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Wall Street auf Rekordjagd – aber zu welchem Preis?

S&P 500 erreicht neue Höchststände dank KI-Rally, während Inflation und Handelskonflikte die Realwirtschaft belasten.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • S&P 500 steuert auf neunte Gewinnwoche zu
  • Dell-Aktie springt um 28 Prozent
  • Studie: 668.000 Jobs durch Einwanderungspolitik verloren
  • Handelskonflikte mit Vietnam eskalieren

Die US-Wirtschaft sendet widersprüchliche Signale. An der Wall Street herrscht Euphorie: Der S&P 500 steuert auf seine neunte Gewinwoche in Folge zu, angetrieben von einem KI-getriebenen Tech-Boom. Gleichzeitig zeigen neue Studien, dass aggressive Einwanderungsdurchsetzung und Handelskonflikte tiefe Furchen in die Realwirtschaft ziehen.

Tech-Boom trifft Realwirtschaft

Dell schoss am Freitag um 28 Prozent nach oben, nachdem der Konzern seine Jahresprognosen für Gewinn und Umsatz angehoben hatte. Mitgezogen wurden Hewlett Packard Enterprise (+12 Prozent), Super Micro Computer (+10 Prozent) und Microsoft (+3 Prozent). Der Technologiesektor legte insgesamt 1,83 Prozent zu – die KI-Wette zahlt sich aus, zumindest für Aktionäre.

„Es gibt definitiv eine euphorische Stimmung rund um KI. Die Rally wurde wirklich von den Unternehmensgewinnen angetrieben“, sagte Ohsung Kwon, Chefstratege für Aktien bei Wells Fargo. Der Dow Jones kletterte auf über 50.985 Punkte, der S&P 500 auf 7.581 Zähler – beide markierten neue Intraday-Rekorde.

Das Bild ist jedoch nicht makellos. Inflation stieg im April so schnell wie seit drei Jahren nicht mehr. Das BIP-Wachstum im ersten Quartal wurde auf 1,6 Prozent nach unten revidiert. Und die US-Notenbank deutet an, dass Zinssenkungen in weite Ferne rücken – Geldmärkte rechnen nun sogar mit einer Erhöhung um 25 Basispunkte im Dezember.

Einwanderungspolitik kostet Hunderttausende Jobs

Während Tech-Aktien glänzen, zeichnet eine neue Studie der Brookings Institution ein ernüchterndes Bild vom Zustand des Arbeitsmarkts. Die Forscher untersuchten 86 Städte mit den stärksten Zunahmen bei ICE-Verhaftungen in der ersten Jahreshälfte 2025 – und kamen auf rund 668.000 verlorene Stellen. Auf jede zusätzliche Festnahme entfielen demnach etwa 13 verlorene Arbeitsplätze.

Besonders hart traf es das Baugewerbe sowie Kunst und Unterhaltung. Auffällig: Zwischen 51.000 und 297.000 der betroffenen Stellen wurden von in den USA geborenen Arbeitern gehalten. Unternehmen, die teilweise auf Einwanderer angewiesen waren, schränkten ihre Aktivitäten nach Arbeitskräftemangel ein – und entließen dabei auch einheimisches Personal.

In Los Angeles fielen die Konsumausgaben in Stadtteilen mit hohem Migrationsanteil um bis zu 25 Prozent innerhalb von zwei Monaten nach Bekanntgabe einer lokalen ICE-Kampagne. Der sogenannte „Chilling Effect“ – ein allgemeines Abschreckungsklima – griff weit über die direkt betroffenen Gemeinschaften hinaus.

Handelskonflikte mit Vietnam eskalieren

Parallel dazu erhöht Washington den handelspolitischen Druck auf Asien. Die USA haben bereits eine dritte Handelsprüfung gegen Vietnam eingeleitet – diesmal wegen mangelnden Schutzes geistiger Eigentumsrechte, unter dem sogenannten Section-301-Verfahren. Zwei weitere laufende Untersuchungen – zu Überkapazitäten und Zwangsarbeit – sollen im Juli abgeschlossen werden.

Vietnams Handelsüberschuss mit den USA weitete sich 2025 auf 178,2 Milliarden Dollar aus, ein Plus von rund 54,7 Milliarden Dollar gegenüber dem Vorjahr. Für Unternehmen wie Nike oder Crocs, die stark auf vietnamesische Produktion setzen, könnten drohende Zölle empfindlich auf die Margen drücken.

