Der Nahostkrieg hat die Weltwirtschaft fest im Griff. Während Drohnen über dem Persischen Golf fliegen und Tanker meiden die Straße von Hormus, zieht ein Dominostein nach dem anderen: steigende Energiepreise, kollabierender Welthandel, strauchelnde Konjunktur. Die OECD senkte am Mittwoch ihre globale Wachstumsprognose auf 2,8 Prozent für 2026 – und warnt, dass im schlimmsten Fall sogar 2,1 Prozent drohen.
Das wäre ein Niveau, das die Welt zuletzt nur in tiefen Krisen gesehen hat – 2008, 2020.
Wenn der Öltransit stockt
Das Kernproblem ist geografisch. Die Straße von Hormus, durch die rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls fließt, ist durch den US-Iran-Konflikt massiv gestört. Kombiniert mit Schäden an Energieinfrastruktur im gesamten Golfraum trieb dies die Energiepreise in die Höhe – und damit auch die Kosten für Dünger, Frachtgut und industrielle Vorleistungen.
OECD-Chefökonom Stefano Scarpetta formulierte es direkt: Je länger die Störungen andauern, desto größer werden die wirtschaftlichen und sozialen Kosten. Im Basisszenario – mit einem baldigen Friedensabkommen – würde sich die Lage ab Mitte des Jahres langsam entspannen. Ohne diese Entspannung aber könnte das globale Wachstum bis 2027 auf 1,8 Prozent absacken, die globale Inflation um 1,3 Prozentpunkte zusätzlich steigen und die Zentralbanken zu Zinserhöhungen von bis zu 0,75 Prozentpunkten zwingen.
Die Finanzmärkte haben das Szenario bereits teilweise eingepreist. US-Militär gab bekannt, iranische Raketenangriffe auf Bahrain, Kuwait und andere Regionsziele abgewehrt zu haben – diplomatische Fortschritte zwischen Washington und Teheran blieben indes aus.
Europa kämpft an zwei Fronten
Die Eurozone spürt den Druck bereits deutlich. Der S&P Global Composite PMI – ein Frühindikator für die Wirtschaftsleistung – sank im Mai auf 48,5 Punkte, den niedrigsten Stand seit 18 Monaten. Werte unter 50 signalisieren Schrumpfung. Es war bereits der zweite Rückgang in Folge, die erste solche Serie seit Ende 2024.
Besonders besorgniserregend: Der Arbeitsmarkt zeigt Risse. Unternehmen bauten Stellen so schnell ab wie seit fünfeinhalb Jahren nicht mehr. Gleichzeitig stiegen die Erzeugerpreise so stark wie seit 38 Monaten nicht, was die Notenbank in ein klassisches Stagflationsdilemma treibt – wachsende Preise bei schrumpfender Wirtschaft.
S&P-Ökonom Chris Williamson schätzt auf Basis der PMI-Daten, dass das Bruttoinlandsprodukt der Eurozone im zweiten Quartal um 0,2 Prozent schrumpfen könnte. Die Inflation könnte sich in den kommenden Monaten der Vier-Prozent-Marke nähern. Deutschland und Frankreich sind die Bremsklötze, während Italien und Spanien noch marginal wachsen.
Die OECD sieht das Eurozonen-Wachstum für 2026 bei gerade noch 0,8 Prozent – gestützt allein durch robuste Arbeitsmärkte und höhere Verteidigungsausgaben, während Haushaltskonsolidierungen die Konjunktur bremsen.
Risse im Golfraum – mit Ausnahmen
Innerhalb der Konfliktregion selbst zeigt sich ein uneinheitliches Bild. Kuweit bleibt tief im Kontraktionsbereich: Der PMI stieg zwar leicht auf 47,2 Punkte, doch Auftragseinbrüche, massive Bestandsreduzierungen und die durch den Irak-Grenzschluss weggebrochenen Exportaufträge belasten das Land erheblich. Ägypten schrumpft den fünften Monat in Folge – Inputkosten kletterten auf den höchsten Stand seit Januar 2023, die Beschäftigung fiel so stark wie seit fast sechs Jahren nicht mehr, Lieferketten brechen unter dem Druck gestörter Schifffahrtsrouten ein.
Die VAE halten sich besser. Der PMI stieg im Mai auf 52,6 Punkte, getragen von Regierungsinitiativen und Projektexpansionen. Aber auch hier längern sich Lieferzeiten so stark wie seit April 2020 nicht mehr – direkte Folge der Hormuz-Blockade. Firmen konnten Kostensteigerungen nicht mehr an Kunden weitergeben und senkten erstmals seit Juni 2025 ihre Verkaufspreise.
Saudi-Arabien überraschte positiv: Der Riyad Bank PMI für den nicht-ölgebundenen Sektor stieg auf 52,8 Punkte. Wiederaufgenommene Verträge und robuste Binnennachfrage kompensieren den erneuten Einbruch bei Exportaufträgen, der nun den dritten Monat andauert.
Der Lichtblick kommt aus Asien
Während weite Teile der Weltwirtschaft straucheln, hat Indien Fahrt aufgenommen. Der HSBC India Services PMI kletterte im Mai auf 59,8 Punkte – der stärkste Wert seit November 2025. Nachfrage nach Frachttransporten, IT-Dienstleistungen und E-Commerce treibt das Wachstum. Auch der Composite PMI überschritt mit 59,3 Punkten deutlich die Wachstumsschwelle.
Wichtig: Kosteninflatation hat sich in Indien zuletzt abgeschwächt – ein seltener positiver Ausreißer in einem globalen Umfeld steigender Preise. Das verschafft Unternehmen Spielraum und Konsumenten Luft.
China ist durch seine großen Energiereserven weniger exponiert und profitiert zudem von gesunkenen US-Zöllen sowie einem wettbewerbsfähigen Technologiesektor. Die OECD erwartet hier ein Wachstum von 4,5 Prozent für 2026 – abgekühlt gegenüber dem Vorjahr, aber solide. Japan hingegen trifft es härter: Als energieintensive Volkswirtschaft mit starker Abhängigkeit von Golfimporten könnte das Wachstum auf 0,6 Prozent fallen.
Technologie als Gegenpol
Mitten in dieser düsteren Gesamtlage sorgt die Technologiebranche für Ablenkung – und für einige Rekordkurse. Nvidia-Chef Jensen Huang bezeichnete den Chiphersteller Marvell Technology als nächstes Billionen-Dollar-Unternehmen. Die Aktie schoss daraufhin um mehr als 30 Prozent nach oben. Asiatische Aktienmärkte erklommen derweil neue Höchststände – getrieben von KI-Euphorie und unbeeindruckt von den geopolitischen Turbulenzen.
Dieses Auseinanderdriften – Kriegsangst auf der einen, Tech-Boom auf der anderen Seite – verdichtet sich zu einer der zentralen Spannungen der aktuellen Märkte. Wie lange die KI-Rally die makroökonomischen Bremsklötze übertünchen kann, bleibt die offene Frage dieses Jahres.
