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Weltbörsen: Rekorde trotz Krisenherden

S&P 500 und Nasdaq erreichen neue Höchststände, während die Bank of America vor einem möglichen Absturz europäischer Aktien warnt.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • Wall Street mit sechster Gewinnwoche
  • BofA warnt vor 15% Kursverlust in Europa
  • Chinas Exporte steigen überraschend stark
  • US-Inflationsdaten als nächster Stimmungstest

Die globalen Aktienmärkte zeigen sich von ihrer widersprüchlichsten Seite. Während S&P 500 und Nasdaq neue Rekordhochs markieren und Chinas Exportmotor auf Hochtouren läuft, warnt die Bank of America vor einem 15-prozentigen Absturz europäischer Aktien — und in Washington stockt die Justiz einen milliardenschweren Vergleich aus.

Wall Street trotzt dem Ölpreisschock

Sechs Wochen in Folge Kursgewinne — das hat der S&P 500 zuletzt im Oktober 2024 geschafft. Am Freitag schloss er bei 7.399 Punkten, ein Plus von 0,84 Prozent. Der Nasdaq legte sogar 1,71 Prozent zu und erreichte 26.247 Punkte. Treiber war vor allem der Halbleitersektor: Micron Technology und Sandisk schossen jeweils über 15 Prozent in die Höhe, Nvidia gewann 1,8 Prozent. Der Philadelphia Semiconductor Index verbuchte im zweiten Quartal damit bereits ein Plus von 55 Prozent.

Die eigentliche Überraschung liegt aber im Warum. Brent-Rohöl notiert über 100 Dollar pro Barrel, US-Benzinpreise haben erstmals seit Juli 2022 die Marke von 4,50 Dollar pro Gallone überschritten — und dennoch blenden Anleger diese Risiken weitgehend aus. „Das ist eine Wirtschaft, die sich kaum erschüttern lässt“, kommentierte Rob Williams von Sage Advisory Services. Möglich macht das vor allem eine außergewöhnliche Gewinnsaison: 83 Prozent der bislang berichtenden S&P-500-Unternehmen haben die Erwartungen übertroffen. Der durchschnittliche Langfristwert liegt bei 67 Prozent. Die Gewinne im ersten Quartal dürften gegenüber dem Vorjahr um fast 29 Prozent zulegen.

Der Arbeitsmarkt gibt ebenfalls Rückenwind. Die Beschäftigung stieg im April stärker als erwartet, die Arbeitslosenquote hielt sich bei 4,3 Prozent. Die US-Notenbank Fed dürfte die Zinsen im Bereich von 3,50 bis 3,75 Prozent damit bis Jahresende stabil halten.

Was die nächste Woche entscheidet

Die Frage ist, ob die Rallye trägt. Gleich mehrere Ereignisse könnten die Stimmung kippen — oder befeuern. Dienstagabend steht der Verbraucherpreisindex für April an. Ökonomen rechnen mit einem Anstieg von 0,6 Prozent, nach einem kriegsbedingten Sprung von 0,9 Prozent im März. Kritischer als die Gesamtzahl dürfte der Kernwert sein, der Energie ausklammert. „Wenn der Kern deutlich höher ausfällt, wird das sehr problematisch“, warnte Kristina Hooper von Man Group.

Parallel richtet sich der Blick nach Peking. US-Präsident Donald Trump trifft kommende Woche Chinas Staatschef Xi Jinping — ein Treffen mit Sprengstoff. Auf der Agenda stehen Zugang zu Seltenen Erden, Technologierestriktionen und möglicherweise der Iran-Konflikt. Investoren erhoffen sich vor allem Signale zur Wiedereröffnung der Straße von Hormus, dem zentralen Engpass für globale Öllieferungen.

Chinas Handelsdaten für April geben dabei einen Vorgeschmack, was auf dem Spiel steht. Die Exporte kletterten um 14,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr — deutlich über den erwarteten 7,9 Prozent und weit vor dem 2,5-Prozent-Zuwachs im März. Ausländische Einkäufer horten Vorprodukte aus Angst vor weiter steigenden Energiekosten. Das treibt auch die Importe an: plus 25,3 Prozent. Chinas Handelsüberschuss weitete sich auf 84,8 Milliarden Dollar aus.

Doch die Warnung dahinter ist ernst. Je länger der Krieg dauert, desto mehr erodiert die externe Nachfrage — und Chinas binnenwirtschaftliche Konsumnachfrage kann das nicht kompensieren. Einzelhandelsumsätze bleiben hinter der Industrieproduktion zurück, die Arbeitslosigkeit steigt leicht.

