Hohe Einmalbelastungen treffen auf asiatische Produktoffensive
Für die Aktionäre von Volkswagen verdichten sich die Ereignisse zu einer Richtungsentscheidung. Der Konzern senkte am 18. September seine Prognose für die operative Umsatzrendite im Gesamtjahr 2026 drastisch auf bis zu 1 Prozent.
Ausschlaggebend hierfür sind Einmalbelastungen von rund 10 Milliarden Euro. Davon entfallen allein etwa 6 Milliarden Euro auf eine Wertberichtigung der Porsche-Beteiligung, ergänzt durch höhere Rückstellungen für den geplanten Jobabbau sowie anhaltende Schwächen im China-Geschäft.
Gleichzeitig versucht das Management, auf den internationalen Leitmärkten die Flucht nach vorn anzutreten. Am Donnerstag startete Volkswagen in China den Vorverkauf des ID. UNYX 09. Es ist das zweite Elektro-Modell, das der Konzern gemeinsam mit dem chinesischen Partner Xpeng entwickelt hat.
Zugleich verhandelt das Unternehmen über ein Joint Venture in Indien mit der JSW Group. Laut einem Bloomberg-Bericht verlangt der indische Partner dabei, dass Volkswagen eine Steuerlast von US$1,4 Mrd. übernimmt. Die Details der Vereinbarung sind weiterhin offen. An der Börse notierte das Papier am Freitag zum Handelsschluss bei 71,90 €.
Der chinesische Markt wird zur Zerreißprobe
Die zentrale Frage für die künftige Ertragskraft lautet: Reichen die neuen Modellpartnerschaften aus, um den Verdrängungswettbewerb in Fernost profitabel zu überstehen? China war über Jahrzehnte der wichtigste Ertragsbringer des Wolfsburger Konzerns. Doch die Rahmenbedingungen im dortigen Markt verschlechtern sich rapide.
China-Chef Ralf Brandstaetter fand dazu am Dienstag deutliche Worte. Er prognostizierte, dass der chinesische Pkw-Markt im laufenden Jahr 2026 um rund 20 Prozent schrumpfen dürfte. Brandstaetter verglich diesen massiven Rückgang ausdrücklich mit den Einbrüchen während der COVID-19-Pandemie.
Für westliche Hersteller verschärft sich die Lage zusätzlich durch den aggressiven Preiskampf einheimischer Konkurrenten wie BYD und Geely. Kann Volkswagen mit seiner Strategie „in China, for China“ verlorene Terrain gutmachen, oder droht der Absatzkollaps im Leitmarkt das Renditeprofil des Gesamtkonzerns dauerhaft zu beschädigen? An dieser Weichenstellung hängt die fundamentale Bewertung der Aktie.
Neue Modelle und Kooperationen als Erholungschance
Das positive Szenario für die Wolfsburger basiert auf der schnellen Skalierung der Kooperation mit Xpeng. Gelingt es, die chinesischen Kunden mit moderner Software und wettbewerbsfähigen Kostenstrukturen zu überzeugen, könnte sich der Konzern stabilisieren. Der Marktstart des ID. UNYX 09 ist laut Reuters für Ende Oktober geplant. Er markiert den ersten echten Härtetest für diese Neuausrichtung.
Zudem beweist die beschleunigte Restrukturierung, dass der Vorstand die Kostenbasis in Europa senken will. Sollten sich die Effizienzprogramme zügig in den operativen Zahlen niederschlagen, sehen Analysten erhebliches Aufholpotenzial.
Medienberichten zufolge bestätigte das Analysehaus Berenberg am 16. September seine Kaufempfehlung mit der Einstufung „Buy“ und einem Kursziel von 100 Euro. Noch optimistischer zeigte sich am selben Tag das Analysehaus Jefferies. Die Experten beließen das Votum ebenfalls auf „Buy“ und setzten ein Kursziel von 120 Euro fest.
Marktschrumpfung und ungelöste Sonderbelastungen als Belastungsfaktoren
Das pessimistische Szenario wird von strukturellen Risiken und drohenden Mittelabflüssen bestimmt. Bestätigt sich die Einschätzung eines Marktrückgangs um ein Fünftel in China, dürften dort auch modernisierte Plattformen kaum auskömmliche Margen erwirtschaften. Die Abhängigkeit von margenstarken Fahrzeugen bleibt eine empfindliche Schwachstelle.
Hinzu kommen erhebliche operative Reibungsverluste im Heimatmarkt. Vor rund zwei Wochen verständigte sich der Konzern auf Restrukturierungskosten und Stellenabbau; seither verlor die Aktie 11,6 Prozent an Wert. Berichten zufolge sieht der Konzernplan zudem den Abbau von mehr als 4.000 weiteren Arbeitsplätzen bei der Tochter Porsche vor. Volkswagen gab dazu keine offizielle Stellungnahme ab.
Zusätzliche Unsicherheit birgt das Indien-Projekt: Sollte Volkswagen die von der JSW Group geforderte Steuerlast von US$1,4 Mrd. tatsächlich übernehmen müssen, würde dies die ohnehin schwache Liquidität weiter strapazieren.
Weichenstellungen im Herbst entscheiden über den Kursverlauf
Anleger blicken derzeit auf ein zweigeteiltes Bild. Seit Jahresanfang verzeichnet die Aktie einen Verlust von 31 Prozent. Solange das Papier oberhalb des 52-Wochen-Tiefs von 69,20 € verbleibt, bleibt die Möglichkeit einer Bodenbildung intakt. Eine charttechnische Stabilisierung erfordert jedoch greifbare Fortschritte im operativen Geschäft.
Kippt hingegen der Absatz in Asien weiter ab oder fordern Arbeitnehmervertreter und Zulieferer weitere Zugeständnisse, droht ein Fall auf neue Jahrestiefs.
Der nächste konkrete Katalysator für das Vertrauen des Marktes folgt bereits in Kürze: Ende Oktober startet der offizielle Verkauf des ID. UNYX 09 bei den chinesischen Händlern. An den ersten Bestelleingängen dieses Modells wird sich zeigen, ob die Aufholjagd gegen die lokale Konkurrenz tatsächlich Früchte tragen kann.
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