Während US-Finanzminister Scott Bessent an diesem Montag um 20 Uhr MESZ vor die Presse tritt, um neue Iran-Sanktionen zu erläutern, kämpft sein Ministerium an einer ganz anderen Front: dem Anleihemarkt. Die US-Wirtschaft zeigt sich robust wie lange nicht mehr – doch der Iran-Krieg treibt Energiepreise und Anleiherenditen in die Höhe und zwingt Washington zu immer neuen Interventionen. Ein Widerspruch, der die Finanzmärkte derzeit in Atem hält.
Bessent kämpft gegen die Zinsen
Die Ankündigung kommt zu einem heiklen Zeitpunkt. Erst am Mittwoch hatte das Treasury Department Stützungsmaßnahmen für langlaufende Staatsanleihen verkündet, um den Anstieg der Renditen zu bremsen. Der Effekt hielt nicht lange: Bis Freitag hatten sich die Kursgewinne bei den Anleihen bereits wieder in Luft aufgelöst.
Die Sorgen der Investoren sind vielschichtig. Die wachsende Staatsverschuldung, eine Inflation, die hartnäckig über dem Zwei-Prozent-Ziel der Federal Reserve verharrt, und die Frage nach den Kapitalflüssen belasten die langfristigen Zinsen. Hinzu kommt der Iran-Konflikt, der über die faktische Schließung der Straße von Hormus den Ölpreis nach oben treibt und damit die Inflationsdebatte neu befeuert. Präsident Trump hatte zudem jedem Land, das dem Iran eine „Rettungsleine“ reicht, wirtschaftliche Konsequenzen angedroht – die für Montag angekündigten Sanktionsdetails dürften diese Linie weiter verschärfen.
Wirtschaftsdaten trotzen dem Kriegsdruck
Paradoxerweise zeigt sich die Realwirtschaft trotz dieser Belastungen erstaunlich widerstandsfähig. Der von S&P Global veröffentlichte Einkaufsmanagerindex für den US-Dienstleistungssektor kletterte im August auf 56,8 Punkte – der höchste Stand seit Dezember 2024. Der zusammengesetzte Index stieg auf 56,0 Zähler, das beste Ergebnis seit April 2022. Ökonomen hatten mit einer Abschwächung gerechnet, nachdem im Juli noch Sonderfaktoren wie die Fußball-WM und die 250-Jahr-Feier der USA die Zahlen beflügelt hatten.
„Die US-Wirtschaft boomt“, brachte es Chris Williamson von S&P Global Market Intelligence auf den Punkt. Die Umfragedaten deuteten für das dritte Quartal auf ein annualisiertes Wachstum von fast drei Prozent hin – gegenüber 1,5 Prozent im Vorquartal. Die Kehrseite: Der Industriesektor leidet spürbar unter den Kriegsfolgen. Weil Unternehmen wegen der gestörten Lieferketten weniger Vorräte aufbauen, fiel der Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe auf ein Fünf-Monats-Tief von 53,2 Punkten. Die Auftragswachstumsrate, die nach Kriegsbeginn wegen Vorratskäufen sprunghaft gestiegen war, schwächt sich bereits den vierten Monat in Folge ab.
Ein ganz ähnliches Bild zeichnet sich in Großbritannien ab, wo der Dienstleistungssektor überraschend auf ein Sechs-Monats-Hoch von 52,8 Punkten zulegte und die Verbraucherstimmung ein Zwei-Jahres-Hoch erreichte. Für den neuen Premierminister Andy Burnham und Finanzminister John Healey ist das ein willkommenes Polster vor dem ersten Haushalt im Oktober. Doch auch hier lauert die gleiche Gefahr: Die Inflation dürfte bald die Marke von drei Prozent überschreiten, während die Kriegsfolgen die Energiepreise weiter befeuern könnten. „Wenn wir nicht aufpassen, müssen wir bald nicht mehr von Resilienz, sondern von einer wirklich soliden Konjunktur sprechen“, kommentierte RSM-Chefökonom Thomas Pugh süffisant.
Handelsfront: Zölle als Druckmittel
Parallel zur Geldpolitik nutzt die Trump-Regierung Zölle als politisches Werkzeug in mehreren Baustellen gleichzeitig. Bei den Verhandlungen mit Kanada zeichnet sich eine vorläufige Einigung ab, die Trump veranlasste, geplante 50-Prozent-Zölle auf kanadische Güter vorerst auszusetzen. Kanadas Premierminister Mark Carney sprach von „substanziellen Fortschritten“, warnte aber vor verbleibenden Streitpunkten – etwa bei Kanadas Milchquoten oder den provinziellen Beschränkungen für US-Alkoholimporte.
Mexiko beobachtet diesen Prozess aufmerksam. Wirtschaftsminister Marcelo Ebrard rechnet mit Handelsvereinbarungen, die „in vielen Aspekten ähnlich“ ausfallen dürften wie das US-kanadische Abkommen – sieht darin aber keinen Wettbewerb zwischen den beiden Ländern. Beide Verhandlungsstränge laufen offiziell getrennt von der umfassenderen Überprüfung des USMCA-Abkommens, die 2026 ansteht, nachdem Washington im Juli eine automatische Verlängerung um 16 Jahre abgelehnt hatte.
Auch beim Fleisch setzt Trump auf kurzfristige Zollerleichterungen: Um die Rindfleischpreise für Verbraucher zu senken, erlaubt die Regierung für 90 Tage zollfreie Importe von bis zu 300.000 Tonnen Rinderhackfleisch – laut Zusage der Anbieter 25 Prozent unter dem aktuellen Marktpreis. Die National Cattlemen’s Beef Association zeigte sich enttäuscht von dem Schritt, der Rinderzüchter unter Druck setzt, während Fleischverarbeiter wie Tyson Foods bereits wegen des Vieh-Mangels Werke schließen mussten.
Während Washington also Zölle senkt, um die Inflation zu Hause zu bekämpfen, fordert Europa das Gegenteil. Der niedersächsische CDU-Landeschef Sebastian Lechner drängt auf schnelle EU-Zölle gegen chinesische Hybridfahrzeuge, die seiner Ansicht nach den europäischen, insbesondere den Wolfsburger Automarkt bedrohen. Er verweist auf eine OECD-Studie, wonach rund 60 Prozent der Marktanteile chinesischer Produkte im Ausland auf staatliche Subventionen zurückzuführen seien – eine „Wettbewerbsverzerrung“, die eine Anpassung der EU-Handelspolitik erfordere.
Ausblick
Die Gemengelage bleibt widersprüchlich: Robuste Konjunkturdaten treffen auf einen nervösen Anleihemarkt, freihändlerische Zollpausen bei Fleisch und mit Kanada stehen protektionistischen Rufen in Europa gegenüber. Ob Bessents Pressekonferenz am Montag neue Klarheit über die Iran-Sanktionen und ihre wirtschaftlichen Folgen bringt, oder ob die Renditen langlaufender Anleihen erneut aus dem Ruder laufen, dürfte sich in den kommenden Handelstagen zeigen. Fest steht: Solange der Iran-Krieg die Energiemärkte in Atem hält, bleibt die Inflationsfrage der wunde Punkt, an dem sich Geldpolitik, Handelspolitik und Konjunkturoptimismus gleichermaßen reiben.
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