Der Waffenstillstand zwischen Washington und Teheran hat die Finanzmärkte am Montag aus dem Dornröschenschlaf gerissen. Die Ankündigung eines Rahmenabkommens, das die Wiedereröffnung der Straße von Hormus vorsieht, schickte Ölpreise auf Drei-Monats-Tiefs — und den S&P 500 auf Tuchfühlung mit seinem Allzeithoch.
Der Deal ist mehr als eine geopolitische Schlagzeile. Er könnte die Geometrie des gesamten Aktienmarkts verschieben.
Erleichterungsrally mit breiter Front
Der S&P 500 legte am Montag rund 1,7 Prozent zu und notierte weniger als ein Prozent unter seinem historischen Höchststand vom Monatsanfang. Der Dow Jones berührte zwischenzeitlich ein Intraday-Rekordhoch, der Nasdaq stieg fast drei Prozent. US-Rohöl brach dagegen um rund fünf Prozent ein und fiel auf den niedrigsten Stand seit März.
Besonders gefragt waren Werte, die direkt von günstigeren Energiepreisen profitieren. Airlines wie United Airlines sprangen mehr als vier Prozent nach oben, Kreuzfahrtgesellschaften wie Carnival und Norwegian Cruise legten drei Prozent zu. Der Philadelphia-Halbleiter-Index erreichte ein neues Allzeithoch, Nvidia gewann über drei Prozent. „Markets are higher on a classic relief rally“, fasste Gene Goldman, Chefanleger bei Cetera Investment Management, treffend zusammen.
Gleichzeitig geriet der Energiesektor unter Druck — das Spiegelbild des Ölpreisverfalls. Der S&P-500-Energieindex verlor mehr als drei Prozent und bildete damit das Schlusslicht unter den elf Hauptsektoren.
Rotation: Tech dominiert, aber Zykliker holen auf
Technologieaktien führten die Gewinne mit einem Plus von über drei Prozent an — ein scheinbarer Widerspruch zur These einer Marktverbreiterung. Tatsächlich aber ziehen Anleger kurzfristig ungern aus einem laufenden Gewinner ab. „Investors appear most interested in bidding up established winners“, sagte Anthony Saglimbene, Chefmarktstratege bei Ameriprise.
Mittelfristig sehen viele Strategen jedoch ein Umschichtungspotenzial. Seit Kriegsbeginn Ende Februar hat der Tech-Sektor im S&P 500 um 28 Prozent zugelegt, der Gesamtindex nur um zehn Prozent. Dieser Bewertungsabstand macht zyklische Sektoren relativ attraktiv. Einzelhandelsaktien wie Home Depot, Target und Macy’s könnten profitieren, wenn sinkende Benzinpreise den Verbrauchern mehr Spielraum lassen. Der S&P-500-Konsumgütersektor gewann am Montag bereits 1,9 Prozent, der Russell 2000 der Nebenwerte 0,9 Prozent.
JPMorgan erwartet in seiner aktuellen Einschätzung eine Verbreiterung der Rallye in der zweiten Jahreshälfte: „Cyclicals should remain well positioned to outperform through year-end.“ Morgan Stanley sieht „relative Stärke“ in Konsumgütern, Transportwerten und Regionalbanken, wo sich die Gewinntrends verbesserten. BCA Research initierte inzwischen sogar eine taktische Longposition im Konsumgütersektor.
Für eine nachhaltige Rotation fehlt nach Einschätzung mancher Experten aber noch ein weiterer Katalysator — konkret: die Aussicht auf Zinssenkungen. „For that, you may have to see rate cuts being priced in“, sagte Sonu Varghese von Carson Group. Andere sehen es noch direkter: Tech müsse erst stolpern, bevor andere Sektoren die Führung übernehmen könnten.
Fed zwischen Erleichterung und hartnäckiger Inflation
Die Marktreaktion auf den Iran-Deal läuft parallel zur entscheidenden Frage dieser Woche: Was macht die Fed? Das geldpolitische Komitee tritt am Mittwoch erstmals unter dem neuen Vorsitzenden Kevin Warsh zusammen — seinem ersten Meeting seit der Ablösung von Jerome Powell im vergangenen Monat.
Händler erwarten mehrheitlich eine unveränderte Zinsentscheidung. Dennoch preisen die Märkte laut CME FedWatch eine Wahrscheinlichkeit von 42 Prozent für eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte bis Jahresende ein — eine bemerkenswerte Verschiebung gegenüber den Zinssenkungserwartungen vom Jahresanfang.
Sinkende Ölpreise könnten die Inflationsdynamik zwar etwas entschärfen, doch CIBC Capital Markets warnt vor übertriebenen Hoffnungen. Das eigentliche Problem liegt tiefer: Die sogenannte „Supercore“-Inflation — Kerndienstleistungen ohne Wohnen — läuft bei rund 3,5 Prozent jährlich, weit über dem Fed-Ziel von zwei Prozent. Lohnwachstum von mehr als drei Prozent befeuert den Dienstleistungspreisdruck weiter. Niedrigere Energiepreise reduzieren zwar Flugpreise und Transportkosten, doch diese Kategorien haben vergleichsweise geringes Gewicht im Inflationskorb.
CIBC sieht erste Spielräume für moderate Zinssenkungen frühestens 2027 — falls die Inflation durch günstigeres Benzin merklich nachgibt und sich die Konjunktur abkühlt.
Offene Flanken des Deals
So euphorisch die Märkte reagierten: Das Abkommen ist brüchig. Die formelle Unterzeichnung ist für Freitag in Genf geplant, doch zentrale Fragen bleiben ungeklärt. Irans Nuklearprogramm, der Israel-Libanon-Konflikt und die genaue Durchführung der Hormuz-Wiedereröffnung müssen in separaten Verhandlungen geregelt werden. Vizepräsident JD Vance räumte gegenüber CNBC offen ein: „There are a lot of very important details to figure out.“
Israel ist nicht Teil des Abkommens. Verteidigungsminister Israel Katz kündigte an, die israelischen Streitkräfte würden ihre Sicherheitszonen in Libanon, Gaza und Syrien behalten. Trump schrieb im Wall Street Journal, der Deal enthalte eine Zusage Irans, keine Atomwaffen anzustreben — eine Formulierung, die Teheran seinerseits offenlässt.
Analysten von Trade Nation bringen es auf den Punkt: Der Ölpreisrückgang dürfte Notenbanker erleichtern — aber Anleger bleiben wachsam gegenüber dem Risiko, dass das fragile Abkommen in den kommenden Tagen noch kippen könnte. Die Rallye hat also einen Haken: Sie ist auf Sand gebaut, solange die Tinte unter dem Vertrag nicht trocken ist.
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