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Vulcan baut, ABO kämpft ums Überleben — fünf Grünstrom-Aktien im Realitätscheck

Die Erneuerbare-Energien-Branche zeigt extreme Gegensätze: Vulcan startet Milliardenbau, während ABO Wind ums Überleben ringt.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • Vulcan beginnt Bau der Lithiumanlage
  • ABO Wind kämpft mit Gläubigern
  • RWE und Verbio legen Quartalszahlen vor
  • Nordex meldet Rekordauftragsbestand

Spatenstich in Frankfurt, Existenzkampf in Wiesbaden, Rekordmargen in Hamburg: Die Erneuerbare-Energien-Branche zeigt diese Woche, wie weit die Extreme innerhalb eines einzigen Sektors auseinanderliegen können. Während ein Lithiumprojekt Milliarden mobilisiert, ringt ein Projektentwickler mit seinen Gläubigern um Zeit. Ein Überblick über fünf Aktien zwischen Aufbruch und Abgrund.

Vulcan Energy: Milliardenprojekt nimmt physisch Gestalt an

In Frankfurts Industriepark Höchst haben die Bauarbeiten an der Lionheart-Lithiumanlage begonnen. Hochrangige Vertreter aus Politik und Wirtschaft begleiteten den Spatenstich — ein Signal, dass die öffentliche Hand hinter dem Vorhaben steht. Die Anlage soll jährlich 24.000 Tonnen Lithiumhydroxid-Monohydrat produzieren, genug für rund 500.000 Elektrofahrzeug-Batterien. Kommerzieller Betriebsstart: 2028.

Der Blick in die Bücher offenbart den Preis dieser Ambition. Im ersten Quartal 2026 verbrannte Vulcan 76 Millionen Euro — für Grundstückserwerb, Meilensteinzahlungen und das ORC-Kraftwerk. Die Barreserven schrumpften auf 364 Millionen Euro. Ein finanzieller Abschluss im zweiten Quartal soll rund 1,2 Milliarden Euro an vorrangigen Darlehen und etwa 204 Millionen Euro an staatlichen Zuschüssen freischalten. Rheinland-Pfalz hat Lithium-Förderabgaben bis Ende 2030 ausgesetzt.

Langfristige Abnahmeverträge mit Stellantis, LG Energy Solution und Umicore decken den Großteil der geplanten Produktion ab. Rund 72 % der vertraglich gebundenen Mengen unterliegen Festpreisen oder Preisuntergrenzen — ein Faktor, der Kreditgeber beruhigen dürfte. An der Börse notiert die Aktie bei 2,30 Euro und damit deutlich unter ihrem 200-Tage-Durchschnitt. Canaccord Genuity hielt zuletzt an der Kaufempfehlung fest. Die Hauptversammlung am 28. Mai in Perth wird zum nächsten Stimmungstest.

ABO Wind AG: Restrukturierung gegen die Uhr

Kaum eine Aktie im deutschen Erneuerbare-Energien-Universum steht so unter Druck wie ABO Wind. Seit August 2025 haben die Papiere rund 85 % ihres Wertes verloren, seit Jahresbeginn weitere 51 %. Ein kurzzeitiges Überschreiten des 50-Tage-Durchschnitts bei 6,00 Euro ändert wenig an der Gesamtlage.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Für das laufende Geschäftsjahr rechnet ABO mit einem Nettoverlust von rund 170 Millionen Euro bei Erlösen von etwa 230 Millionen Euro. Niedrigere Vergütungen aus deutschen Windauktionen, 35 Millionen Euro an Wertberichtigungen und Projektverzögerungen in Spanien, Finnland, Griechenland und Ungarn belasten das Ergebnis massiv.

Die entscheidende Frist rückt näher. Ein Stillhalteabkommen mit den wichtigsten Kreditgebern läuft Ende Mai aus. Ein unabhängiger Prüfer muss bis dahin die Tragfähigkeit der langfristigen Finanzierung bestätigen. Zwar stimmten Anleihegläubiger im März fast einstimmig einer Lockerung bestimmter Auflagen bis Ende 2026 zu — aber nur unter der Bedingung eines glaubwürdigen Restrukturierungsplans. Erschwerend kommt hinzu: Seit dem Abgang von CFO Alexander Reinicke fehlt ein permanenter Finanzvorstand.

