Der Vorstandsvorsitzende von Volkswagen, Oliver Blume, hat die aktuelle Situation des Wolfsburger Automobilkonzerns in einem internen Interview als „mehr als kritisch“ bezeichnet. Wie Reuters und die dpa gestern berichteten, verwies der Konzernchef dabei insbesondere auf die Verwaltungskosten, die bei VW um mehr als 30 % über dem Niveau der Wettbewerber lägen.
Parallel dazu verdichten sich Medienberichten zufolge die Anzeichen für einen massiven Stellenabbau: Weltweit könnten demnach zusätzlich bis zu 50.000 Arbeitsplätze gestrichen werden, um die Profitabilität des Konzerns zu sichern.
Drastischer Sparkurs und Portfolio-Bereinigung
Um der Kostenentwicklung entgegenzuwirken, plant das Management offenbar eine radikale Vereinfachung des operativen Geschäfts. Medienberichten zufolge soll das Modellportfolio von derzeit rund 150 Fahrzeugtypen auf künftig etwa 75 Modelle halbiert werden.
Ziel dieser Maßnahme ist es, sowohl die Komplexität in der Produktion als auch die damit verbundenen Kosten deutlich zu senken. Die Dringlichkeit des Umbaus spiegelt sich auch im Aktienkurs wider, der am Freitag bei 74,84 € aus dem Handel ging und seit Jahresbeginn einen Rückgang von 28 % verzeichnet.
In der kommenden Woche will sich Blume persönlich an die Belegschaft wenden. Er kündigte an, die Betriebsversammlung im E-Auto-Werk Zwickau zu besuchen, um über die Beschäftigungssicherung über das Jahr 2030 hinaus zu sprechen. Der Standort gilt als zentraler Baustein der Elektrostrategie, steht jedoch aufgrund der schwankenden Nachfrage unter Beobachtung.
Weitere Details zur Sanierung und mögliche Werksschließungen an deutschen Standorten wie Emden, Hannover oder Neckarsulm dürften am 4. September im Fokus stehen, wenn der Aufsichtsrat zu einer richtungsweisenden Sitzung zusammenkommt.
Strategische Partnerschaften und Kapitalmaßnahmen
Neben internen Einsparungen setzt Volkswagen auf externe Partnerschaften und Portfoliomanagement, um frische Mittel zu generieren. Am Donnerstag wurde bekannt, dass der Konzern anstrebt, noch im Laufe des Jahres 2026 eine strategische Partnerschaft in Indien final zu besiegeln. Dies soll die Marktposition in der Wachstumsregion stärken. Zudem treibt die VW-Tochter Elli den Ausbau ihrer Infrastruktur voran und verlängerte die Zusammenarbeit mit dem Softwareanbieter Powercloud.
Zur Stärkung der Liquidität plant Volkswagen zudem den Teilverkauf seiner Beteiligung an der Lkw-Tochter Traton SE. Wie Bloomberg am 14. August berichtete, soll der Anteil von aktuell 87,5 % auf 75 % plus eine Aktie reduziert werden. Dieser Schritt könnte dem Mutterkonzern liquide Mittel im Milliardenbereich einbringen.
Die finanzielle Basis des Konzerns war zuletzt unter Druck geraten; die bereits vor rund einem Monat kommunizierte gesenkte Prognose für die Tochter Audi sowie Schwächen im China-Geschäft belasteten die Bilanz des zweiten Quartals. Der Gewinn je Aktie für das erste Halbjahr wurde am 10. August mit 2,56 EUR bestätigt, was deutlich unter dem Vorjahreswert von 4,34 EUR liegt.
Einschätzung der Analysten
Trotz der operativen Herausforderungen gibt es am Markt auch optimistische Stimmen bezüglich der langfristigen Substanz. Die Analysten von RBC stuften das Papier am 14. August auf „Outperform“ ein. Zwar senkte das Haus das Kursziel geringfügig von 121 EUR auf 120 EUR, sieht damit aber weiterhin erhebliches Potenzial gegenüber dem aktuellen Niveau.
Der Titel weist derzeit einen Abstand von 31 % zum 52-Wochen-Hoch auf, das Mitte Dezember des vergangenen Jahres erreicht wurde. Anleger warten nun gespannt auf die konkreten Beschlüsse der Aufsichtsratssitzung Anfang September, die als Gradmesser für die Durchsetzungsfähigkeit der angekündigten Sparmaßnahmen gilt.
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