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Wenn die Zinsen hoch bleiben: Bilanzen halten, Wachstumsstorys brechen

Hohe Zinsen spalten den Markt: Bayer, Allianz und Commerzbank überzeugen, während Zalando und Lufthansa einbrechen. Fed-Entscheid rückt näher.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • Fed-Zinserhöhung wird wahrscheinlicher
  • Bayer, Allianz, Munich Re stark
  • Commerzbank mit Rekordgewinn und Übernahmepoker
  • Zalando und Lufthansa brechen ein

Sehr geehrte Damen und Herren,

54 Prozent – so hoch taxiert der Terminmarkt inzwischen die Wahrscheinlichkeit, dass die Fed bei ihrer nächsten Sitzung die Zinsen anhebt. Nicht senkt, erhöht. Vor wenigen Wochen wäre eine solche Zahl undenkbar gewesen. Während sich diese Wette an den Anleihemärkten festigt, hat die abgelaufene Berichtssaison in Europa und den USA bereits vorgeführt, wer mit dauerhaft hohen Zinsen leben kann und wer nicht: Konzerne mit robustem Cashflow bestehen den Stresstest, Wachstumsversprechen dagegen zerbrechen an der kleinsten Abweichung von der eigenen Prognose. Der DAX kletterte am Dienstag auf ein Allzeithoch, der Dow Jones knackte erstmals die 54.000-Punkte-Marke – doch die eigentliche Geschichte des Zeitraums steht nicht im Index, sondern in den Einzelbilanzen.

Substanz besteht den Stresstest: Bayer, Munich Re, Allianz

Bayer legte am Dienstag Zahlen vor, die den Markt überzeugten: Das bereinigte EBITDA stieg im zweiten Quartal um 1,9 Prozent auf 2,14 Milliarden Euro, der Umsatz um 1,2 Prozent auf 10,87 Milliarden Euro. Die Agrarsparte Crop Science lieferte mit einem operativen Gewinnsprung von 33 Prozent auf 902 Millionen Euro den Beweis, dass sich das Geschäft stabilisiert – und Bayer senkte sein Nettoschulden-Ziel für 2026 auf 29 bis 30 Milliarden Euro, nach zuvor 32 bis 33 Milliarden Euro.

Am Freitagmorgen zogen Munich Re und Allianz nach. Der Rückversicherer meldete 2,2 Milliarden Euro Nettogewinn für das zweite Quartal – deutlich über dem Analystenkonsens von rund 1,79 Milliarden Euro – und bestätigte sein Jahresziel von 6,3 Milliarden Euro. Allianz verbuchte mit 4,87 Milliarden Euro operativem Gewinn ein Rekordquartal, das den Konsens von 4,60 Milliarden Euro übertraf; nur das Nettoergebnis blieb wegen Sonderbelastungen aus dem Verkauf der indischen Gemeinschaftsunternehmen zurück. Bemerkenswert: Diese Resilienz entsteht vor dem Hintergrund einer schwachen deutschen Konjunktur – Ökonomen erwarten für 2026 nur 0,5 Prozent Wachstum, und in Unternehmensumfragen überwiegt inzwischen leicht der Anteil der Pessimisten.

Dieselbe Trennlinie zeigte sich innerhalb des DAX selbst. Nach der Rekordpause vom Mittwoch führte Fresenius den Index mit einem Kurssprung von 4,91 Prozent an – der Titel hat binnen eines Monats rund zehn Prozent gewonnen und nähert sich wieder seinem Februar-Jahreshoch von 52,90 Euro. Infineon dagegen wurde wegen anhaltender Unsicherheit im Halbleitersektor gemieden und notiert nach einem Minus von rund 14 Prozent im selben Zeitraum deutlich unter seinem Junihoch von 89,67 Euro. Siemens Energy lieferte am Mittwoch mit einer Gewinnverdreifachung einen weiteren Beleg dafür, wie scharf der Markt inzwischen selbst innerhalb der DAX-Substanzwerte zwischen klarer Visibilität und zyklischer Unsicherheit unterscheidet.

Commerzbank: Rekordgewinn trifft auf Übernahmepoker

Die Commerzbank meldete am Donnerstag einen Halbjahresnettogewinn von 1,8 Milliarden Euro – ein Plus von 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr –, das operative Ergebnis kletterte um 14 Prozent auf 2,7 Milliarden Euro. Allein im zweiten Quartal verdiente das Institut 898 Millionen Euro, nach 462 Millionen im Vorjahresquartal, ein Sprung von 94 Prozent. Spannender als die Zahlen war aber der Tonwechsel von CEO Bettina Orlopp, die sich im Ringen mit Unicredit merklich kompromissbereiter zeigte als zuletzt.