Lichtblicke liefert die Pipeline. In der Bundesnetzagentur-Auktion vom Februar sicherte sich ABO Zuschläge für Windparkprojekte in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg über 16,4 Megawatt. Neue Baugenehmigungen im Saarland und in NRW fügen weitere 35 Megawatt hinzu. Das Management peilt für 2027 einen Nettogewinn von 50 Millionen Euro an — eine Projektion, die frisches Kapital voraussetzt. Der testierte Jahresabschluss für das Krisenjahr wird am 22. Juni erwartet.

RWE: Doppelstrategie vor dem Quartalstest

Am 13. Mai veröffentlicht RWE die Zahlen zum ersten Quartal 2026. Der Bericht fällt in eine Phase strategischer Neuausrichtung. Der Essener Versorger treibt zwei Stoßrichtungen gleichzeitig voran: den Ausbau erneuerbarer Energien und den Aufbau flexibler Gaskraftwerke.

In den USA hat RWE sein Portfolio um flexible, gasbefeuerte Erzeugungskapazitäten erweitert — als Ergänzung zu Wind, Solar und Batteriespeichern. In Deutschland plant der Konzern bis zu 3 GW an wasserstofffähigen Gaskraftwerken, abhängig von staatlichen Ausschreibungen. Zwischen 2026 und 2031 stehen insgesamt 35 Milliarden Euro an Nettoinvestitionen im Plan, um die Kapazität um 25 GW auf rund 65 GW zu steigern.

Für 2026 erwartet RWE ein bereinigtes EBITDA zwischen 5,2 und 5,8 Milliarden Euro. Der bereinigte Nettogewinn soll in einer Spanne von 1,55 bis 2,05 Milliarden Euro landen. Bei einem aktuellen Kurs von 58,70 Euro notiert die Aktie knapp 5 % unter ihrem Jahreshoch. Morningstar sieht den fairen Wert bei 69,95 Euro — ein Aufschlag von knapp 19 % zum aktuellen Niveau.

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Die Kernfrage am 13. Mai: Schlägt sich die beschleunigte Inbetriebnahme von Gaskraftwerken bereits in den Erträgen nieder, oder braucht der Strategieschwenk noch mehrere Quartale?

Verbio: Erholungsnarrativ am Scheideweg

Auch Verbio meldet am 13. Mai Quartalszahlen — und die Erwartungen sind gestiegen. Im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2025/26 kletterte das EBITDA von 20,8 auf 30,1 Millionen Euro. Der Umsatz legte deutlich auf 455,4 Millionen Euro zu, nach 393,6 Millionen im Vorjahr. Erstmals seit Quartalen kehrte der Biokraftstoffhersteller mit einem Gewinn je Aktie von 0,05 Euro in die Gewinnzone zurück.

Die Stimmung unter Analysten hat sich spürbar gewandelt:

  • Jefferies erhöhte das Kursziel im März auf 25 Euro (zuvor 21 Euro)
  • Deutsche Bank stufte die Aktie im Februar auf „Buy“ hoch
  • Das Management konkretisierte die Jahresprognose für das operative Ergebnis am oberen Ende des hohen zweistelligen Millionenbereichs

Für Anleger steht nun die entscheidende Frage im Raum, ob die Volumenzuwächse bei Ethanol und Biomethan die Belastungen durch Rohstoffpreise und den schleppenden Hochlauf des US-Geschäfts kompensieren können. Die Aktie hat seit Jahresbeginn 57 % zugelegt, rutschte zuletzt aber unter ihren 50-Tage-Durchschnitt. Bei 34,92 Euro liegt der Kurs gut 24 % unter dem März-Hoch — eine Korrektur, die den Druck auf die kommenden Zahlen erhöht.

Nordex: Rekordauftragsbestand trifft auf industriepolitischen Weckruf

Nordex liefert derzeit die überzeugendsten operativen Kennzahlen im Sektor. Im ersten Quartal 2026 stieg der Umsatz um 11 % auf 1,6 Milliarden Euro. Die EBITDA-Marge kletterte auf 8,2 % — ein Sprung um 270 Basispunkte gegenüber dem Vorjahr. Der kombinierte Auftragsbestand erreichte mit rund 17 Milliarden Euro einen Rekordwert.

