Sehr geehrte Damen und Herren,
in zehn US-Bundesstaaten haben Bürger diese Woche über den Bau von Rechenzentren abgestimmt. Fast alle Initiativen stimmten für Beschränkungen. Zusammen mit der neuen demokratischen Mehrheit im Kongress hat das die Märkte binnen eines Tages gedreht. Auf eine Erleichterungsrally am Mittwoch folgte am Donnerstag der schlimmste Nasdaq-Tag seit April 2025.
Abseits der Schlagzeilen lief eine zweite Geschichte. Die Quartalszahlen aus Europas Industrie zeigen eine intakte Ertragskraft. Und der Markt trennt sehr genau zwischen Qualität und verfehlten Prognosen. Rheinmetall hat das schmerzhaft erfahren.
Washington bremst die KI-Rally
Am Mittwoch feierte die Wall Street den Wahlsieg der Demokraten noch mit kräftigen Gewinnen. Am Donnerstag kippte die Lesart. Was haben Bürgerentscheide mit Chipkursen zu tun? Sie stellen den Ausbau der KI-Infrastruktur in Frage, und die UBS schätzt bis zu 30 Prozent der für 2028 geplanten US-Kapazität durch Baustopps gefährdet.
Der Nasdaq Composite verlor am Donnerstag 5,5 Prozent. Er liegt damit mehr als zehn Prozent unter seinem Rekord vom 6. Oktober, was Profis eine Korrektur nennen. Am härtesten traf es Chipwerte wie Nvidia und Infineon. In Asien ging der Abverkauf am Freitag weiter.
Die Kehrseite zeigte sich bei Anleihen. Die Renditen von US-Staatsanleihen fielen auf den tiefsten Stand seit Anfang September. Für Besitzer von Staatsanleihen-ETFs war es die beste Woche seit Wochen. Ist das Schlimmste nun vorbei? Die Geschichte mahnt zur Geduld: Auf Nasdaq-Korrekturen folgten zunächst weitere Verkaufswellen, die Erholung setzte erst nach einigen Monaten ein.
Kreditmarkt: Die Risse zeigen sich ganz unten
Das eigentliche Fieberthermometer sitzt im Kreditmarkt. Bei Anleihen guter Bonität und auch bei Hochzinsanleihen blieben die Risikoaufschläge im Oktober unauffällig. Ganz unten, bei der untersten Ratingstufe, liegt der Aufschlag dagegen bei 1.307 Basispunkten und ist seit Anfang September kräftig gestiegen. Ein Basispunkt ist ein Hundertstel Prozentpunkt.
Bei CoreWeave kostete die Absicherung gegen einen Zahlungsausfall am Donnerstag so viel wie nie. Richmond-Fed-Chef Barkin bezifferte die Schuldenemissionen der großen Cloud-Konzerne für 2026 auf über 500 Milliarden Dollar. Er nannte sie ein Kreditrisiko bei Finanzvermittlern.
Wer Hochzinsanleihen-ETFs hält, sollte prüfen, wie hoch dort der Anteil der untersten Ratingstufe ist. Das Risiko ist bislang nur im Keller eingepreist, also nur dort schon in den Kursen berücksichtigt.
Rheinmetall: Die Kasse fehlt, nicht die Nachfrage
Rheinmetall hat am Donnerstag erneut seine Prognose gesenkt. Der Umsatz 2026 soll nur noch rund 13,2 Milliarden Euro erreichen. Auslöser ist wieder der Bund: Das Radpanzerprojekt Arminius wird wohl erst 2027 beauftragt, eine erwartete Anzahlung in Milliardenhöhe verschiebt sich.
Dabei wuchsen Umsatz und operatives Ergebnis im Quartal kräftig. Trotzdem floss mehr Geld hinaus, als das Geschäft einbrachte. JPMorgan stufte die Aktie auf Neutral ab und spricht von der fünften Gewinnwarnung in elf Monaten.
Die Rheinmetall-Aktie brach am Donnerstag zweistellig ein und liegt nun 47 Prozent unter dem Jahresstart. Fehlt es an Nachfrage? Nein, der Auftragsbestand ist das Argument der Optimisten, das Problem ist die Umwandlung in Kasse. Renk und Hensoldt lieferten im selben Zeitraum solide, es ist also ein Rheinmetall- und kein Branchenproblem.
Continental verdient, BMW warnt
Continental hob am Mittwoch die Jahresziele für das Reifen-Kerngeschäft an, für die Marge wie für den frei verfügbaren Geldzufluss. Das operative Ergebnis im dritten Quartal lag über den Erwartungen der Analysten. Woher kommt die hohe Marge? Von teureren Hochleistungsreifen, die inzwischen 64 Prozent des Pkw-Absatzes der Marke ausmachen.
