Sehr geehrte Damen und Herren,
die Notenbanken tagen diese Woche, doch den Takt gibt der Ölmarkt vor. Fed, EZB und Bank of Japan entscheiden zwischen Mittwoch und Freitag. Die Pausen gelten als beschlossen, gehandelt wird längst der Dezember.
Der Ölpreis der Sorte Brent stieg am Freitag auf den höchsten Stand seit April. Die Bundrendite steht so hoch wie seit 2009 nicht. Für Ihr Depot zählen in den nächsten Tagen drei Dinge: die Dezember-Signale der Notenbanken, der Ölpreis und der Börsengang von Anthropic.
Fed und EZB: Jetzt Pause, im Dezember der nächste Schritt
Die Zinsentscheide dieser Woche sind kaum noch eine Nachricht. An den Terminmärkten wird auf künftige Zinsen gewettet. Dort liegt die Wahrscheinlichkeit für eine Fed-Pause am Mittwoch bei rund 90 Prozent, bei der EZB am Donnerstag ist das Bild noch eindeutiger.
Warum also hinschauen? Weil der Dezember zählt. In einer Reuters-Umfrage erwartet die große Mehrheit der Ökonomen dann eine EZB-Erhöhung auf 2,75 Prozent, für die Fed rechnen Zins-Futures zu knapp 80 Prozent mit einem weiteren Schritt. Deutsche Bank und Commerzbank legten am Montag bereits zu, Vonovia dümpelt nahe dem Jahrestief.
Der Grund steht in den Preisdaten. Die Euro-Inflation stieg im September auf 3,8 Prozent, ein Dreijahreshoch, und fast alles davon war Energie. Unangenehm ist die Lage in den USA, wo im September nur 29.000 neue Stellen entstanden. Das Risiko liegt in der Pressekonferenz von Fed-Chef Warsh am Mittwoch, falls er den schwachen Arbeitsmarkt stärker gewichtet als die Energiepreise.
Öl: Diplomatie drückt, Drohnen halten den Preis oben
Der Ölpreis bleibt der eigentliche Inflationstreiber. Brent schloss am Freitag über 116 Dollar, die Gewinnserie hielt damit an. Auslöser waren Drohnenangriffe auf das saudische Ölfeld Shaybah und den Flughafen Dammam. Am Montag drehte der Preis nach unten, weil Vertreter Saudi-Arabiens, der Türkei und Pakistans in Teheran über Deeskalation verhandelten.
Ist das Schlimmste damit vorbei? Die Fundamentaldaten sprechen dagegen. Der Durchfluss durch Hormus liegt weit unter Normalniveau, und die strategische US-Ölreserve ist so niedrig wie seit 1982 nicht. Händler taxieren den Krisenaufschlag im Preis auf rund 20 Dollar je Barrel.
Für Ihr Depot heißt das: Energie bleibt der Treiber, der die Dezember-Erhöhungen zementiert. Wie dünn das Eis ist, zeigt Coterra. Der Energiewert verlor am Montag 8,6 Prozent.
Anthropic: Ein Börsengang als Stimmungstest für Chipwerte
Der Börsenprospekt von Anthropic hat die Chipwerte am Montag aus ihrer Delle gezogen. Dem Wall Street Journal zufolge strebt Anthropic eine Bewertung von 1,5 bis 2 Billionen Dollar an. Das Debüt an der Nasdaq könnte schon ab Mitte November folgen.
Die Zahlen sind extrem, und zwar in beide Richtungen. Der Umsatz wuchs im ersten Halbjahr um 1.304 Prozent. Der ausgewiesene Nettoverlust von 80,7 Milliarden Dollar stammt überwiegend aus buchhalterischen Belastungen der Finanzierungspapiere. Ohne Sondereffekte blieb operativ ein Plus.
Warum freut das die Chipbranche? Im Prospekt stehen milliardenschwere Zusagen für Rechenkapazität an Google, Amazon und Microsoft. Nvidia und Broadcom legten am Montag zu, der Prospekt nennt Broadcom als direktesten Profiteur. Nimmt der Markt das Geld auf, ist die Kreditfrage für den Sektor entschärft. Enttäuscht das Debüt, zieht es die Zulieferer mit.
