Zwei Kräfte treffen den Rohstoffmarkt mit seltener Wucht: Die neue Fed-Führung signalisiert steigende Zinsen, während ein US-Iran-Abkommen geopolitische Risikoprämien schmelzen lässt. Gold verliert seinen wichtigsten Verbündeten. Öl seinen Angstaufschlag. Und beim Kaffee kippt ausgerechnet jetzt das Angebot.
Neun von 19 Fed-Mitgliedern rechnen inzwischen mit mindestens einer Zinserhöhung noch in diesem Jahr. Kevin Warsh positionierte sich bei seiner ersten Pressekonferenz als Notenbankchef überraschend klar als Inflationsbekämpfer. Gleichzeitig trat am 18. Juni ein vorläufiges Friedensabkommen zwischen den USA und dem Iran in Kraft — die Straße von Hormus ist wieder für Tankerverkehr geöffnet. Fünf Rohstoffe, dieselben Schocks, fünf sehr unterschiedliche Reaktionen.
Gold: Goldman kappt das Kursziel um 500 Dollar
Goldman Sachs hat seine Goldpreis-Prognose für Dezember um 500 Dollar auf 4.900 Dollar je Unze gesenkt. Die Analysten Lina Thomas und Daan Struyven begründen den Schritt mit den verschobenen Zinserwartungen: Weitere Senkungen sind vom Tisch, stattdessen drohen Erhöhungen. Goldgedeckte ETFs verzeichneten im Mai Abflüsse von rund 2 Milliarden Dollar, besonders asiatische Fonds zogen erstmals seit August 2025 Kapital ab.
Das Edelmetall schloss die Woche bei 4.172,90 Dollar — der dritte Wochenverlust in Folge. Psychologisch rückt die Marke von 4.000 Dollar in den Fokus. Charttechnisch bewegt sich der Kurs deutlich unterhalb der 200-Tagelinie.
Nicht alle Analysehäuser teilen Goldmans gedämpften Ausblick. Wells Fargo hob sein Jahresziel auf 6.100 bis 6.300 Dollar an, JPMorgan liegt bei 6.300 Dollar, UBS bei 6.200 Dollar. Die Spanne zwischen den Prognosen der großen Banken war selten so breit. Goldman selbst erwartet dennoch starke Zentralbankkäufe — durchschnittlich 50 Tonnen pro Monat für 2026. Die strukturelle Stütze bleibt also intakt, auch wenn der kurzfristige Gegenwind zunimmt.
Silber: Doppelbelastung durch Dollar und Zinsen
Silber traf es härter als Gold. Der Preis fiel am Freitag auf 64,09 Dollar pro Unze und steuerte auf einen Wochenverlust von rund 6 Prozent zu. Der US-Dollar-Index durchbrach die 100 Punkte und drückt auf ein Einjahreshoch — für internationale Käufer wird Silber damit doppelt unattraktiv: zinslos und in einer teuren Währung notiert.
Noch vor dem Fed-Entscheid hatte der Silberpreis den Bereich um 70 bis 71 Dollar getestet. Mit den passenden Impulsen wäre ein rascher Anstieg Richtung 80 Dollar möglich gewesen. Die hawkishen Zinsprojektionen beendeten diese Erholung abrupt.
Fundamental bleibt das Bild zweigeteilt. Das Silver Institute erwartet zwar das sechste strukturelle Marktdefizit in Folge. Gleichzeitig soll die industrielle Verarbeitung 2026 um zwei Prozent auf etwa 650 Millionen Unzen zurückgehen. In der Photovoltaik senken Materialeinsparungen und Substitution den Silberbedarf je Modul — ein schleichender Strukturwandel, der die Nachfrageseite belastet.
Der nächste Katalysator: die US-Inflationsdaten (PCE) am Donnerstag. Sollte der Dollar weiter auf 102,5 oder gar 105 Punkte klettern, droht ein Rutsch unter die 60-Dollar-Marke.
Brent Crude: Acht Prozent Wochenverlust trotz Freitagserholung
Die Wiedereröffnung der Straße von Hormus hat den Brent-Preis auf Talfahrt geschickt. Am Freitag legte die Nordsee-Referenzsorte zwar um 1,51 Prozent auf 80,59 Dollar zu — im Wochenvergleich steht dennoch ein Minus von rund 7 Prozent.
Mindestens vier Tanker mit Rohöl, Ölprodukten und Flüssiggas passierten am Freitag die Meerenge mit Ziel irakische Golfhäfen. Golfproduzenten bereiteten sich darauf vor, ihre Exporte zu erhöhen. Die Risikoprämie, die seit Ausbruch des Nahost-Konflikts Ende Februar die Energiepreise nach oben getrieben hatte, schmilzt.
Gleichzeitig bleibt die Lage fragil. Ein für Freitag in der Schweiz geplantes Folgetreffen zwischen iranischen und US-Vertretern wurde verschoben. Israel weitete seine Angriffe im Libanon aus, obwohl eine Waffenruhe mit der Hisbollah seit Freitag gilt. Die Commerzbank senkte ihre Brent-Jahresendprognose von 85 auf 80 Dollar je Barrel — erwartet aber, dass die Preise über weite Teile des kommenden Jahres über dem Vorkriegsniveau bleiben.
