Der amerikanische Anleihemarkt gerät ins Wanken, und das Finanzministerium greift zu ungewöhnlichen Mitteln. Mit einem verdoppelten Rückkaufprogramm für langlaufende Staatsanleihen versucht Finanzminister Scott Bessent, steigende Renditen einzudämmen. Die Frage, die sich viele Investoren stellen: Reicht das, um einen Markt zu beruhigen, der zunehmend eigene Gesetze zu folgen scheint?
Am Mittwoch verkündete das Treasury überraschend, sein Rückkaufvolumen für Anleihen mit Laufzeiten zwischen zehn und 30 Jahren auf vier Milliarden Dollar pro Operation zu verdoppeln. Der Grund liegt auf der Hand: Die Renditen langlaufender US-Staatsanleihen waren zuletzt kräftig gestiegen, während die Gesamtverschuldung der USA am selben Tag die Marke von 40 Billionen Dollar überschritt. Bessent begründete den Schritt damit, dass die aktuellen Renditen die wirtschaftlichen Fundamentaldaten nicht widerspiegelten.
Warum die Renditen trotzdem weiter steigen
Der Effekt der Ankündigung hielt nicht lange an. Nach einem kurzen Rückgang zogen die Renditen bereits am Donnerstag wieder an. Bessent ließ in einem CNBC-Interview durchblicken, dass das Rückkaufprogramm noch weiter aufgestockt werden könnte – möglicherweise über die vier Milliarden Dollar pro Emission hinaus. „Wir wollen zeigen, dass die Renditen nicht die zugrunde liegenden Fundamentaldaten widerspiegeln“, so der Minister.
Hinter dem Renditeanstieg stecken mehrere Faktoren gleichzeitig. Zum einen konkurrieren die gewaltigen Investitionen in KI-Rechenzentren um Kapital, das sonst in Staatsanleihen fließen würde. Zum anderen wächst die Sorge um die Defizitentwicklung der USA. Die 30-jährige Rendite kletterte zuletzt auf das höchste Niveau seit 2007 – ein Signal, das Anleger nicht ignorieren können.
Bessent betonte, dass die Buyback-Maßnahme unabhängig von der Geldpolitik der Notenbank sei. Eine mögliche Zinserhöhung der Fed zur Inflationsbekämpfung „habe nichts mit der Entscheidung zu tun, die ich diese Woche zu den Rückkäufen angekündigt habe“. Gleichzeitig räumte er ein, dass sich Treasury und Fed bei Bilanzänderungen abstimmen würden – ein diplomatischer Balanceakt zwischen fiskalischer Eigenständigkeit und geldpolitischer Kooperation.
Die Fed beobachtet den Markt – und lässt ihn sprechen
Auf der anderen Seite der Notenbank meldete sich Mary Daly, Präsidentin der Fed von San Francisco, zu Wort. Sie sieht den Anleihemarkt selbst als wichtiges geldpolitisches Signal und keineswegs als Kontrollverlust. „Es gibt viele Diskussionen über unsere Glaubwürdigkeit dort. Ich sehe unsere Glaubwürdigkeit nicht in Gefahr“, sagte Daly gegenüber Bloomberg Television. Für präventive Zinsschritte – ob Senkung oder Erhöhung – sieht sie derzeit keine Dringlichkeit.
Bemerkenswert ist, dass Daly die steigenden Renditen teilweise positiv deutet: Sie könnten auch erhöhte Nachfrage nach KI-Produkten und entsprechender Infrastruktur widerspiegeln, statt nur Ausdruck von Inflationssorgen zu sein. Diese Einschätzung passt zum Bild, das sich auch anderswo zeigt – etwa in Mexiko, wo laut Notenbankprotokoll der KI-getriebene Technologie-Export mittlerweile fast ein Viertel der gesamten Ausfuhren ausmacht, verglichen mit unter fünf Prozent im Jahr 2024.
Fed-Chef Kevin Warsh hatte den Leitzins im Juli mit einer 9-zu-3-Entscheidung unverändert gelassen, wobei drei Notenbanker für eine Erhöhung stimmten. Warsh selbst betonte, die Fed solle sich an den Marktsignalen orientieren statt umgekehrt. Neuere Daten – moderatere Inflation, rückläufige Einzelhandelsumsätze und überraschende Jobverluste – haben den Druck für eine kurzfristige Zinserhöhung inzwischen gemindert. Die Wahrscheinlichkeit einer Zinsanhebung im September wird von Händlern nur noch auf rund 30 Prozent taxiert, nach über 70 Prozent Ende Juli.
Globale Ausstrahlung: Mexiko wartet lieber ab
Die Unsicherheit in Washington strahlt auch auf andere Notenbanken aus. Die mexikanische Zentralbank Banxico hielt ihren Leitzins Anfang August einstimmig bei 6,5 Prozent und signalisierte in den am Donnerstag veröffentlichten Protokollen, dass eine längere Zinspause angemessen sei – trotz sinkender Inflation. Die Kerninflation fiel auf 3,95 Prozent, doch die Dienstleistungsinflation verharrt seit Ende 2021 hartnäckig über vier Prozent, was die Rückkehr zum Drei-Prozent-Ziel der Bank nun erst für das vierte Quartal 2027 erwarten lässt.
Bemerkenswert: Die Protokolle verweisen explizit auf die unveränderte Federal-Funds-Rate der Fed zwischen 3,50 und 3,75 Prozent im Juli – Märkte preisen aber weiterhin eine mögliche Erhöhung im Verlauf des Jahres 2026 ein. Ein starker Peso, der seit Jahresbeginn knapp sechs Prozent zugelegt hat, dämpft immerhin den heimischen Preisdruck und verschafft Banxico zusätzlichen Spielraum zum Abwarten.
Fazit: Ein Markt zwischen Fundamentaldaten und Politik
Die Gemengelage bleibt vielschichtig. Bessent kämpft mit immer größeren Rückkäufen gegen Renditen an, die sich hartnäckig nach oben bewegen. Die Fed hält sich derweil bewusst zurück und lässt den Markt sprechen, statt ihn zu dominieren. Ob das Zusammenspiel aus Treasury-Interventionen und Fed-Zurückhaltung ausreicht, um die Renditekurve zu stabilisieren, dürfte sich erst in den kommenden Wochen zeigen – insbesondere wenn die nächsten Inflationsdaten und die Sitzung im September näherrücken. Für Notenbanken wie Banxico bedeutet die Unsicherheit in den USA vorerst eines: abwarten und die eigene Zinspause verlängern.
