Die Weltwirtschaft hat sich robuster gezeigt als viele befürchtet hatten. Doch unter der Oberfläche brodelt es: Rekordschulden, steigende Anleiherenditen und eine hartnäckige Inflation drohen die fragile Stabilität zu untergraben. IWF-Chefin Kristalina Georgieva bringt das Dilemma auf den Punkt – ein „Tauziehen“ zwischen Energieschock und KI-Boom bestimmt derzeit die globale Konjunktur.
Vor dem G20-Finanzministertreffen in Asheville sprach Georgieva von einer Weltwirtschaft, die sich „gegen mächtigen Gegenwind aus hoher Verschuldung, hartnäckiger Inflation und Handelsspannungen“ stemmt. Die Schließung der Straße von Hormus im Zuge des Iran-Konflikts hatte viele Beobachter auf einen massiven Ölpreisschock vorbereitet. Stattdessen federten Lagerabbau, alternative Öllieferanten außerhalb der Golfregion, geringere Energienachfrage und der Ausbau erneuerbarer Energien – teils sogar eine Rückkehr zur Kohleverstromung – den Schlag deutlich ab.
KI-Investitionen als Wachstumsmotor
Parallel zur Energiekrise hat sich ein zweiter, positiver Trend verstärkt: Die massiven Investitionen in künstliche Intelligenz stützen in den USA Unternehmensgewinne und Konsumausgaben. Georgieva verwies darauf, dass sich dieser Effekt zunehmend über die US-Grenzen hinaus ausbreitet – Thailand etwa treibt den Ausbau von Rechenzentren und KI-Hardware voran. Genau dieser Boom sorgt aber gleichzeitig für Kopfzerbrechen bei den Notenbanken, denn die immensen Kapitalflüsse in Technologie und Infrastruktur befeuern die Preise zusätzlich.
Die IWF-Chefin bezeichnete die Risiken für den globalen Ausblick zwar als ausgewogener als noch im April, aber weiterhin nach unten gerichtet. Ausschlaggebend seien wachsender Fiskaldruck und die Gefahr, dass Notenbanken ihre restriktive Geldpolitik länger beibehalten müssen, um die Inflation einzudämmen.
Fed zwischen Zinspause und neuer Straffung
Wie ernst die Inflationssorgen sind, zeigt sich in den USA deutlich. Boston-Fed-Präsidentin Susan Collins warnte am Dienstag, die Notenbank müsse die Zinsen bald anheben, sollte sich keine anhaltende Disinflation einstellen. Die Sorge um hohe Preise sei in Gesprächen mit Unternehmen und Haushalten in Neuengland „allgegenwärtig“, so Collins. Ökonomen erwarten für die am Mittwoch anstehenden Daten zum Kernindex der persönlichen Konsumausgaben (PCE) eine Jahresrate von 3,3 Prozent – deutlich über dem Zwei-Prozent-Ziel der Fed.
Der Leitzins liegt derzeit in einer Spanne von 3,5 bis 3,75 Prozent und wurde seit Dezember nicht mehr angetastet. Fed-Chef Kevin Warsh wird am Donnerstag beim Notenbank-Symposium in Jackson Hole erwartet – ein Auftritt, dem angesichts der Uneinigkeit innerhalb der Fed über weitere Zinsschritte besondere Bedeutung zukommt. Neben den Inflationsdaten stehen am Mittwoch auch das US-BIP, Auftragseingänge langlebiger Wirtschaftsgüter und die wöchentlichen Rohöllagerbestände auf der Agenda – Zahlen, die weiteren Aufschluss darüber geben dürften, ob sich die von Georgieva beschriebene Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft fortsetzt.
Erste Bremsspuren zeigen sich bereits am US-Immobilienmarkt: Die Neubauverkäufe brachen im Juli um 10,5 Prozent auf eine annualisierte Rate von 607.000 Einheiten ein – der schwächste Wert seit Januar. Der Medianpreis für ein neues Haus fiel auf 393.800 Dollar, den niedrigsten Stand seit vier Jahren. Hohe Hypothekenzinsen hinterlassen Spuren: Laut Conference Board wollen nur noch 5,2 Prozent der US-Verbraucher innerhalb der nächsten sechs Monate ein Haus kaufen, der stärkste Rückgang seit über fünf Jahren. Immerhin gab es bei den Baugenehmigungen mit einem Plus von 4,3 Prozent ein leichtes Lebenszeichen, auch wenn die Prognose von 5,0 Prozent verfehlt wurde.
Brasilien als Blaupause für fiskalische Zerreißproben
Wie brisant das Thema Staatsverschuldung werden kann, zeigt sich derzeit in Brasilien. Vor der Präsidentschaftswahl am 4. Oktober liefern sich die Lager von Amtsinhaber Lula da Silva und Herausforderer Flavio Bolsonaro einen offenen Schlagabtausch über den richtigen Weg aus der Zinsfalle. Lulas Wahlkampfkoordinator Jose Sergio Gabrielli schlägt Anleihenrückkäufe nach US-Vorbild vor, um die langfristigen Renditen zu drücken. Der frühere Minenminister Adolfo Sachsida, mittlerweile im Wirtschaftsteam Bolsonaros, hält dagegen: Nur Ausgabenkürzungen könnten die Zinsen nachhaltig senken, während künstliche Markteingriffe letztlich Liquidität in die Wirtschaft pumpten und die Inflation weiter anheizten.
Der Streit ist keineswegs akademisch. Brasilien zahlt derzeit rund 7,5 Prozent Realzins auf Staatsanleihen mit Laufzeit bis 2045 – eine happige Prämie, die Investoren angesichts der galoppierenden Pflichtausgaben verlangen. Die Bruttoverschuldung ist seit Lulas Amtsantritt 2023 um mehr als zehn Prozentpunkte auf 81,9 Prozent des BIP gestiegen. Immerhin bringt der hohe Ölpreis infolge des Iran-Konflikts auch positive Nebeneffekte: Die brasilianische Steuerbehörde meldete für Juli mit 289,3 Milliarden Real das höchste Aufkommen seit Beginn der Datenerfassung 1995, angetrieben unter anderem von kräftig gestiegenen Öl-Lizenzeinnahmen.
Handelskonflikte verschärfen die Gemengelage
Zu den strukturellen Belastungen gesellt sich neuer Zündstoff aus dem Handelskrieg zwischen den USA und Kanada. Nachdem Washington am Wochenende neue 50-Prozent-Zölle auf kanadische Importe im Volumen von 20 Milliarden Dollar in Kraft setzte, kündigte Ottawa am Dienstag Gegenzölle in fast identischer Höhe auf 700 US-Produkte an – von Stahl und Aluminium bis hin zu Käse und Elektronik. Flankiert wird die Maßnahme von einem 7,5-Milliarden-Dollar-Hilfspaket für betroffene Unternehmen und Arbeitnehmer. Der Schritt markiert einen neuen Tiefpunkt in den bilateralen Beziehungen und zeigt, wie eng geldpolitische, fiskalische und handelspolitische Risiken inzwischen miteinander verwoben sind.
Genau diese Gemengelage dürfte auch das G20-Treffen in Asheville prägen. Georgieva mahnte alle Länder, glaubwürdige Pläne für tragfähige Schulden- und Defizitpfade vorzulegen. Ob Notenbanken und Regierungen diesen Spagat zwischen Wachstumsstütze KI und wachsendem Schuldenberg meistern, dürfte eine der zentralen Fragen für die Finanzmärkte in den kommenden Monaten bleiben.
