Nordex meldet Rekordbestellungen aus den USA, RWE sichert sich Zuschläge auf zwei Kontinenten – und ABO Wind kämpft ums nackte Überleben. Selten lagen Erfolg und Krise im Bereich Erneuerbare Energien so nah beieinander wie derzeit. Fünf Werte, fünf völlig unterschiedliche Geschichten.
Siemens Energy: Der Omterra-Umbau und die Analystenfrage
Bei rund 150 Euro notiert die Siemens-Energy-Aktie aktuell, nach einem Plus von 1,84 Prozent zum Vortag. Vom 52-Wochen-Hoch bei 195,54 Euro, erreicht Ende April, trennen das Papier noch gut 23 Prozent. Seit Jahresbeginn steht dennoch ein Zuwachs von knapp 25 Prozent zu Buche, auf Zwölfmonatssicht sind es sogar über 61 Prozent.
Im Zentrum der Nachrichtenlage steht die geplante Umfirmierung in Omterra. Aktuell befindet sich der Konzern in der sogenannten Quiet Period vor der Vorlage der Zahlen zum dritten Geschäftsquartal, die Anfang August erwartet werden. Bis dahin schweigt das Management zum operativen Geschäft.
Bei den Analysten bleibt das Bild positiv, aber uneinheitlich in der Kurszielhöhe. JPMorgan-Analyst Phil Buller bestätigte seine Einstufung Overweight mit einem Kursziel von 235 Euro. Jefferies-Analyst Lucas Ferhani sieht das Papier bei 215 Euro als Kauf und begründet dies mit den künftig wegfallenden Lizenzzahlungen an den Mutterkonzern Siemens – zuletzt über 300 Millionen Euro jährlich, Tendenz steigend. Fällt diese Belastung nach Abschluss des Namenswechsels weg, könnte das die Ebita-Marge um rund 0,9 Prozentpunkte anheben.
ABO Wind: Kurserholung auf extrem niedrigem Niveau
Die ABO-Wind-Aktie notiert bei 3,50 Euro und damit weiterhin im tiefen Krisenmodus, trotz eines leichten Plus auf Wochensicht. Der langfristige Trend bleibt verheerend: Seit Mitte August 2025 hat das Papier den Großteil seines Werts verloren.
Ausgelöst wurde die Kursmisere durch Überzeichnungen und deutlich reduzierte Einspeisevergütungen bei den Wind-an-Land-Auktionen in Deutschland. Die Folge: Wesentliche Projekte verschoben sich ins laufende Geschäftsjahr, gesunkene Erwartungen an das Zuschlagsniveau erzwangen Neubewertungen und erhebliche Sonderabschreibungen.
Das Unternehmen, inzwischen als ABO Energy firmierend, hat mittlerweile ein Sanierungsgutachten vorgelegt und ist damit der gesetzlichen Verlustanzeigepflicht nachgekommen. Ein Effizienz- und Transformationsprogramm soll Prozesse und Länderportfolio an das veränderte Marktumfeld anpassen. Ziel ist ein positives Konzernergebnis noch in diesem Geschäftsjahr. Mit einer Marktkapitalisierung von nur noch rund 32 Millionen Euro zählt ABO Wind mittlerweile zu den kleinsten Werten im gesamten Sektorvergleich.
Vulcan Energy: Geld fließt, der Kurs bleibt stumm
Einen weiteren Meilenstein bei der Umsetzung seines Lithium- und Geothermieprojekts Lionheart hat Vulcan Energy erreicht. Das Unternehmen erfüllte die Bedingungen für die erste strategische Kapitalabrufphase und erhält damit erste Eigenkapitalmittel für das milliardenschwere Vorhaben im Oberrheingraben. Firmenchef Cris Moreno bezeichnete den Schritt als Beleg für die anhaltende Dynamik des Projekts, das im Mai den finanziellen Abschluss erreicht hatte.
Der Markt reagierte auf die Nachricht bemerkenswert gelassen – die Aktie bewegte sich kaum. Lionheart soll künftig 24.000 Tonnen Lithiumhydroxid-Monohydrat jährlich produzieren, parallel dazu erneuerbaren Strom und Wärme liefern. Die geplante Betriebsdauer liegt bei rund 30 Jahren.
Gerade die Kombination aus Rohstoffgewinnung und Geothermie positioniert Vulcan zunehmend auch als Erneuerbare-Energien-Titel. Die aktuellen Kennzahlen zeigen jedoch noch die Frühphase: Im letzten verfügbaren Quartal stand einem Umsatz von rund 3,3 Millionen Euro ein negatives Nettoergebnis gegenüber. Aktuell notiert das Papier bei 1,66 Euro, mehr als 58 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 3,98 Euro.
Nordex: Auftragsbücher quellen über, Analysten uneins
Zu den operativ stärksten Werten im Sektor zählt weiterhin Nordex. Für das zweite Quartal meldete der Hamburger Turbinenbauer Bestellungen über 3.054 Megawatt – ein Plus von 32,2 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Im ersten Halbjahr summieren sich die Neubuchungen auf 4.923 Megawatt, ein Zuwachs von 9,6 Prozent.
