Die Finanzmärkte blicken gespannt auf die neuesten Beschäftigungszahlen aus den USA. Nach enttäuschenden Einzelhandelsdaten und einem eingefrorenen Arbeitsmarkt wächst die Erwartung, dass die Federal Reserve ihre Zinspolitik überdenken könnte. Gleichzeitig zeigen sich in anderen Teilen der Welt überraschende wirtschaftliche Entwicklungen – von Griechenlands Immobilienkrise über Pakistans optimistische Wachstumsprognosen bis hin zu dramatischen Kursausschlägen bei Edelmetallen.
Arbeitsmarkt unter der Lupe: Schwäche oder Atempause?
Der mit Spannung erwartete US-Arbeitsmarktbericht für Januar dürfte heute die Märkte bewegen. Ökonomen prognostizieren einen Zuwachs von 70.000 neuen Stellen – eine leichte Verbesserung gegenüber den mageren 50.000 im Dezember, aber weit entfernt von robustem Wachstum. Die Arbeitslosenquote soll bei 4,4 Prozent verharren, doch dahinter verbirgt sich eine beunruhigende Realität: Der Arbeitsmarkt bleibt eingefroren.
Die Schwäche hat strukturelle Ursachen. Saisonal sensible Branchen wie Einzelhandel und Lieferdienste stellten in der Vorweihnachtssaison deutlich weniger Personal ein als üblich, was im Januar traditionell zu massiven Entlassungen führt. Diesmal könnten die Verluste geringer ausfallen – nicht weil der Arbeitsmarkt gesünder wäre, sondern weil weniger zu entlassen ist. „Die zugrundeliegende Belastung des Arbeitsmarktes ist größer als die Arbeitslosenquote suggeriert“, warnt Diane Swonk, Chefökonomin bei KPMG. „Die Löhne kühlen ab, einen neuen Job zu finden wird schwieriger.“
Verschärft wird die Lage durch die restriktive Einwanderungspolitik der Trump-Administration. Die US-Bevölkerung wuchs im Jahr bis Juni 2025 nur um 0,5 Prozent – der schwächste Zuwachs seit Jahrzehnten. Kevin Hassett, Wirtschaftsberater des Weißen Hauses, räumte ein, dass das Beschäftigungswachstum in den kommenden Monaten gedämpft bleiben dürfte. Manche Ökonomen schätzen, dass die Wirtschaft nur noch 10.000 bis 50.000 neue Jobs pro Monat schaffen muss, um mit dem schrumpfenden Arbeitskräfteangebot Schritt zu halten.
Handelspolitik bremst Investitionsbereitschaft
Die unberechenbare Zollpolitik Washingtons hinterlässt Spuren weit über die Arbeitsmarktzahlen hinaus. Ford Motor musste im vierten Quartal einen operativen Verlust von 11,1 Milliarden Dollar verbuchen – der größte in der Unternehmensgeschichte. Allein 900 Millionen Dollar davon resultieren aus einer „unerwarteten“ Verzögerung bei einem Zollbefreiungsprogramm der Trump-Regierung. CFO Sherry House berichtete, Ford sei erst „sehr spät“ im Jahr 2025 über die Änderung informiert worden.
Unternehmen kämpfen mit ständig wechselnden Rahmenbedingungen. „Jedes Mal wenn sich Zölle ändern, müssen sie ihre Inputkosten neu berechnen“, erklärt Ron Hetrick, Arbeitsmarktökonom bei Lightcast. Diese Unsicherheit lähmt Investitionsentscheidungen und Neueinstellungen gleichermaßen. Trumps Drohungen gegenüber europäischen Verbündeten und sein plötzlicher Venezuela-Kurs schaffen zusätzliche Verunsicherung.
Dennoch zeigte sich Ford für das Gesamtjahr überraschend optimistisch: Der Autobauer prognostiziert ein operatives Ergebnis von rund 9 Milliarden Dollar – über den Erwartungen der Wall Street von 8,85 Milliarden. Der erwartete freie Cashflow von 5,5 Milliarden Dollar übersteigt die Analystenschätzungen deutlich.
Fed vor schwieriger Abwägung
Die schwachen Einzelhandelsdaten vom Dezember – Kernindikatoren stiegen nur um 0,1 Prozent – haben die Erwartungen an Zinssenkungen bereits angefacht. Nach Einschätzung des CME FedWatch Tools ist die Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung im April gestiegen, wobei die Märkte insgesamt mindestens zwei Senkungen um je 25 Basispunkte im Jahr 2026 einpreisen, die erste voraussichtlich im Juni.
Doch die Fed zögert. Beth Hammack, Präsidentin der Cleveland Fed, betonte, die Zentralbank sehe „keine Dringlichkeit“ für Zinsänderungen angesichts eines „vorsichtig optimistischen“ Wirtschaftsausblicks. Die fallenden Anleiherenditen nach den Einzelhandelsdaten signalisieren dennoch, dass die Märkte eine Konjunkturabkühlung erwarten – was tendenziell Edelmetallen wie Gold zugutekommt, die in Niedrigzinsumfeldern attraktiver werden.
