Die Finanzmärkte stehen unter Schock: Nach einem historischen Urteil des Obersten Gerichtshofs der USA, das große Teile von Donald Trumps Zollpolitik für verfassungswidrig erklärt, herrscht maximale Unsicherheit. Der Präsident reagierte mit einem Wutausbruch gegen die Richter und kündigte überraschend einen pauschalen 15-Prozent-Zoll auf alle Importe an – mehr als ursprünglich geplant. Was wie eine Entspannung aussah, entwickelt sich zur nächsten Krise für Unternehmen, Investoren und Handelspartner weltweit.
Verfassungsrichter bremsen den Präsidenten aus
Das Supreme Court-Urteil vom Freitag markiert einen Wendepunkt: Mit 6:3 Stimmen entschieden die Richter, dass Trump mit seinem Notstandsgesetz IEEPA keine Befugnis zur Erhebung von Zöllen hat – etwas, das zuvor kein Präsident versucht hatte. Besonders brisant: Drei konservative Richter, darunter zwei von Trump selbst ernannte, stimmten gegen ihn. Chief Justice John Roberts formulierte unmissverständlich: „Die Macht, Zölle zu erheben, wie sie IEEPA dem Präsidenten gewährt, umfasst diese Befugnis nicht.“
Trump ließ keine Zurückhaltung erkennen. Er beschimpfte die Richter als „Narren“ und „Schoßhunde“ der Demokraten, die „unpatriotisch“ und „illoyal zur Verfassung“ handelten. Seine Behauptung, das Gericht sei von „ausländischen Interessen beeinflusst“ worden, sorgte für Entsetzen in juristischen Kreisen. Doch der Präsident reagierte nicht nur verbal: Binnen Stunden kündigte er zunächst einen 10-Prozent-Zoll an, korrigierte sich dann auf 15 Prozent – die Höchstgrenze nach einem alternativen Gesetz namens Section 122, das noch nie zuvor für Zölle genutzt wurde.
Märkte im Abwärtsstrudel
Die Reaktion der Finanzmärkte ließ nicht auf sich warten. Der Dollar fiel am Montag um 0,4 Prozent gegenüber dem Euro auf 1,1820 Dollar und verlor auch zum Schweizer Franken deutlich. Seit Beginn von Trumps zweiter Amtszeit hat die US-Währung fast 12 Prozent eingebüßt – entgegen den ursprünglichen Erwartungen vieler Analysten, die auf eine Dollar-Stärke durch Zölle gesetzt hatten. Stattdessen dominieren nun Sorgen über das Haushaltsdefizit und die Politik-Volatilität.
Europäische Aktienmärkte rutschten ins Minus, S&P-500-Futures verloren 0,8 Prozent, Nasdaq-Futures sogar ein Prozent. Die Ölpreise gaben um 0,6 Prozent nach, belastet durch Unsicherheit über die globale Nachfrage. „Das schwächt den Dollar, weil es potenziell das Wachstum außerhalb der USA begünstigt“, erklärte Sim Moh Siong, Währungsstratege bei OCBC Bank. Gleichzeitig warnte er: „Die langfristigen Auswirkungen sind unklar – ein Einnahmeverlust könnte die Finanzlage der USA verschlechtern.“
Das eigentliche Drama spielt sich am Anleihenmarkt ab. Schätzungen zufolge hat Washington bereits über 175 Milliarden Dollar durch die nun für illegal erklärten Zölle eingenommen. Mehr als 1.800 Klagen auf Rückerstattung sind bereits beim Handelsgericht eingereicht. Dan Siluk von Janus Henderson warnte: „Erstattungen bedeuten höhere Schuldenaufnahme. Das erhöht den Druck auf das lange Ende der Zinskurve.“ Die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen notierten bei 4,1 Prozent – deutlich unter den Höchstständen von 4,5 Prozent Mitte 2025, doch die Unsicherheit bleibt enorm.