Besonders bemerkenswert: der Auftragsschub aus den USA. Neben den etablierten Märkten Deutschland und Türkei verbuchte Nordex dort rund 800 Megawatt Auftragseingang – ein Wert, den das Unternehmen selbst als wichtigen Meilenstein einstuft.
Bei der Bewertung nach dem starken Kursanstieg gehen die Analystenmeinungen weit auseinander. Jefferies hob das Kursziel auf 58 Euro an und bestätigte die Kaufempfehlung, RBC hält dagegen bei 38 Euro und der Einstufung Underperform fest – trotz einer moderaten Anhebung von zuvor 35 Euro. Das RBC-Ziel impliziert ein Abwärtspotenzial von rund 19 Prozent, begründet mit einer nach dem massiven Kursanstieg der vergangenen zwölf Monate überdehnten Bewertung. Aktuell notiert die Aktie bei 39,86 Euro, rund 22 Prozent unter ihrem Rekordhoch von Ende April. Am 29. Juli dürften die Halbjahreszahlen zeigen, welches Lager recht behält.
RWE: Zuschlag in Niedersachsen, Genehmigung in Australien
Seinen Windkraftausbau treibt RWE parallel auf zwei Kontinenten voran. In Deutschland sicherte sich der Essener Energiekonzern in der jüngsten Bundesnetzagentur-Ausschreibung den Zuschlag für ein Repowering-Projekt im niedersächsischen Gifhorn. Drei alte Turbinen weichen drei modernen Anlagen, die Kapazität vervierfacht sich von 5,4 auf 21 Megawatt. Die Inbetriebnahme ist für Ende 2027 geplant, rund 17.000 Haushalte sollen versorgt werden.
RWE-Renewables-Chefin Sopna Sury betonte das Potenzial solcher Modernisierungsprojekte und verwies auf Ausgleichszahlungen an lokale Gebietskörperschaften. Parallel erhielt RWE in Australien grünes Licht für ein deutlich größeres Vorhaben: Das 1,1-Gigawatt-Windparkprojekt „Theodore“ in Zentral-Queensland erhielt die umweltrechtliche Genehmigung der australischen Bundesregierung.
Die RWE-Aktie bewegte sich zuletzt in einer moderaten Korrektur und kreuzte vergangene Woche die 50-Tage-Linie nach unten. Aktuell notiert sie bei 57,00 Euro, nach einem Tagesplus von 2,15 Prozent. Seit Jahresbeginn steht ein Zuwachs von knapp 26 Prozent zu Buche, dazu kommt eine Dividendenrendite im soliden zweistelligen Prozentbereich für Versorgerverhältnisse.
Sektordynamik im Vergleich
Der Blick auf die fünf Werte zeigt ein deutliches Gefälle zwischen etablierten Konzernen und kleineren Spezialwerten:
- Siemens Energy, Nordex, RWE: robuste operative Zahlen, laufende Großprojekte, überwiegend positive Analystenkommentare
- ABO Wind: Sanierungsfall nach eingebrochenen Einspeisevergütungen, Marktkapitalisierung im zweistelligen Millionenbereich
- Vulcan Energy: erreichte Finanzierungsmeilensteine bei Lionheart, aber verhaltene Marktreaktion mangels belastbarer Produktionszahlen
Nordex profitiert dabei am stärksten von der weltweiten Nachfrage nach Onshore-Windkraft, während RWE seine Investitionen geografisch zwischen Deutschland und Australien streut. Bei ABO Wind zeigen die drastischen Kursverluste, wie hart reduzierte Vergütungssätze kleinere Projektentwickler treffen können – während sich Großkonzerne mit breiterer Diversifikation besser gegen solche Marktschwankungen absichern. Vulcan Energy wiederum steht exemplarisch für die Geduldsprobe kapitalintensiver Infrastrukturprojekte.
Zwei Geschwindigkeiten im Erneuerbaren-Sektor
Für die kommenden Wochen rücken bei mehreren Werten konkrete Termine in den Fokus. Bei Nordex dürften die Halbjahreszahlen Ende Juli zeigen, ob sich der Auftragsboom auch in verbesserten Margen niederschlägt. Siemens Energy bleibt bis zur Zahlenvorlage Anfang August in der Quiet Period, sodass der Rebranding-Prozess vorerst im Vordergrund steht. Bei RWE wird sich zeigen, ob weitere Ausschreibungserfolge und internationale Genehmigungsfortschritte den jüngsten moderaten Kursrücksetzer ausgleichen können.
Bei ABO Wind bleibt die Umsetzung des Sanierungsprogramms entscheidend für die weitere Kursentwicklung. Bei Vulcan Energy muss der Baufortschritt am Lionheart-Standort in den kommenden Quartalen zeigen, ob das Vertrauen der Finanzierungspartner auch an der Börse ankommt. Der Sektor bleibt damit zweigeteilt: hier die Großen mit vollen Auftragsbüchern, dort die Kleinen im Überlebenskampf.
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