Griechenland: Wenn Wachstum zur Last wird
Während die USA mit stagnierendem Wachstum kämpfen, zeigt sich in Griechenland ein paradoxes Phänomen: Die Wirtschaft boomt, doch viele Bürger werden abgehängt. Nach der verheerenden Finanzkrise 2009-2018 erholt sich das Land kräftig – das Wachstum liegt über dem EU-Durchschnitt, Bailout-Kredite werden vorzeitig zurückgezahlt, der Tourismus erreicht Rekordniveau.
Der Preis des Aufschwungs: explodierende Mieten. In Athen stiegen die Mieten zwischen 2019 und 2024 um über 50 Prozent – weit mehr als in Madrid (26 Prozent) oder Paris (14 Prozent). Gleichzeitig legten die Durchschnittslöhne nur um 27 Prozent zu. Die 28-jährige Kriminologin Eirini Syntihaki musste ihre geliebte Wohnung im Athener Zentrum aufgeben, als die chinesischen Eigentümer die Miete von 700 Euro – nahezu ihr gesamtes Einkommen – weiter erhöhen wollten. „Mit Schmerzen im Herzen verlasse ich ein Zuhause, das ich wirklich liebe“, sagt sie.
Die Wurzeln der Krise liegen in den Jahren der Sparmaßnahmen: Der Wohnungsbau kam völlig zum Erliegen. Laut einer Piraeus-Bank-Studie fehlen in Griechenlands Großstädten 180.000 Wohnungen. Verschärft wird der Mangel durch das seit 2014 geltende „Golden Visa“-Programm für ausländische Immobilienkäufer – 20.000 Objekte allein in Athen gingen so an Ausländer. Weitere 150.000 wurden in Ferienwohnungen umgewandelt.
Die Konsequenzen sind dramatisch: Erstmals fiel die Eigentumsquote 2024 unter 70 Prozent, von 77 Prozent im Jahr 2009. Griechen geben europaweit den höchsten Anteil ihres Einkommens für Wohnen aus, und mehr als 83 Prozent können nach Umfragen kein Geld sparen. „Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten beschränken sich nicht mehr auf niedrige Einkommen, sondern erfassen auch die Mittelschicht“, warnt das griechische Institut für Kleinunternehmen (IME).
Pakistan trotzt IWF-Skepsis
Am anderen Ende des Spektrums überrascht Pakistan mit Optimismus. Zentralbankgouverneur Jameel Ahmad erwartet ein Wirtschaftswachstum von bis zu 4,75 Prozent im laufenden Fiskaljahr – deutlich über der jüngsten IWF-Prognose, die nach unten korrigiert worden war. Die pakistanische Notenbank hat ihre Wachstumsprognose im Januar auf 3,75 bis 4,75 Prozent angehoben, trotz schrumpfender Exporte im ersten Halbjahr und wachsendem Handelsdefizit.
Ahmad argumentiert, die Erholung sei breiter angelegt als Exportdaten suggerierten. Der Exportrückgang reflektiere niedrige Weltmarktpreise und Grenzstörungen, nicht schwächere Aktivität. Die Industrieproduktion legte von Juli bis November um 6 Prozent zu, die Landwirtschaft erwies sich trotz Überschwemmungen als widerstandsfähig. Zudem hätten die kumulativen Zinssenkungen um 1.150 Basispunkte seit Juni 2024 die Finanzierungsbedingungen erheblich gelockert – die vollen Effekte würden erst noch durchschlagen.
Das Leistungsbilanzdefizit soll bei 0 bis 1 Prozent des BIP bleiben, da starke Rücküberweisungen das Handelsdefizit ausgleichen. Pakistan plant die Emission von Panda-Anleihen – auf Yuan lautende Schuldtitel am chinesischen Inlandesmarkt – um seine Finanzierungsbasis zu diversifizieren. Die Divergenz mit dem IWF kommt zu einem heiklen Zeitpunkt: Pakistan arbeitet sich gerade unter einem 7-Milliarden-Dollar-Programm aus einer Zahlungsbilanzkrise.
Edelmetalle profitieren von Unsicherheit
Gold und Silber legten deutlich zu, nachdem die schwachen US-Einzelhandelsdaten die Anleiherenditen drückten. Spot-Gold kletterte um 0,4 Prozent auf 5.047 Dollar je Unze, Silber gewann 1 Prozent auf 81,49 Dollar – eine Erholung nach einem Rückgang um über 3 Prozent am Vortag. Fallende Renditen senken die Opportunitätskosten für das Halten zinsloser Edelmetalle und signalisieren oft makroökonomische Bedingungen, die ihnen zugutekommen.
Indische Investoren stürzten sich im Januar auf Gold-ETFs, erstmals übertrafen die Zuflüsse jene in Aktienfonds – ein Zeichen für wachsende geopolitische Risikoaversion. Trotz jüngster Rückgänge von Rekordhochs Ende Januar bleiben die Edelmetallpreise volatil, gestützt durch Unsicherheit über Handelsbeziehungen und Zinspolitik.
Die kommenden Tage dürften entscheidend werden: Nach dem heutigen Arbeitsmarktbericht folgt am Freitag der Verbraucherpreisindex – beide Daten könnten den Pfad der Fed-Politik für das restliche Jahr maßgeblich beeinflussen. Die Märkte stehen bereit, auf jede Nuance zu reagieren.
