Der Yen steckt in der Klemme. Trotz einer historischen Zinserhöhung der Bank of Japan auf ein 31-Jahres-Hoch und einem US-Iran-Friedensdeal, der die Ölpreise abstürzen ließ, notiert die japanische Währung weiterhin nahe Vierzig-Jahres-Tiefs — ein seltenes Zeugnis dafür, wie mächtig die Gegenkräfte am Devisenmarkt gerade sind.
Kein Ausweg in Sicht
Am Freitag pendelte der Yen um die Marke von 161,2 je US-Dollar — ein Niveau, das zuletzt im Juli 2024 erreicht wurde. Die viel beachtete Schwelle von 160 Yen pro Dollar gilt unter Marktteilnehmern als inoffizielle rote Linie für ein Eingreifen Tokios. Die wurde längst überschritten.
Was den Verfall so bemerkenswert macht: Eigentlich hätten gleich zwei Katalysatoren die Währung stützen sollen. Die BOJ hob ihren Leitzins in dieser Woche auf 1,0 Prozent an — der höchste Stand seit 1995. Gleichzeitig normalisierten sich nach dem US-Iran-Friedensabkommen die Öltransporte durch die Straße von Hormus, was den Brent-Rohölpreis innerhalb einer Woche um rund 9,5 Prozent auf unter 80 Dollar je Barrel drückte. Günstigeres Öl bedeutet weniger Importdruck für energieabhängige Länder wie Japan. Trotzdem zeigte der Yen kaum Reaktion.
„Große spekulative Short-Positionen im Yen haben sich trotz der BOJ-Zinserhöhung nicht verringert“, schreiben Analysten der DBS Bank. Die Skepsis der Märkte richtet sich vor allem gegen Premierministerin Sanae Takaichi und ihre als wenig haushaltsdiszipliniert wahrgenommenen Ausgabenpläne — ein strukturelles Vertrauensproblem, das keine Zinserhöhung kurzfristig lösen kann.
Interventionslimit nähert sich
Das japanische Finanzministerium hat in diesem Jahr bereits erhebliche Summen eingesetzt. Marktanalyst Tony Sycamore von IG in Sydney schätzt, dass Tokio rund 11,7 Billionen Yen für Dollarverkäufe aufgewendet hat — ohne spürbaren Effekt. „Das entspricht bereits 11 bis 12 Prozent der gesamten Reserven in relativ kurzer Zeit“, so Sycamore. Ab dem Niveau von 161,95 werde das Ministerium wohl erneut eingreifen, aber: „Sie müssen künftig deutlich selektiver vorgehen, um ihre Glaubwürdigkeit zu erhalten.“
BOJ-Vizegouverneur Ryozo Himino bekräftigte unterdessen im Parlament, die Zentralbank werde den Zinserhöhungskurs fortsetzen. Das Risiko einer nach oben abweichenden Kerninflation sei real. Tatsächlich blieb die japanische Kerninflation im Mai zwar zum vierten Mal in Folge unter der Zwei-Prozent-Zielmarke — staatliche Energiesubventionen drücken die Werte künstlich. Analysten von Capital Economics warnen jedoch, dass die verzögerte Weitergabe höherer Energiekosten die Inflation bis Anfang 2027 auf rund 3,5 Prozent treiben könnte.
Der Dollar dominiert, weil die Fed hawkish bleibt
Auf der anderen Seite der Gleichung steht ein erstarkter US-Dollar. Der Dollar-Index erreichte ein 13-Monats-Hoch, nachdem neun von 19 Fed-Mitgliedern bei der Sitzung am Mittwoch höhere Zinsen für dieses Jahr signalisierten. Der neue Fed-Vorsitzende Kevin Warsh betonte unmissverständlich seinen Fokus auf Preisstabilität — ohne Rücksicht auf politischen Druck zur Lockerung.
Die Märkte reagierten prompt. Fed-Funds-Futures preisen mittlerweile eine Wahrscheinlichkeit von knapp 39 Prozent für eine Zinserhöhung bereits im Juli ein — vor einer Woche lag dieser Wert noch bei 8 Prozent. Kurzlaufende US-Staatsanleihen gerieten unter Druck, die zweijährige Rendite stieg auf 4,18 Prozent. Längere Laufzeiten profitierten hingegen vom Rückgang der Ölpreise und dem Vertrauen in die Fed-Unabhängigkeit.
Friedensdeal mit Fragezeichen
Der US-Iran-Friedensdeal hat die Märkte beflügelt — aber die Begeisterung hat Risse. Japans Nikkei legte auf Wochensicht rund 8,5 Prozent zu, Südkoreas Kospi sogar mehr als 15 Prozent. Technologiewerte, allen voran Chiphersteller, profitierten enorm. Intel-Aktien sprangen um mehr als 10 Prozent, nachdem Trump ankündigte, Apple werde mit Intel künftig Chips in den USA fertigen.
Doch die geopolitische Lage bleibt fragil. US-Vizepräsident JD Vance sagte kurzfristig eine geplante Reise zu Verhandlungen in der Schweiz ab. Iran signalisierte, es wolle erst konkrete Umsetzungsschritte der USA sehen, bevor weitere Gespräche stattfinden. Israel — nicht Teil des Abkommens — setzt seine Operationen gegen die Hisbollah im Libanon fort und torpediert damit die Stimmung. Das 14-Punkte-Memorandum öffnet zwar ein 60-Tage-Fenster für Nukleargespräche, doch ob es hält, ist ungewiss.
„Die künftige Kontrolle über die Straße von Hormus liegt bei Iran und Oman“, warnt Madison Cartwright von der Commonwealth Bank of Australia. Die zollfreie Durchfahrt sei nur für 60 Tage garantiert. Die Möglichkeit einer iranischen „Seeverkehrsgebühr“ in der Zukunft sei damit keineswegs vom Tisch.
Europas gemischte Signale
Großbritannien meldete derweil überraschend starke Einzelhandelszahlen. Die Umsätze stiegen im Mai um 1,2 Prozent gegenüber dem Vormonat — doppelt so viel wie erwartet. Warmes Wetter und Halbjahresferien trieben die Verbraucher in die Geschäfte. Im Jahresvergleich lagen die Volumina 3,2 Prozent höher.
Das ändert jedoch wenig am politischen Gesamtbild. Andy Burnham, Bürgermeister von Greater Manchester, gewann eine Nachwahl und gilt nun als ernsthafter Herausforderer für Labour-Premierminister Keir Starmer. Das Pfund reagierte kaum — der Markt wartet ab. Die Bank of England ließ ihren Leitzins bei 3,75 Prozent unverändert, angesichts der anhaltenden Unsicherheit über den weiteren Inflationsverlauf.
Was bleibt, ist ein globales Marktbild voller Gegensätze: Rekordstände in Tokio und Seoul, ein geschwächter Yen, ein hawkisher Fed-Chef, ein fragiler Nahostfrieden — und eine Zentralbank in Japan, die gegen den Strom schwimmt, ohne den Kurs wirklich ändern zu können.
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