Die US-Zwischenwahlen am Dienstag drohen die politische Machtverteilung in Washington grundlegend zu verschieben. Für Anleger bedeutet ein erwarteter Machtverlust der Republikaner von Präsident Donald Trump jedoch keineswegs Gegenwind am Aktienmarkt. Historisch profitiert die Börse von geteilten Machtverhältnissen, auch wenn der Ausgang deutliche Verschiebungen zwischen einzelnen Branchen auslösen dürfte.
An den Prognosemärkten wird ein Sieg der Demokraten im Repräsentantenhaus mit einer Wahrscheinlichkeit von 91 Prozent gehandelt. Auch die Rückgewinnung des Senats gilt mit 66 Prozent als das wahrscheinlichere Szenario. Steigende Preise für Energie, Lebensmittel und Konsumgüter infolge der US-Zollpolitik und des Iran-Krieges belasten die Stimmung der Wähler spürbar.
Geteilte Macht stützt traditionell den Gesamtmarkt
Verliert die Regierungspartei die Kontrolle über das Repräsentantenhaus, reagierte der US-Leitindex S&P 500 in der Vergangenheit oft positiv. In den zwölf Monaten nach solchen Zwischenwahlen legte das Barometer im Schnitt um 15,7 Prozent zu. Konnte die Regierung ihre Mehrheit dagegen verteidigen, fiel das Plus mit durchschnittlich 13 Prozent moderater aus.
Politische Blockaden im Kongress verhindern erfahrungsgemäß radikale Gesetzesänderungen und beruhigen das regulatorische Umfeld. Fundamental bleibt der Markt ohnehin durch steigende Unternehmensgewinne gestützt. Im dritten Quartal lag das Gewinnwachstum unter dem Strich bei rund 30 Prozent. Für das Gesamtjahr 2026 rechnen Analysten mit einem Gewinn je Aktie im S&P 500 von 365 Dollar, was einem Zuwachs von knapp 36 Prozent entsprechen würde.
Allerdings birgt der Urnengang Risiken für die Geopolitik. Marktbeobachter warnen davor, dass der Präsident auf den Verlust der Kongressmehrheiten mit einem verstärkten Regieren per Dekret oder militärischen Schritten gegen den Iran reagieren könnte. Eine solche Eskalation würde die Ölpreise antreiben und den Inflationsdruck erhöhen.
Verschiebungen zwischen Energie und Technologie
Unterhalb des breiten Marktes zeichnen sich spürbare Umschichtungen ab. Erobern die Demokraten beide Kammern, rücken Ausgaben für das Gesundheitswesen, bezahlbare Lebenshaltungskosten und alternative Energien wieder in den Vordergrund. Eine Überarbeitung des milliardenschweren Infrastrukturgesetzes könnte die Förderung erneuerbarer Energien wieder ankurbeln. Gelingt den Republikanern hingegen die Verteidigung beider Kammern, dürften Finanzwerte von Deregulierungen und traditionelle Energiekonzerne von gezielter Förderung profitieren.
Parallel dazu rückt der Ausbau Künstlicher Intelligenz ins Visier lokaler Wahlen. Da in vielen Bundesstaaten auch Gouverneure und Kommunalparlamente neu bestimmt werden, geraten Genehmigungsverfahren für neue Rechenzentren unter Beobachtung. Steigende Stromkosten für private Haushalte und die Belastung der Netze führen vor Ort zu strengeren Auflagen. Erste belastbare Wahlergebnisse aus den Bundesstaaten werden am Mittwochmorgen erwartet.
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