Der Stand der Dinge: Die Bafin hatte Ende Juli den Antrag der Italiener auf Überschreitung der 30-Prozent-Schwelle als vollständig eingestuft, seither läuft die EZB-Prüfung mit einer Frist von 60 Arbeitstagen plus möglicher Verlängerung um 20 Tage. Unicredit hält rechnerisch bereits 47,59 Prozent der Stimmrechte – 44,37 Prozent direkt, weitere 3,22 Prozent über Optionen – und könnte im vierten Quartal auf bis zu 49,75 Prozent kommen. Eine faktische Kontrollübernahme wäre damit frühestens ab Oktober 2026 möglich. Für Aktionäre bleibt die Aktie ein Übernahmepoker mit Bonus: Parallel läuft ein von der EZB genehmigter Aktienrückkauf über bis zu 1,2 Milliarden Euro, und für 2026 peilt die Bank eine Kapitalrückgabe von insgesamt rund 3,2 Milliarden Euro an. Der Kurs markierte am Donnerstag mit 39,85 Euro ein neues Jahreshoch, bevor er sich am Freitag wieder beruhigte.

Wo Wachstumsversprechen brechen: Zalando, FMC, Lufthansa

Den Gegenpol zur Substanz-Story lieferte derselbe Dienstag. Zalando brach nach Quartalszahlen zweistellig ein, nachdem der Konzern sein Wachstumsziel für Bruttowarenvolumen und Umsatz nur noch in der unteren Hälfte der Spanne von 12 bis 17 Prozent für erreichbar hält. Fresenius Medical Care verlor ebenfalls deutlich – obwohl der Konzern seine Jahresprognose 2026 bestätigte. Das allein zeigt, wie nervös der Markt inzwischen auf jede Unschärfe reagiert. Lufthansa traf es noch härter: Ein Anstieg der Kerosinkosten um 750 Millionen Euro gegenüber dem Vorjahr schickte die Aktie ebenfalls zweistellig nach unten.

Alle drei Werte notieren inzwischen spürbar unter ihren erst vor wenigen Wochen erreichten Jahreshochs – bei Zalando war das Ende Juli, bei Lufthansa Anfang Juli. Die Botschaft für Anleger: In einem Umfeld anhaltend hoher Zinsen verzeiht der Markt keine verwässerte Guidance mehr, selbst wenn die operative Substanz – wie bei FMC – im Kern intakt bleibt.

Dass hinter dem KI-Thema echte Industrienachfrage steckt, bewies unterdessen Caterpillar. Der Baumaschinenkonzern meldete am Dienstag einen Rekord-Auftragsbestand von 72,1 Milliarden Dollar – ein Plus von 92 Prozent gegenüber dem Vorjahr, getrieben unter anderem von Gasturbinen für Rechenzentren. Der Umsatz kletterte im zweiten Quartal um 24 Prozent auf 20,5 Milliarden Dollar, der bereinigte Gewinn je Aktie von 8,17 Dollar übertraf die Konsensschätzung von rund 6,20 Dollar deutlich. Zudem senkte Caterpillar seine Prognose für Zollkosten 2026 auf 2,2 Milliarden Dollar. Der Dow-Rekordschluss über 54.000 Punkten am selben Tag ging zu rund einem Drittel auf das Konto dieser einen Aktie. Analysten bewerten den Titel mehrheitlich mit „Moderate Buy“, das durchschnittliche Zwölf-Monats-Kursziel liegt bei 995,52 Dollar; die nächste Quartalsdividende von 1,63 Dollar wird am 19. August ausgezahlt.

Der eigentliche Kurswechsel: von Zinssenkung zu Zinserhöhung

Während die Aktienmärkte Rekorde feierten, vollzog sich der eigentliche Kurswechsel der Woche an den Anleihemärkten. Notenbanker wie Kansas-City-Fed-Präsident Schmid erklärten am Mittwoch, die aktuelle Geldpolitik sei nicht restriktiv genug, um die Inflation zurück auf das Zwei-Prozent-Ziel zu bringen. Der Markt preist inzwischen jene eingangs erwähnten 54 Prozent Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung bei der nächsten Fed-Sitzung ein – nicht für eine Senkung. Der heute Nachmittag fällige US-Arbeitsmarktbericht für Juli, für den Volkswirte einen Stellenzuwachs von rund 80.000 nach mageren 57.000 im Juni erwarten, dürfte darüber entscheiden, ob sich diese Einschätzung festigt. Fed-Chef Kevin Warsh verfolgt dabei bewusst einen Kurs geringerer Vorab-Kommunikation und überlässt dem Anleihemarkt mehr Preisfindung – was die Volatilität an den Zinsmärkten zusätzlich erhöht. Für Anleger mit Blick auf Bund-Futures oder Zins-ETFs heißt das: Die Wette auf baldige Lockerung, die die Rally der vergangenen Wochen mitgetragen hat, ist keineswegs mehr die sichere Bank.

