Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
manchmal bietet die Börse Gelegenheiten, die auf den ersten Blick wie Fallen aussehen. Eine Aktie verliert mehr als die Hälfte ihres Wertes. Schlagzeilen warnen vor Schulden, sinkenden Margen und dem Aufstieg der KI als Bedrohung für das Kerngeschäft. Anleger fliehen. Und genau dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Oracle ist ein solcher Fall.
Der Softwarekonzern hat seit seinem Rekordhoch im vergangenen September rund 52 Prozent an Börsenwert verloren. Das ist der stärkste Sechsmonatsverlust seit dem Jahr 2002. Wer die jüngsten Quartalszahlen und die mittelfristigen Perspektiven des Unternehmens kennt, kommt jedoch zu einem anderen Schluss als der breite Markt. Die Aktie ist schlicht zu günstig geworden.
Ein Konzern im Zentrum der KI-Revolution
Oracle ist kein klassischer KI-Profiteur, der von der Begeisterung für künstliche Intelligenz lediglich mitgetragen wird. Das Unternehmen ist strukturell in das KI-Ökosystem eingebettet. Als einer der zentralen Cloud-Infrastrukturanbieter beliefert Oracle die wichtigsten KI-Entwickler der Welt — darunter OpenAI und Anthropic. Wer die größten Sprachmodelle der Welt betreibt, braucht enorme Rechenkapazitäten. Und diese Kapazitäten liefert Oracle.
Der im September bekanntgewordene Vertrag mit OpenAI sieht vor, dass Oracle dem Unternehmen bis 2031 Rechenleistung im Wert von bis zu 300 Milliarden US-Dollar bereitstellt. Das klingt ehrgeizig und war zunächst auch der Grund für die Skepsis der Märkte. OpenAI müsste dazu ausreichend Kapital aufbringen. Im Februar dieses Jahres meldete OpenAI jedoch eine Eigenkapitalfinanzierung von 110 Milliarden US-Dollar. Damit hat sich die Kreditwürdigkeit des wichtigsten Oracle-Kunden erheblich verbessert. Die Erlöse aus diesem Vertrag dürften ab 2027 merklich in Oracles Bücher fließen.
Quartalszahlen überzeugen auf ganzer Linie
Das dritte Quartal des laufenden Geschäftsjahres hat gezeigt, dass Oracles Wachstum keine Eintagsfliege ist. Der Gesamtumsatz stieg um 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 17,2 Milliarden US-Dollar. Das ist eine deutliche Beschleunigung gegenüber dem Vorquartal, das lediglich 14 Prozent Wachstum verzeichnet hatte. Besonders der Cloud-Infrastrukturbereich setzte ein beeindruckendes Zeichen: Dort legte der Umsatz um 84 Prozent auf 4,9 Milliarden US-Dollar zu.
Alle Segmente lagen über den Analystenerwartungen. Beim Ergebnis je Aktie übertraf Oracle ebenfalls die Prognosen. Entscheidend ist dabei ein weiteres Detail: Das Management hat seine Investitionsplanung nicht nach oben korrigiert. Das geplante Investitionsvolumen von rund 57 Milliarden US-Dollar für das laufende Jahr bleibt unverändert. Und das Eigenkapitalfinanzierungsprogramm, das Befürchtungen über mögliche Verwässerung ausgelöst hatte, wurde bislang gar nicht in Anspruch genommen.
Die Schuldenangst ist übertrieben
Ein zentraler Kritikpunkt an Oracle lautet: zu viele Schulden. Mit einer Gesamtverschuldung von rund 135 Milliarden US-Dollar klingt das zunächst alarmierend. Doch ein Blick auf die Zahlen relativiert diese Sorge erheblich.
Oracle verfügt über knapp 40 Milliarden US-Dollar an liquiden Mitteln. Der kumulierte Kapitalbedarf von 2025 bis 2028 liegt nach Analysteneinschätzung bei rund 75 Milliarden US-Dollar. Selbst wenn Oracle zur Deckung dieser Lücke weitere 35 Milliarden US-Dollar aufnähme, würde die Gesamtverschuldung unter dem Strich sinken, weil gleichzeitig ältere Anleihen zurückgezahlt werden. Anders ausgedrückt: Der Schuldenberg dürfte seinen Höhepunkt bereits erreicht haben. Zudem soll der freie Cashflow bis 2029 auf 29,1 Milliarden US-Dollar steigen. Die Finanzierungslast relativiert sich mit wachsendem Cashflow erheblich.