Europa: Selbst Frieden hilft kaum

Während New York Rekorde feiert, kommt Europa nicht vom Fleck. Die Bank of America hat ihre Untergewichtung europäischer Aktien bekräftigt — mit einem klaren Befund: Selbst ein rasches Ende des Iran-Krieges würde die Probleme des Kontinents nicht lösen.

Brent-Öl soll laut BofA-Prognose auch bei einem Kriegsende bis Ende Mai im zweiten und dritten Quartal um die 100 Dollar bleiben. Europäische Erdgaspreise könnten wegen Infrastrukturschäden und Wiederaufbaubedarf auf über 80 Euro pro Megawattstunde springen. Das würde die private Endnachfrage im Euroraum auf annualisiert minus 1 Prozent drücken und den Einkaufsmanagerindex um 2 bis 3 Punkte auf 45 absenken — tief in die Kontraktionszone.

Verschärfend kommt hinzu: Die Europäische Zentralbank dürfte im Sommer die Zinsen um 50 Basispunkte anheben. Zusammen mit der Verschlechterung der Kreditbedingungen — die BofA spricht vom „größten Wachstumshemmnis durch den Kreditzyklus seit 2022″ — ergibt sich ein düsteres Bild. Europäische Aktien sind bereits 7 Prozent schlechter als globale Vergleichswerte gelaufen. Die BofA sieht weiteres Abwärtspotenzial von 15 Prozent.

Politisches Rauschen als Nebengeräusch

Am Rande des Marktgeschehens liefern politische Entwicklungen zusätzlichen Lärm. In Großbritannien steht Premier Keir Starmer nach einem historischen Debakel bei den Kommunalwahlen unter Druck. Labour verlor mehr als 1.400 Sitze; Nigel Farages Reform UK drang tief in ehemalige Labour-Hochburgen vor. Laut Wettplattform Polymarket liegt Starmers Überlebenschance im Amt bis Jahresende bei nur 40 Prozent. Die Unsicherheit treibt bereits die Risikoprämie auf britische Staatsanleihen.

In Washington lehnte Richterin Sparkle Sooknanan den 1,5-Millionen-Dollar-Vergleich zwischen Elon Musk und der US-Börsenaufsicht SEC ab. Sie fordert mehr Transparenz darüber, wie die Einigung zustande kam — und ob sie tatsächlich dem öffentlichen Interesse dient. Hintergrund ist Musks verspätete Offenlegung einer 5-Prozent-Beteiligung an Twitter im Jahr 2022. Musk soll dadurch rund 150 Millionen Dollar gespart haben. Ein Anhörungstermin ist für den 13. Mai angesetzt.

Der rote Faden

Was verbindet all das? Der Iran-Krieg ist der unsichtbare Faden, der sich durch alle Märkte zieht — von der chinesischen Exportdynamik über Europas Energiemisere bis zu den US-Inflationsdaten der nächsten Woche. Wall Street wettet derzeit darauf, dass das Schlimmste ausbleibt. Ob diese Zuversicht trägt, dürfte sich spätestens am Dienstag zeigen.

Eduard Altmann

Eduard Altmann ist Finanzexperte mit über 25 Jahren Erfahrung an den globalen Finanzmärkten. Als Analyst und Autor beim VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft spezialisiert er sich auf Aktienmärkte, Gold, Silber, Rohstoffe und den Euro.

Altmann ist überzeugter Verfechter des Value-Investing und identifiziert unterbewertete Unternehmen mit hohem Wachstumspotenzial. Sein Börsendienst "Megatrend-Depot" vermittelt praxisnahe Strategien erfolgreicher Value-Investoren. Mit seinem Motto "Manage dein Vermögen selbst" inspiriert er Anleger zur eigenverantwortlichen Vermögensverwaltung.

Seine Analysen basieren auf der fortschrittlichen Gann-Strategie, die präzise Vorhersagen für Rohstoffmärkte ermöglicht. Diese technische Analysemethode kombiniert historische Daten mit Zyklusanalysen und macht seine Marktprognosen besonders treffsicher.

Durch zahlreiche Publikationen und verständliche Erklärungen komplexer Finanzthemen unterstützt Altmann sowohl Einsteiger als auch erfahrene Investoren bei fundierten Anlageentscheidungen. Seine Arbeit verbindet theoretische Expertise mit praktischen Empfehlungen für den strategischen Vermögensaufbau.