaftlichen Ordnung fokussiert sich Dr. Sasse auf die Vermittlung von Strategien für nachhaltigen Vermögensaufbau durch Aktieninvestments. Seine wissenschaftlich fundierten Beiträge auf stock-world.de richten sich an Anleger, die eigenverantwortliche, informierte Entscheidungen für ihre finanzielle Zukunft treffen möchten.

Dr. Sasse spezialisiert sich auf die verständliche Aufbereitung komplexer ökonomischer Zusammenhänge und die praktische Anwendung von Investmentstrategien für die Altersvorsorge. Sein Ansatz kombiniert theoretisches Wissen mit klarem Praxisbezug, um Lesern Orientierung in einem dynamischen Marktumfeld zu bieten.

Mit seiner Expertise unterstützt er Anleger dabei, die Chancen des Kapitalmarkts systematisch und langfristig zu nutzen – unabhängig von kurzfristigen Marktschwankungen.