Bei der Jubiläumsfeier zum zehnten Jahrestag der Acciona-Windpower-Integration in Hamburg wurde CEO José Luis Blanco deutlich: „Das Spielfeld ist nicht eben. Die europäische Windindustrie braucht Skalierung, um global zu bestehen — und ein Bewusstsein für den Wert, den Windtechnologie für unsere Gesellschaften schafft.“ Seine Botschaft zielte klar auf die zunehmende Konkurrenz aus Asien und die Forderung nach einem europäischen Schutzschirm für strategische Industrien.

Die Analystenmeinungen gehen auseinander:

  • Berenberg bestätigte die Kaufempfehlung mit Kursziel 50 Euro
  • Goldman Sachs liegt mit 49,60 Euro nur knapp darunter
  • Bernstein Research bleibt mit 40 Euro deutlich vorsichtiger
  • RBC Capital Markets hält an „Underperform“ fest (Kursziel 38 Euro)

Bei 46,88 Euro notiert Nordex gut 5 % unter dem Mai-Hoch und rund 55 % über dem Jahresanfangskurs. Die bestätigte Mittelfristprognose einer EBITDA-Marge von 10–12 % stützt die bullische Sicht. Der leichte Rückgang beim Projektauftragseingang um 14 % auf 1,9 GW gibt den Skeptikern Argumente.

Europas Grünstrom-Sektor zwischen Skalierung und Selbstbehauptung

Die fünf Aktien repräsentieren drei völlig unterschiedliche Phasen im Lebenszyklus von Cleantech-Unternehmen. Nordex und RWE operieren auf Konzernniveau mit Milliardenumsätzen und steigenden Margen. Verbio befindet sich in einer fragilen Erholungsphase, in der jeder Quartalsbericht zum Bewährungstest wird. Vulcan Energy steckt mitten in der Bauphase — kapitalintensiv, politisch flankiert, aber ohne eigenen Umsatz bis 2028. ABO Wind steht abseits dieser Wachstumspfade: Hier geht es nicht um Margenziele, sondern um die Frage, ob das Unternehmen in seiner jetzigen Form weiterbesteht.

Der politische Rahmen verbindet alle fünf. Blanco formulierte es in Hamburg so: „Der eigentliche Wettbewerb findet nicht zwischen Frankreich, Spanien und Deutschland statt — sondern zwischen Europa und dem Rest der Welt.“

Die kommenden Tage liefern gleich mehrere Katalysatoren: RWE und Verbio berichten am 13. Mai, Vulcans Hauptversammlung folgt am 28. Mai, und für ABO Wind tickt die Gläubigerfrist bis Monatsende. Selten lagen Aufbruch und Existenzangst in einem Sektor so dicht beieinander.

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Diskussion zu Vulcan Energy

Dr. Robert Sasse

Dr. Robert Sasse ist promovierter Ökonom und Unternehmer mit umfassender Expertise in Finanzmärkten und Wirtschaftstheorie. Seine akademische Ausbildung verbindet er mit praktischer Unternehmenserfahrung, um fundierte Analysen zu langfristigen Anlagestrategien zu liefern.

Als Verfechter einer marktwirtschaftlichen Ordnung fokussiert sich Dr. Sasse auf die Vermittlung von Strategien für nachhaltigen Vermögensaufbau durch Aktieninvestments. Seine wissenschaftlich fundierten Beiträge auf stock-world.de richten sich an Anleger, die eigenverantwortliche, informierte Entscheidungen für ihre finanzielle Zukunft treffen möchten.

Dr. Sasse spezialisiert sich auf die verständliche Aufbereitung komplexer ökonomischer Zusammenhänge und die praktische Anwendung von Investmentstrategien für die Altersvorsorge. Sein Ansatz kombiniert theoretisches Wissen mit klarem Praxisbezug, um Lesern Orientierung in einem dynamischen Marktumfeld zu bieten.

Mit seiner Expertise unterstützt er Anleger dabei, die Chancen des Kapitalmarkts systematisch und langfristig zu nutzen – unabhängig von kurzfristigen Marktschwankungen.