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Die Margenentwicklung im Cloud-Geschäft
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Margen im Cloud-Segment. Das schnell wachsende Infrastrukturgeschäft erzielt derzeit Bruttomargen von rund 35 Prozent — deutlich weniger als Oracles Gesamtunternehmen mit Margen in den hohen 60er-Prozentbereichen. Das erklärt, warum Analysten trotz eines erwarteten Umsatzwachstums von 35 Prozent jährlich bis 2029 auf dann 207 Milliarden US-Dollar beim Gewinn je Aktie lediglich ein Plus von rund 28 Prozent pro Jahr einkalkulieren.
Doch auch diese Schwäche ist temporärer Natur. Mit zunehmender Auslastung der Infrastruktur sinken die relativen Kosten für Abschreibungen und Restrukturierungen. Oracles Cloud-Infrastruktur ist dabei deutlich effizienter aufgestellt als viele reine Cloud-Computing-Wettbewerber. Marktbeobachter gehen davon aus, dass die operativen Margen im Rechenzentrumssegment in den kommenden Jahren spürbar steigen werden.
KI als Chance, nicht als Bedrohung
Manche Investoren fürchten, dass KI-Tools das klassische Softwaregeschäft von Oracle angreifen könnten, das sogenannte SaaS-Modell steht für viele symbolisch unter Druck. Diese Sorge hat sich bislang nicht bestätigt. Oracle integriert KI-Funktionen aktiv in seine bestehenden Produkte und erhöht damit den Mehrwert für seine Kunden. Neue Kundengewinne im Gesundheits-, Finanz- und Industriesektor sprechen dafür, dass das Unternehmen Marktanteile gewinnt, anstatt sie zu verlieren.
Der Markt irrt, wenn er Oracle als reines Opfer der KI-Disruption betrachtet. Das Gegenteil ist wahrscheinlicher: Wächst der Bedarf an KI-Infrastruktur weiter, und daran zweifeln nur wenige Experten, dann profitiert Oracle als einer der zentralen Rechenleistungsanbieter direkt davon.
Bewertung: Zu günstig für das, was hier geboten wird
Beim aktuellen Kurs notiert die Oracle-Aktie mit dem knapp 20-fachen der erwarteten Gewinne für die nächsten zwölf Monate. Das liegt unterhalb der Bewertung des breiten S&P-500-Index, der aktuell mit dem 21-fachen gehandelt wird. Für einen Konzern mit dem Wachstumsprofil Oracles ist das eine auffällig niedrige Einstiegsbewertung.
Zum Vergleich: Im Hoch des vergangenen Herbstes wurde Oracle noch mit dem 45-fachen der erwarteten Gewinne bewertet. Eine Rückkehr zu diesen Niveaus ist unrealistisch und auch nicht notwendig, um attraktive Renditen zu erzielen. Schon eine Bewertung mit dem 25-fachen Gewinn — ein konservativer Wert am unteren Ende des jüngsten Handelsbereichs — würde einen Kurs von rund 240 US-Dollar implizieren. Das entspräche einem Kursanstieg von gut 57 Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau.
Risiken nicht ausblenden
Natürlich existieren Risiken. Verzögert OpenAI seine Abrufe aus dem Vertrag mit Oracle, würden Umsatz- und Gewinnschätzungen unter Druck geraten. Und sollte das traditionelle Softwaregeschäft doch stärker als erwartet durch KI substituiert werden, wäre Oracles Schuldenbelastung deutlich unangenehmer zu tragen. Diese Szenarien sind möglich, aber nicht das wahrscheinlichste Bild. Das Unternehmen hat mit seinen jüngsten Zahlen gezeigt, dass es liefern kann.
Wer den Unterschied zwischen einem vorübergehenden Kursrückgang und einem strukturellen Problem erkennt, hat an der Börse einen entscheidenden Vorteil. Oracle sieht nach aktuellem Stand wie ein klassisches Beispiel für das erstere aus.
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