Startseite » DAX » Waffenruhe hält, die Zinsen nicht: Fed pausiert, EZB drängt

Waffenruhe hält, die Zinsen nicht: Fed pausiert, EZB drängt

Die Fed pausiert die Zinserhöhung, während die EZB eine zweite Anhebung signalisiert. Europas Finanzwerte profitieren von der Divergenz.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • Fed pausiert Zinserhöhung im Juli
  • EZB signalisiert mögliche September-Erhöhung
  • Mercedes-Benz senkt Umsatzprognose
  • Rüstungssektor profitiert geopolitischer Lage

Sehr geehrte Damen und Herren,

nach 13 Nächten Bombardement herrscht seit dem Wochenende Stille zwischen den USA und Iran. Trump sprach am Montag von „guten Gesprächen“ mit Teheran. Doch Drohnenangriffe auf Saudi-Arabien, Jordanien und Irak zeigen: Diese Waffenruhe ist keine Lösung, sondern eine Pause mit offenem Ausgang. Für die Märkte reichte das zunächst: Öl gab deutlich nach, der DAX rückte an sein Rekordhoch heran, und das Ifo-Geschäftsklima überraschte mit einem Sprung auf 86,6 Punkte – mehr als die erwarteten 86,0. Wer genauer hinschaut, erkennt allerdings zwei parallele Geschichten: eine geopolitische Verschnaufpause und eine Berichtssaison, die gnadenlos zwischen Substanz und bloßem Vertrauensvorschuss unterscheidet.

Eine brüchige Entspannung, ein trügerisches Ifo-Hoch

Der Ifo-Anstieg speiste sich fast vollständig aus den Erwartungen (+2,4 auf 86,7), während die aktuelle Lage mit -0,5 auf 86,5 sogar leicht nachgab. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer warnte zu Recht, dass diese Erholung wegen des zwischenzeitlichen Ölpreisanstiegs nur begrenzte Aussagekraft hat. Die Iran-Frage ist nicht gelöst, nur pausiert – und Anleger, die daraus bereits eine nachhaltige Risikoentspannung ableiten, verwechseln einen Waffenstillstand mit einem Friedensvertrag.

Fed pausiert, EZB wird ungeduldig

Genau in dieses Umfeld platzt am Mittwoch um 20:00 Uhr MESZ die Fed-Entscheidung. Die Wochenend-Entspannung hat die Wettquoten spürbar verschoben: Die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung im Juli fiel binnen einer Woche von 40 auf 33 Prozent, während die Markterwartung für September auf rund 80 Prozent sprang – einzelne Schätzungen sehen sie bis zum 16. September sogar über 82 Prozent. Ein Zinsstopp bei 3,50 bis 3,75 Prozent gilt damit als Basisszenario. Doch die Juni-Inflation von 3,5 Prozent, nach 4,2 Prozent im Mai, lässt der Fed wenig Spielraum für Entwarnung. Entscheidend ist deshalb weniger der Mittwoch selbst als die Tonalität zu September. Und die Bremswirkung ist längst da, unabhängig davon, was Jerome Powell verkündet: Der effektive Tagesgeldsatz liegt bei 3,63 Prozent, die zehnjährige Treasury-Rendite bei 4,69 Prozent, Hypothekenzinsen über 6,5 Prozent und Kreditkarten-APRs von durchschnittlich 23,79 Prozent würgen den US-Konsumenten bereits jetzt ab.

Auf der anderen Atlantikseite läuft die Debatte in die Gegenrichtung. Die EZB beließ den Leitzins im Juli bei 2,25 Prozent, doch die Wortmeldungen der vergangenen Tage lassen an dieser Zurückhaltung zweifeln. EZB-Chefökonom Philip Lane bezeichnete den aktuellen Inflationsschock als „medium-sized“ und erwartet eine Rückkehr zum Zwei-Prozent-Ziel binnen rund zwölf Monaten – doch Ratsmitglied Peter Kazimir signalisierte bereits eine wahrscheinliche Erhöhung im September, um Zweitrundeneffekten zuvorzukommen, und auch Gediminas Simkus hält eine Erhöhung inzwischen für wahrscheinlicher als eine weitere Pause. Für Anleger, die auf diese Divergenz setzen wollen, bieten europäische Finanzwerte handelbare Ankerpunkte: Axa notiert bei 45,38 Euro, nahe ihrem 52-Wochen-Hoch von rund 45,47 Euro, RBC sieht hier noch 52 Euro als Ziel. BNP Paribas liegt bei 108,46 Euro, knapp unter dem am Montag erreichten Rekordhoch von 108,86 Euro – Morgan Stanley traut der Aktie 120 Euro zu, RBC 109 Euro. Höhere Zinsen für länger nützen dem Kreditgeschäft der Institute, solange die Konjunktur nicht kippt.