Wer beim Anthropic-Debüt nicht nur auf Nvidia und Broadcom blickt, sondern den KI-Boom breiter abdecken will, findet dafür eine Orientierung: Ein kostenloser Report stellt die Top 10 der Big-Data-Unternehmen vor und zeigt, wie sich gezielt in Künstliche Intelligenz investieren lässt. Big-Data-Top-10 jetzt herunterladen
Rheinmetall: Die Analysten streiten um den Wert
Bei Rheinmetall sind sich die Analysten nur in einem einig: Sie sind sich uneinig. Die Aktie hält sich knapp über der Marke von 1.000 Euro, liegt seit Jahresbeginn aber 34 Prozent im Minus.
Was ist Rheinmetall also wert? Die Kursziele reichen von 1.020 bis 1.800 Euro, ein Konsens fehlt. UBS etwa senkte ihr Ziel, bleibt aber bei Kaufen. Bei Renk zeigt sich derselbe Vertrauensverlust: Metzler und JPMorgan kürzen ihre Ziele, bleiben aber ebenfalls bei Kauf.
Charttechniker, die aus Kursverläufen Marken ableiten, achten genau auf die 1.000 Euro. Darunter droht ein weiterer Rückfall. Die Klärung kommt bald: Am 5. November legt Rheinmetall Quartalszahlen vor, danach folgen der Kapitalmarkttag und die erwartete Arminius-Bestellung. Wer hier einsteigt, kauft gesenkte Erwartungen, nicht den Konsens.
Munich Re: Mehr Gewinn, weniger Fantasie
Münchener Rück liefert und bekommt trotzdem eine Abstufung. Der Rückversicherer hob seine Gewinnprognose für 2026 auf 6,6 Milliarden Euro an.
Exane BNP Paribas stufte am Montag dennoch auf Neutral ab, Ziel 580 Euro. Die Bewertung sei nach der kräftigen Erholung seit dem Juni-Tief angemessen. Barclays hält mit „Overweight“ dagegen, empfiehlt die Aktie also stärker zu gewichten. Münchener Rück steht bei rund 556 Euro.
Das Muster ist typisch: Die Gewinne sind da, doch der Preiszyklus in der Rückversicherung dreht. Das restliche Aufwärtspotenzial ist einstellig. Dafür stützt das Zinsumfeld die Kapitalanlage.
Sartorius: Hoch erreicht, Ziele auch
Bei Sartorius hat der Kurs die Analysten eingeholt. Der Laborzulieferer markierte am Montag ein Jahreshoch, nachdem die Quartalszahlen bei Umsatz und operativem Ergebnis die Erwartungen übertroffen hatten.
RBC stufte am Freitag auf „Outperform“ hoch, sieht die Aktie also besser als den Markt, und hob das Ziel auf 330 Euro. Bei rund 287 Euro hat Sartorius das untere Ende der Zielspanne aber bereits erreicht.
Anders Fresenius: Hier sind die Analysten der Börse voraus. Berenberg und JPMorgan bleiben positiv, die Aktie liegt seit Jahresbeginn aber 5,5 Prozent im Minus. Und BASF hat Kreisen zufolge das Angebot für Evonik erhöht, bestätigt hat das keiner der beiden Konzerne.
Das große Bild
Die Notenbanken werden diese Woche nichts tun und alles sagen. Entscheidend sind die Signale für den Dezember, und die Energiepreise lassen Fed wie EZB kaum eine Wahl. Für Anleger heißt das: Banken und Versicherer haben Zinsrückenwind, Immobilienwerte stehen unter Druck, Chipwerte hängen am Anthropic-Börsengang.
Wie schnell Politik Bewertungen zerlegt, zeigt Brasilien. Der Bovespa brach nach Lulas Wiederwahl um 14,6 Prozent ein. Die wichtigsten Termine: Mittwoch die Fed, Donnerstag die EZB sowie Zahlen von Alphabet, Microsoft und Amazon, Freitag die Bank of Japan. Danach folgen am 3. November die US-Zwischenwahlen.