Diese Reifen glichen den Mengenrückgang über Preis und Produktmischung aus. Finanzchef Welzbacher warnte allerdings vor Gegenwind bei den Rohstoffen im vierten Quartal.
Ganz anders BMW: Der Autobauer gab am Dienstagabend eine Gewinnwarnung aus. Die Aktie stieg am Mittwoch trotzdem kräftig, weil das Schlimmste erwartet war. Seit Jahresstart liegt BMW dennoch 36 Prozent im Minus.
Wie zuverlässig einzelne Aktien auf Quartalszahlen reagieren, ist Thema des Live-Webinars „Quartals-Rally-Trading“. Die Beispiele Continental, BMW und Rheinmetall zeigen diese Woche eindrücklich, wie unterschiedlich der Markt auf Zahlen reagiert, je nachdem ob Erwartungen getroffen, verfehlt oder übertroffen werden. Bernd Wünsche hat genau dieses Muster bei über 500 US-Aktien aus S&P 500 und Nasdaq 100 systematisch ausgewertet: Acht Quartale, Umsatz und Gewinn getrennt betrachtet, 16 Datenpunkte je Unternehmen. Nur 88 Unternehmen lieferten durchgehend bessere Zahlen als erwartet, und nur 11 davon sprangen danach auch in mindestens sechs von acht Quartalen zuverlässig nach oben. Am Sonntag, den 08.11.2026 um 18:00 Uhr, stellt er diese Dauer-Rally-Aktien vor und erläutert sein Vorgehen für Käufe rund um Quartalstermine. Jetzt zum Webinar „Quartals-Rally-Trading“ anmelden
Heidelberg Materials: Wachstum und ein neues Sparprogramm
Heidelberg Materials meldete am Mittwoch das erste zweistellige Umsatzplus seit Anfang 2023. Der Umsatz stieg um 10 Prozent und lag deutlich über den Erwartungen. Zum vorzeitig übertroffenen Sparziel kommen 300 Millionen Euro für 2027 und 2028 hinzu, mit Schwerpunkt auf Werksschließungen in Europa.
Die Aktie sprang am Mittwoch auf das höchste Niveau seit Juli, liegt aber noch weit unter dem Januarhoch. Taugt das als Alternative zum KI-Komplex? Heidelberg Materials, Continental und der deutsche Auftragseingang zeigen zumindest, dass die konjunkturabhängige Ertragsbasis in Europa trägt. Im September stieg der Auftragseingang im Verarbeitenden Gewerbe um 4,4 Prozent zum Vormonat.
Notenbanken: London erhöht, die Fed zögert
Die Bank of England hob am Donnerstag erstmals seit Jahren den Leitzins an, auf 4,00 Prozent. Sie ist nicht allein: Auch Australien, Kanada und Schweden haben erhöht.
Bei der Fed hat der Wahlausgang dagegen die Gewissheit erschüttert. Die Wahrscheinlichkeit einer Anhebung am 9. Dezember sank von über 80 auf rund 70 Prozent.
Bei der EZB ist ein Zinsschritt im Dezember zu 87 Prozent eingepreist. Die Inflation im Euroraum stieg im Oktober auf ein Dreijahreshoch. Wer Bundesanleihen oder Euro-Renten hält, sollte die Einschätzung von ING kennen: Für 2027 erwartet die Bank eine steilere Zinskurve, kurze Sätze dürften fallen, lange nicht.
Das große Bild
Die Woche hat zwei Verschiebungen hinterlassen. Beim KI-Komplex geht es nicht mehr nur um Investitionen, sondern um Genehmigungen und Kredite. Europäische Industriewerte treten dagegen mit soliden Quartalen aus dem Schatten. Der DAX schaffte am Donnerstag trotz der Turbulenzen an der Wall Street ein Rekordhoch knapp unter 26.700 Punkten, bevor Gewinnmitnahmen einsetzten.
Heute Nachmittag entscheidet der US-Arbeitsmarktbericht über die Dezember-Wette der Fed, erwartet werden rund 60.000 neue Stellen. Am Dienstag folgen die US-Verbraucherpreise. Für Rheinmetall-Aktionäre ist der Kapitalmarkttag Ende November der Termin, an dem das Unternehmen den Zweifeln am Geldzufluss etwas entgegensetzen muss. Gönnen Sie sich bis dahin ein Wochenende mit etwas Abstand zu den Kurstafeln.