Hegseth in Singapur: Keine Schonzeit mehr für Verbündete

Am Rande dieser wirtschaftlichen Spannungen sendete Verteidigungsminister Pete Hegseth beim Shangri-La-Dialog in Singapur klare Botschaften. Er lobte asiatische Verbündete – allen voran Südkorea – für steigende Verteidigungsausgaben, richtete aber scharfe Worte an Europa: „Die Ära, in der die USA die Verteidigung wohlhabender Nationen subventionieren, ist vorbei.“

Hegseth forderte asiatische Partner auf, ihre Verteidigungsausgaben auf 3,5 Prozent des BIP zu steigern. Die USA selbst kündigten eine Militärinvestition von 1,5 Billionen Dollar an. Bemerkenswert: Hegseth erwähnte Taiwan in seiner Rede mit keinem Wort – das erste Mal seit mindestens einem Jahrzehnt, dass ein Pentagon-Chef dies beim Singapur-Forum unterließ. Ein $14-Milliarden-Waffenpaket für die Insel liegt weiterhin auf Eis.

SpaceX und Samsung: Wer profitiert vom Boom?

Wer von den neuen Rüstungs- und Technologiemilliarden profitiert, wird immer deutlicher. SpaceX sicherte sich allein diese Woche zwei Großaufträge der US Space Force: 4,16 Milliarden Dollar für ein satellitengestütztes Zielverfolgungssystem sowie 2,29 Milliarden Dollar für ein militärisches Kommunikationsnetz. Das Unternehmen strebt eine Börsenbewertung von über 1,75 Billionen Dollar an.

In Südkorea entfacht der KI-Boom eine eigene gesellschaftliche Debatte. Samsung Electronics zahlte einigen Mitarbeitern seiner Speicherchip-Sparte Boni von bis zu 400.000 Dollar, was einen drohenden Streik abwendete. Mitarbeiter anderer Abteilungen erhielten hingegen lediglich rund 4.000 Dollar. Südkoreas Chipexporte sprangen in den ersten 20 Tagen des Mai um 202 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Inzwischen diskutieren südkoreanische Politiker, wie die Gewinne breiter verteilt werden können – von Bürgerdividenden bis hin zu einem staatlichen Wohlstandsfonds. Eine Frage, die sich angesichts der wachsenden Kluft zwischen Profiteuren und Zurückgebliebenen des Tech-Booms auch jenseits Koreas stellt.

Ausblick: Euphorie mit Rissen

Die Märkte feiern – aber die Risse im Fundament werden sichtbarer. Inflation, ein schwächelndes BIP, Handelskonflikte und die sozialen Kosten der Einwanderungspolitik bilden eine Gegenströmung zur Börseneuphorie. Ob KI und Rüstungsaufträge langfristig als Wachstumsmotoren ausreichen, um diese Belastungen auszugleichen, bleibt eine der entscheidenden Fragen für den Rest des Jahres.

Eduard Altmann

Eduard Altmann ist Finanzexperte mit über 25 Jahren Erfahrung an den globalen Finanzmärkten. Als Analyst und Autor beim VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft spezialisiert er sich auf Aktienmärkte, Gold, Silber, Rohstoffe und den Euro.

Altmann ist überzeugter Verfechter des Value-Investing und identifiziert unterbewertete Unternehmen mit hohem Wachstumspotenzial. Sein Börsendienst "Megatrend-Depot" vermittelt praxisnahe Strategien erfolgreicher Value-Investoren. Mit seinem Motto "Manage dein Vermögen selbst" inspiriert er Anleger zur eigenverantwortlichen Vermögensverwaltung.

Seine Analysen basieren auf der fortschrittlichen Gann-Strategie, die präzise Vorhersagen für Rohstoffmärkte ermöglicht. Diese technische Analysemethode kombiniert historische Daten mit Zyklusanalysen und macht seine Marktprognosen besonders treffsicher.

Durch zahlreiche Publikationen und verständliche Erklärungen komplexer Finanzthemen unterstützt Altmann sowohl Einsteiger als auch erfahrene Investoren bei fundierten Anlageentscheidungen. Seine Arbeit verbindet theoretische Expertise mit praktischen Empfehlungen für den strategischen Vermögensaufbau.