Rohöl WTI: Steilster Wochenverlust seit Monaten
WTI erlitt mit einem Wochenminus von über 8 Prozent den schärfsten Rückgang seit Monaten. Der Kurs liegt bei 77,06 Dollar. Die Schwankungsbreite der vergangenen Monate zeigt das extreme Auf und Ab, das der Iran-Konflikt seit Februar ausgelöst hat: zeitweise kletterte WTI auf 119 Dollar, als die Hormus-Straße gesperrt war, fiel nach der Waffenruhe vom 9. April wieder unter 100 Dollar.
Die wichtigsten Kennzahlen der US-Ölversorgung im Überblick:
- Rohölproduktion: 13,81 Millionen Barrel pro Tag
- Raffinerieauslastung: 96,7 Prozent der Kapazitäten
- Lagerabbau: minus 8,3 Millionen Barrel (neunte bullishe Woche in Folge)
- Strategische Ölreserven: niedrigster Stand seit 43 Jahren
Trotz der Preiskorrektur zeigt der physische Markt also weiterhin Enge. Schifffahrtsunternehmen, Versicherer und Ölhändler bleiben vorsichtig, solange die ungelösten Spannungen im Libanon die Dauerhaftigkeit des US-Iran-Deals bedrohen. Die Stabilisierung oberhalb von 80 Dollar bei Brent und 77 Dollar bei WTI zum Wochenschluss deutet darauf hin, dass der Markt nicht blind auf dauerhaften Frieden setzt.
Kaffeepreis: Brasiliens Rekordernte dreht den Markt
Während Edelmetalle und Energierohstoffe auf Geopolitik und Geldpolitik reagieren, folgt der Kaffeepreis einer ganz eigenen Dynamik. Die erwartete Rekordernte in Brasilien hat die Angebotsrisikoprämie systematisch erodiert.
Die Arabica-Ernte 2026/27 wird von den großen Prognosegruppen auf 66 bis über 75 Millionen Säcke geschätzt. Nach mehreren Defizitjahren dürfte der Markt in einen Überschuss von 7 bis 10 Millionen Säcken drehen. Ein fundamentaler Regimewechsel.
Kurzfristig wirkt das Wetter als Gegengewicht. Eine Kaltfront hält die Temperaturen in Rio Grande do Sul, Santa Catarina und Paraná niedrig und erhöht das Frostrisiko. Die ICE-zertifizierten Arabica-Vorräte fielen auf 396.171 Säcke — deutlich unter den 859.389 des Vorjahres. Das aktuelle Preisniveau von rund 267 US-Cent pro Pfund zeigt: Der Markt preist die Rekordernte ein, hält sich aber eine Wetterprämie offen.
Für Verbraucher ändert sich vorerst wenig. Röstereien kaufen Rohkaffee oft viele Monate im Voraus auf Termin. Bis Preisrückgänge am Weltmarkt im Supermarktregal ankommen, vergehen erfahrungsgemäß sechs bis zwölf Monate.
Drei Weichenstellungen für die kommenden Wochen
Derselbe Doppelschock aus Fed-Hawkishness und Nahost-Entspannung trifft die fünf Rohstoffe mit unterschiedlicher Wucht. Gold und Silber leiden primär unter dem Zinsdruck — besonders Silber wird durch den starken Dollar zusätzlich belastet. Die Energierohstoffe reagieren vor allem auf die geopolitische Komponente: sinkende Kriegsprämie, aber fragiler Waffenstillstand. Kaffee entkoppelt sich komplett und folgt einer rein fundamentalen Angebotslogik.
Drei Variablen bestimmen die Richtung der nächsten Wochen:
PCE-Inflationsdaten am Donnerstag: Eine positive Überraschung könnte Silber wieder über 70 Dollar heben und auch Gold Luft verschaffen. Fällt die Inflation höher aus als erwartet, droht der nächste Schub für Dollar und Zinsen.
Status der Straße von Hormus: Die Tankerroute ist geöffnet, aber das verschobene Schweizer Treffen zeigt, wie dünn das diplomatische Eis bleibt. Jede Eskalation könnte den Ölpreis schnell wieder antreiben.
Brasilien-Wetter: Sollten Fröste die Rekordernte gefährden, könnte die Abwärtsdynamik beim Kaffeepreis abrupt umkehren. Die historisch niedrigen Lagerbestände lassen wenig Puffer.
Die Fed hielt ihren Leitzins bei 3,50 bis 3,75 Prozent — ein Signal, das den gesamten Rohstoffmarkt noch länger beschäftigen wird. Die Ära billiger Absicherung durch zinsloses Gold und Silber steht unter der Warsh-Fed auf dem Prüfstand.
Gold: Kaufen oder verkaufen?! Neue Gold-Analyse vom 21. Juni liefert die Antwort:
Die neusten Gold-Zahlen sprechen eine klare Sprache: Dringender Handlungsbedarf für Gold-Investoren. Lohnt sich ein Einstieg oder sollten Sie lieber verkaufen? In der aktuellen Gratis-Analyse vom 21. Juni erfahren Sie was jetzt zu tun ist.
Gold: Kaufen oder verkaufen? Hier weiterlesen...