Anzeige

Während sich Fed und EZB in ihrer Zinspolitik zunehmend auseinanderbewegen, stellt sich für Sparer und Anleger eine drängende Frage: Wie lässt sich ein Depot gegen Inflation und ein anhaltend hohes Zinsniveau absichern? Ein kostenloser Report zeigt, warum Dividenden für viele Anleger zur neuen Zinsquelle werden und welche Strategien jetzt echten Schutz bieten. Kostenlosen Report jetzt sichern

Autobauer bluten, Rüstung boomt

Während Finanzwerte von der Zinsdebatte profitieren, zeigt die Automobilbranche, wie teuer die Kombination aus hohen Energiekosten, China-Schwäche und Elektrifizierungsdruck werden kann. Mercedes-Benz kappte seine Umsatzprognose und erwartet nun ein Minus zwischen 2 und 7,5 Prozent statt des zuvor avisierten Vorjahresniveaus. Der Halbjahresumsatz war bereits um 4,1 Prozent gesunken, der China-Absatz brach um 28 Prozent ein, das EBIT sank auf 3,5 Milliarden Euro. Bemerkenswert: Die Aktie sprang trotzdem auf 47,30 Euro, ein Plus von 4,38 Prozent zum Vortag – offenbar überzeugte die operative Marge den Markt stärker als die gesenkte Umsatzguidance ihn verschreckte. Ein Lehrbuchbeispiel dafür, dass Anleger derzeit Ergebnisqualität über Wachstum stellen.

Noch drastischer fällt die Antwort bei Volkswagen aus: Der Konzern einigte sich am Montag mit der Arbeitnehmerseite auf den Abbau von rund 9.000 Stellen bei Porsche bis 2035 – jeder fünfte Job fällt weg, davon 5.000 zusätzliche Stellen über natürliche Fluktuation und freiwillige Programme. Die Begründung liest sich wie ein Kommentar zur gesamten Branche: schwache Nachfrage, harter Wettbewerb, Kosten der EV-Transformation. Der globale BEV-Markt bestätigt das Bild: Die Neuzulassungen wuchsen im ersten Halbjahr zwar um 9 Prozent auf 6,6 Millionen Fahrzeuge, doch die Dynamik verschiebt sich spürbar. China fiel um 5 Prozent auf 3,6 Millionen, die USA brachen um 22 Prozent auf 460.000 ein, während Europa mit einem Plus von 33 Prozent auf 1,6 Millionen Einheiten – 22 Prozent Marktanteil – zum eigentlichen Wachstumstreiber wurde. Für europäische Autobauer heißt das: Der Heimatmarkt trägt gerade dort, wo die Konzernbilanzen international unter Druck stehen.

Deutlich robuster präsentiert sich der Rüstungs- und Luftfahrtsektor, der von der geopolitischen Lage strukturell profitiert – Waffenruhe hin oder her. Thales erhielt von der Deutschen Bank ein Upgrade auf Buy mit Kursziel 296 Euro; die Aktie steht bei 246,00 Euro und hat allein in den vergangenen 30 Tagen rund 11 Prozent zugelegt. Dassault Aviation legte zuletzt um 1,91 Prozent auf 308,80 Euro zu, Jefferies sieht hier 420 Euro als Ziel. Bei Airbus bestätigte Bernstein-Analyst Douglas Harned das Buy-Rating mit Kursziel 234 Euro, während die Aktie selbst leicht nachgab – ein Hinweis darauf, dass der Sektor trotz Rekordbewertungen noch nicht als überkauft gilt.

Wo Kursziel-Anhebungen noch Substanz haben

Auch außerhalb der Rüstungsbranche zogen Analysten in den vergangenen Tagen ihre Kursziele nach oben, teils mit handfester Begründung. Berenberg erhöhte Kursziel und Prognosen für Repsol wegen starker Raffineriemargen und eines erweiterten Aktienrückkaufprogramms – die Aktie steht bei 25,68 Euro, seit Jahresbeginn ein Plus von 61 Prozent, nur knapp unter ihrem erst am 22. Juli markierten 52-Wochen-Hoch von 27,49 Euro. Barclays stufte Inditex von Neutral auf Buy hoch und hob das Kursziel von 56 auf 62,50 Euro an. Die Deutsche Börse überraschte mit einem EBITDA von 980 Millionen Euro über den Erwartungen und einer angehobenen Treasury-Ergebnis-Prognose – DZ Bank und Deutsche Bank bestätigten dennoch nur „Kaufen“ mit Kursziel 300 Euro, während die Aktie paradoxerweise nachgab.

Im Pharma-Bereich bleibt Roche nach starken H1-Zahlen – Umsatz 30,4 Milliarden Franken, EPS 10,85 Franken – bei 381,76 Euro nur knapp unter ihrem am Montag erreichten 52-Wochen-Hoch von 389,20 Euro. Auffällig: Das Analysten-Konsenskursziel von 362 Franken liegt bereits unter dem aktuellen Kursniveau – ein Warnsignal für alle, die auf weiteres Kurspotenzial setzen. Fresenius erhielt von Société Générale ein bestätigtes Buy mit Kursziel 92 Euro.

