Es gibt diese Momente an der Börse, in denen ein Unternehmen zwei Geschichten gleichzeitig erzählt – und die Anleger sich nicht entscheiden können, welcher sie glauben sollen. XPeng liefert diese Woche genau so einen Moment.
Am Montag hatte die Robotik-Tochter Dogotix eine Finanzierungsrunde von mehr als 900 Millionen US-Dollar bei einer Bewertung von über 6,3 Milliarden Dollar eingesammelt, mit Alibaba und Tencent als Investoren im Rücken. Die Aktie legte daraufhin um 4,9 Prozent zu. Drei Tage später schickte das eigentliche Kerngeschäft die Papiere wieder auf Talfahrt.
Der Grund: Die am Montag veröffentlichten Zahlen zum zweiten Quartal 2026 fielen enttäuschend aus, und die Prognose für das dritte Quartal noch enttäuschender. XPeng erzielte einen Umsatz von 19,74 Milliarden Yuan bei einer Bruttomarge von 20,7 Prozent und lieferte 103.295 Fahrzeuge aus.
Für das dritte Quartal stellte der Konzern nun 115.000 bis 121.000 Auslieferungen sowie einen Umsatz zwischen 21,7 und 23,4 Milliarden Yuan in Aussicht – nach Reuters-Berichten unterhalb der Erwartungen der Wall Street.
Als Grund nannte die Nachrichtenagentur den sich verschärfenden Wettbewerb im chinesischen Elektroauto-Markt. Der Verlust pro Aktie lag bei 1,29 Yuan, ebenfalls unter den Analystenschätzungen.
Ein Markt, der keine Gnade kennt
Genau darin liegt die eigentliche Geschichte hinter der Geschichte: China baut derzeit mehr Elektroautos, als der Markt verdauen kann, und jeder Hersteller kämpft um Marktanteile mit Preisnachlässen und immer neuen Modellzyklen.
XPeng ist dabei kein Einzelfall, sondern ein Symptom. Wer in diesem Umfeld überleben will, braucht entweder eine Kostenführerschaft oder eine zweite Wachstumsstory. XPeng hat sich für Letzteres entschieden – und baut sie sich gerade mit viel fremdem Kapital zusammen.
Immerhin gibt es Lichtblicke jenseits der Heimatmärkte: Die Auslandsauslieferungen überstiegen im zweiten Quartal 20.000 Einheiten, und internationale Märkte trugen im ersten Halbjahr 2026 ein Viertel des Umsatzes bei.
Der Modell-Launch des L03 habe laut Unternehmensangaben ein historisch hohes Bestellvolumen ausgelöst, die Auslandsauslieferungen sollen im vierten Quartal 2026 beginnen. Das ist die Art von Wachstum, die Anleger eigentlich hören wollen – nur reicht sie derzeit nicht, um die Schwäche im Heimatmarkt zu überdecken.
Roboter als Rettungsanker – oder als Ablenkung?
Und dann ist da die zweite Erzählung: Humanoide Roboter. XPeng peilt für Ende 2026 die Skalenproduktion seines Roboters „Iron“ an, die kommerzielle Einführung soll 2027 folgen. Die frische Finanzierungsrunde für Dogotix zeigt, dass namhafte Investoren an dieses Zukunftsfeld glauben.
Aber lässt sich ein wackelndes Autogeschäft wirklich durch eine noch unbewiesene Robotik-Sparte stabilisieren? Die Frage ist berechtigt, denn Iron generiert bislang keinen Umsatz, während die Kernmarke mit sinkenden Margen und einer verfehlten Prognose zu kämpfen hat.
Parallel dazu arbeitet XPeng an der Software-Front weiter: Ab Ende August soll Version 6.3.0 des Fahrassistenzsystems VLA 2.0 ausgerollt werden. Das ist die Art von inkrementeller Weiterentwicklung, die im Alltag der Kunden zählt, an der Börse aber selten für Schlagzeilen sorgt.
Der Kurs spiegelt die Zerrissenheit wider: Bei 10,02 Euro liegt die Aktie nur noch gut sechs Prozent über ihrem 52-Wochen-Tief von 9,42 Euro, während sie fast 60 Prozent unter ihrem Hoch aus dem November notiert.
Der Abstand zum 200-Tage-Durchschnitt von 14,45 Euro zeigt, wie stark sich die mittelfristige Stimmung eingetrübt hat. Auf Jahressicht steht ein Minus von 44 Prozent, über zwölf Monate sind es 49 Prozent.
Nebenbei hat sich für XPeng zumindest ein juristisches Kapitel geschlossen: Der australische Bundesgerichtshof wies die Klage des Vertriebspartners TrueEV vergangene Woche ab, nachdem dieser eine gerichtlich angeordnete Sicherheitsleistung nicht gezahlt hatte. Der für Oktober 2026 geplante Prozess entfällt damit.
Am Ende bleibt die Kernfrage bestehen: Kann Kapital aus der Robotik-Ecke ein strukturelles Problem im Autogeschäft kompensieren? Die Investoren von Alibaba und Tencent haben ihre Wette bereits platziert. Der breitere Markt zeigt sich zurückhaltender.
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