Wie unmittelbar sich das Fed-Thema durchschlägt, zeigt der Kryptomarkt. Michael Saylors Strategy verkaufte in der Woche bis zum 2. August weitere 1.638 Bitcoin zu einem Durchschnittskurs von 63.957 Dollar – deutlich unter der eigenen Kostenbasis von 75.419 Dollar. Der Erlös von rund 104,7 Millionen Dollar floss in Rückkäufe der Vorzugsaktie STRC und in Dividendenzahlungen; der Gesamtbestand liegt weiterhin bei über 842.000 Bitcoin, die Barreserve bei rund 4 Milliarden Dollar. Nachdem zuletzt Abflüsse aus US-Spot-Bitcoin-ETFs zu beobachten waren, drehte der Trend am Donnerstag: Die Fonds verzeichneten den größten Tageszufluss seit Mai – ausgelöst ausgerechnet durch die Hoffnung auf einen schwächer als erwartet ausfallenden Arbeitsmarktbericht. Für Krypto-Anleger bleibt die Lage damit zweigeteilt: strukturelle Verkäufe eines Großinvestors auf der einen, kurzfristige Zinsfantasie auf der anderen Seite.

Das große Bild

Die Berichtssaison hat in dieser Woche eine Trennlinie gezogen, die härter ausfällt als jede Sektorgrenze: Wer Cash zeigt, wird belohnt – Bayer, Munich Re, Allianz, Commerzbank, Caterpillar. Wer nur Wachstum verspricht und davon abweicht, wird abgestraft – Zalando, Lufthansa, mit Abstrichen sogar FMC trotz bestätigter Prognose. Diese Trennung dürfte sich verschärfen, sollte sich die Zinserhöhungs-Wette am Anleihemarkt bestätigen. Der heutige Arbeitsmarktbericht ist dafür der erste Test, es folgen am Mittwoch die US-Verbraucherpreise, am Donnerstag die Erzeugerpreise und am 19. August das FOMC-Protokoll. Bei der Commerzbank dürfte sich in den kommenden Wochen entscheiden, ob Unicredit über die EZB-Freigabe hinaus tatsächlich die Kontrollschwelle erreicht – ein Termin, den Anleger im Kalender behalten sollten. Und an der Ölfront sorgt die ungeklärte Frage einer vollständigen Wiederöffnung der Straße von Hormus weiterhin für Nervosität, ohne bislang die Substanz-Rally in Europa ernsthaft zu gefährden.

Ein Wochenende, in dem die Anleihemärkte nicht pausieren – nutzen Sie die Ruhe, um Ihr Depot auf beide Zins-Szenarien vorzubereiten.

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Eduard Altmann

Eduard Altmann ist Finanzexperte mit über 25 Jahren Erfahrung an den globalen Finanzmärkten. Als Analyst und Autor beim VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft spezialisiert er sich auf Aktienmärkte, Gold, Silber, Rohstoffe und den Euro.

Altmann ist überzeugter Verfechter des Value-Investing und identifiziert unterbewertete Unternehmen mit hohem Wachstumspotenzial. Sein Börsendienst "Megatrend-Depot" vermittelt praxisnahe Strategien erfolgreicher Value-Investoren. Mit seinem Motto "Manage dein Vermögen selbst" inspiriert er Anleger zur eigenverantwortlichen Vermögensverwaltung.

Seine Analysen basieren auf der fortschrittlichen Gann-Strategie, die präzise Vorhersagen für Rohstoffmärkte ermöglicht. Diese technische Analysemethode kombiniert historische Daten mit Zyklusanalysen und macht seine Marktprognosen besonders treffsicher.

Durch zahlreiche Publikationen und verständliche Erklärungen komplexer Finanzthemen unterstützt Altmann sowohl Einsteiger als auch erfahrene Investoren bei fundierten Anlageentscheidungen. Seine Arbeit verbindet theoretische Expertise mit praktischen Empfehlungen für den strategischen Vermögensaufbau.