Gold hält die Stellung, die KI-Finanzierung wackelt

Als Absicherung gegen all diese Unsicherheiten bleibt Gold gefragt, notiert aber unter der 4.100-Dollar-Marke, während der Markt auf die Fed-Entscheidung und die PCE-Inflationsdaten am Donnerstag wartet. Newmont lieferte die operative Bestätigung dazu: Trotz der Goldpreiskorrektur meldete der Konzern einen Rekord-Cashflow mit 2,2 Milliarden Dollar Nettogewinn, bestätigte seine Jahresproduktionsprognose von 5,26 Millionen Unzen und zeigt damit, dass selbst bei nachgebenden Notierungen die Kostenstruktur trägt – die All-in Sustaining Costs liegen bei 1.621 Dollar je Unze. Bitcoin reagierte am Montag mit einem Plus von rund einem Prozent auf die Iran-Entspannung, ein Zeichen, dass Risikoanlagen die Waffenruhe vorerst goutieren.

Kurzfristig bleibt jedoch der KI-Finanzierungssektor der eigentliche Unsicherheitsfaktor. Sorgen über zirkuläre Finanzierungsmodelle – befeuert durch Berichte über ein mögliches 250-Milliarden-Dollar-Rückgarantie-Paket von Nvidia für OpenAI – lösten am Montag einen Ausverkauf bei asiatischen Chipwerten aus, der koreanische Kospi brach zeitweise um 11 Prozent ein. Auch Tesla bekam die nüchterne Seite der KI-Euphorie zu spüren: Die Deutsche Bank senkte das Kursziel von 465 auf 420 Dollar, bestätigte aber das Buy-Rating, mit Verweis auf langsamere Fortschritte bei Robotaxi und dem Optimus-Roboter.

Anzeige

Die Sorgen um zirkuläre Finanzierungsmodelle bei Nvidia und OpenAI sowie der Kursziel-Schnitt bei Tesla zeigen, wie schnell die Euphorie um die großen Tech-Werte kippen kann. Ein kostenloser Sonderreport erklärt, warum die Konzentration auf wenige US-Tech-Giganten riskant wird und welche Sektoren von der aktuellen Marktrotation profitieren könnten. Kostenlosen Sonderreport herunterladen

Das große Bild

Die vergangenen Tage zeigen zwei getrennte Uhren, die nicht synchron laufen. Die geopolitische Uhr steht auf Pause: Der Iran-Konflikt ist eingefroren, nicht beendet, und die Marktreaktion – fallendes Öl, steigender DAX – preist mehr Erleichterung ein, als die Faktenlage hergibt. Die geldpolitische Uhr dagegen läuft in zwei Zeitzonen auseinander: Die Fed dürfte am Mittwoch pausieren und den Blick auf September richten, während in Frankfurt bereits über eine zweite Erhöhung diskutiert wird, kaum dass die erste verdaut ist. Wer diese Divergenz handeln will, findet in europäischen Finanzwerten wie Axa und BNP Paribas die passenderen Vehikel als in US-Zinspapieren.

Die Berichtssaison liefert dazu die Gegenprobe auf Unternehmensebene: Mercedes-Benz und Volkswagen zeigen, dass sinkende Umsätze und Stellenabbau der neue Normalzustand im europäischen Automobilbau sind, während Thales, Dassault Aviation und Airbus von genau jener geopolitischen Lage profitieren, die die Autobauer belastet. Newmont beweist, dass Kostendisziplin auch bei fallenden Notierungen Substanz schafft – während die Sorge um zirkuläre Finanzierungsstrukturen bei Nvidia und OpenAI daran erinnert, dass nicht jede KI-Wette diese Disziplin mitbringt. Die kommenden Tage – Fed-Entscheid am Mittwoch, PCE-Daten am Donnerstag, dazu Zahlen von Microsoft, Amazon, Meta und Apple – werden zeigen, welche dieser Linien sich verfestigt: die Entspannung oder die Ernüchterung.

Eduard Altmann

Eduard Altmann ist Finanzexperte mit über 25 Jahren Erfahrung an den globalen Finanzmärkten. Als Analyst und Autor beim VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft spezialisiert er sich auf Aktienmärkte, Gold, Silber, Rohstoffe und den Euro.

Altmann ist überzeugter Verfechter des Value-Investing und identifiziert unterbewertete Unternehmen mit hohem Wachstumspotenzial. Sein Börsendienst "Megatrend-Depot" vermittelt praxisnahe Strategien erfolgreicher Value-Investoren. Mit seinem Motto "Manage dein Vermögen selbst" inspiriert er Anleger zur eigenverantwortlichen Vermögensverwaltung.

Seine Analysen basieren auf der fortschrittlichen Gann-Strategie, die präzise Vorhersagen für Rohstoffmärkte ermöglicht. Diese technische Analysemethode kombiniert historische Daten mit Zyklusanalysen und macht seine Marktprognosen besonders treffsicher.

Durch zahlreiche Publikationen und verständliche Erklärungen komplexer Finanzthemen unterstützt Altmann sowohl Einsteiger als auch erfahrene Investoren bei fundierten Anlageentscheidungen. Seine Arbeit verbindet theoretische Expertise mit praktischen Empfehlungen für den strategischen Vermögensaufbau.