Wienerberger steckt in einer der schwierigsten Phasen der jüngeren Unternehmensgeschichte. Der Baustoffkonzern senkte seine Gewinnprognose für 2026, verlor überraschend seinen langjährigen Vorstandschef und kämpft mit einem eingebrochenen Wohnungsneubau in wichtigen Märkten. Die Aktie notiert nur noch knapp über ihrem 52-Wochen-Tief – doch ausgerechnet jetzt greifen Führungskräfte selbst zu.
Am Vortag schloss das Papier bei 19,65 Euro, aktuell notiert es bei 19,50 Euro und damit rund 40 Prozent unter dem Hoch der vergangenen zwölf Monate von 32,48 Euro.
Zum 52-Wochen-Tief von 19,00 Euro fehlen nur noch 2,6 Prozent. Seit Jahresbeginn hat die Aktie 36 Prozent verloren, binnen sieben Handelstagen ging es um 6,6 Prozent nach unten. Der Relative-Stärke-Index von 31,2 signalisiert eine überverkaufte Situation.
Gesenkte Prognose nach schwachem zweiten Quartal
Am Mittwoch legte Wienerberger Zahlen für das zweite Quartal vor, die den Kursrückgang der vergangenen Wochen erklären. Der Umsatz stieg zwar um 13 Prozent auf 1.409 Millionen Euro, das operative EBITDA sackte jedoch um 9 Prozent auf 230 Millionen Euro ab.
Für das Gesamtjahr kappte das Unternehmen die EBITDA-Guidance von ursprünglich rund 810 Millionen Euro auf nunmehr etwa 700 Millionen Euro. Im ersten Halbjahr insgesamt schrumpfte das EBIT sogar um 70 Prozent auf 60 Millionen Euro, während das operative EBITDA um 15 Prozent auf 326 Millionen Euro zurückging.
Ursache ist vor allem die anhaltende Schwäche im Wohnungsneubau in den USA, Kanada und Großbritannien. Diese Märkte belasten das Ergebnis 2026 nach Unternehmensangaben um rund 100 Millionen Euro auf EBITDA-Ebene, davon waren bereits rund 40 Millionen Euro im ersten Halbjahr wirksam.
Gegensteuern soll die strategische Ausrichtung auf Infrastruktur- und Renovierungsgeschäft, das mittlerweile über 60 Prozent des Konzernumsatzes ausmacht und damit weniger stark am zyklischen Neubau hängt.
CEO-Rücktritt verschärft die Unsicherheit
Zusätzliche Nervosität brachte der überraschende Rücktritt von Heimo Scheuch, der Wienerberger 17 Jahre lang geführt hatte. Scheuch trat am 10. August aus gesundheitlichen Gründen mit sofortiger Wirkung zurück. Gerhard Hanke, bislang im Vorstand, übernahm interimistisch die Konzernführung. Der Führungswechsel fiel in eine ohnehin angespannte Phase und dürfte Investoren zusätzliche Zurückhaltung beschert haben.
Bemerkenswert: Kurz nach seiner Ernennung kaufte Hanke am 13. August eigene Aktien des Unternehmens, ein sogenanntes Directors‘ Dealing. Wenige Tage später, am Donnerstag vergangener Woche, folgte Aufsichtsratsvorsitzender Peter Steiner mit einem eigenen Aktienkauf. Solche Insider-Käufe in einer Phase fallender Kurse gelten häufig als Vertrauenssignal des Managements in die mittelfristigen Aussichten.
Zukäufe sollen Wachstum stützen
Trotz der operativen Probleme trieb Wienerberger im laufenden Jahr seine Übernahmestrategie voran. Der italienische Keramikhersteller Italcer wurde mehrheitlich übernommen, für 160 Millionen Euro in bar plus konsolidierte Nettofinanzschulden von 240 Millionen Euro.
Italcer erzielte 2025 einen Umsatz von 350 Millionen Euro, mittelfristig soll der Zukauf mehr als 100 Millionen Euro zum EBITDA beitragen. Ebenfalls abgeschlossen wurde die Übernahme der skandinavischen NEWS Group im Bereich Abwasserlösungen, hinzu kommt die im Mai vereinbarte Übernahme des serbischen Ziegelherstellers Univerzum Group mit einem erwarteten Umsatz von rund 20 Millionen Euro für 2026.
Citi hatte die Aktie bereits am 22. Juli von „Buy“ auf „Neutral“ zurückgestuft und das Kursziel von 30 auf 22 Euro gesenkt – zu einem Zeitpunkt, als der Kurs noch deutlich über dem heutigen Niveau lag.
Ob sich die Übernahmen und der Fokus auf Infrastruktur und Renovierung angesichts der schwachen Neubaumärkte auszahlen, dürfte über die kommenden Quartale entscheiden, wie belastbar die neue Konzernführung um Hanke den eingeschlagenen Kurs fortsetzen kann.
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