Europa stoppt Handelsabkommen
Die Europäische Union reagierte umgehend: Nach Berichten von Bloomberg News wird die Ratifizierung des im vergangenen Sommer ausgehandelten Handelsabkommens mit den USA am Montag ausgesetzt. „Es gibt keine andere Option, als den Genehmigungsprozess zu verschieben, bis die Situation klarer wird“, sagte der Hauptverhandler der Europäischen Volkspartei. Die EU ist mit einem Anteil von 20,2 Prozent an den US-Importen der wichtigste Handelspartner Amerikas – allein zwischen Januar und Mai 2025 im Wert von 303 Milliarden Dollar.
Die Europäische Kommission forderte Washington auf, sich an die Vereinbarung zu halten: „Ein Deal ist ein Deal“, hieß es in einer scharfen Stellungnahme. Das Abkommen sah vor, dass die EU 15 Prozent Zoll auf die meisten Exporte in die USA erhebt und im Gegenzug Zölle auf US-Industriegüter abbaut. Die USA sollten dafür eine 50-prozentige Abgabe auf europäischen Stahl und Aluminium beibehalten. Doch diese Rechnung ist nun Makulatur.
EZB-Präsidentin Christine Lagarde warnte im CBS-Interview eindringlich: „Man will die Spielregeln kennen, bevor man ins Auto steigt. Das Gleiche gilt für Handel und Investitionen.“ Die erneute Unsicherheit werde Geschäfte stören, mahnte sie. „Unternehmen wollen handeln, nicht prozessieren.“ Der Vorsitzende des Handelsausschusses im EU-Parlament berief für Montag eine Dringlichkeitssitzung ein, auch EU-Botschafter kommen zusammen.
Widersprüchliche Signale aus Washington
Die Verwirrung ist perfekt: Trumps neuer 15-Prozent-Zoll gilt für 150 Tage und betrifft theoretisch alle Länder gleichermaßen – eine Bedingung der Section 122, die keine Diskriminierung zwischen Staaten erlaubt. Das bedeutet: Auch Großbritannien und Australien, die zuvor nur 10 Prozent zahlten, müssen nun mehr zahlen. China hingegen könnte von deutlich höheren Sätzen profitieren. Absurderweise fallen nun auch Russland und Nordkorea unter die 15 Prozent, obwohl sie zuvor von den Zöllen ausgenommen waren.
US-Handelsbeauftragte Jamieson Greer behauptete, keines der Länder mit bilateralen Vereinbarungen plane einen Rückzug. Finanzminister Bessent drohte sogar mit Embargos gegen Staaten, die bestehende Deals nicht einhalten – eine kaum vorstellbare Eskalation. Doch wie sollen Abkommen gelten, die auf inzwischen illegalen Zöllen basierten? Indien hat seinen Deal mit den USA bereits auf Eis gelegt.
Weiße-Haus-Sprecher versicherten, die effektiven Zollsätze würden sich nicht wesentlich ändern und bestehende Handelsvereinbarungen Bestand haben. Wie das technisch funktionieren soll, blieb unklar. Eine am Freitag veröffentlichte Liste mit Ausnahmen vom ursprünglichen 10-Prozent-Zoll könnte bereits überholt sein. „Es ist unmöglich zu planen“, klagte Gregory Daco, Chefökonom bei EY-Parthenon. „Erst heißt es, die Zölle sind weg. Stunden später sind es 10 Prozent. Am nächsten Tag 15 Prozent. Ohne stabilen Rahmen leiden Aktivität, Einstellungen und Investitionen.“
Rechtliche Hängepartie und fiskalische Risiken
Die juristische Schlacht hat gerade erst begonnen. Das Supreme Court traf keine Entscheidung über Rückerstattungen, was Jahre an Rechtsstreitigkeiten nach sich ziehen dürfte. Bernard Yaros von Oxford Economics schätzt, dass die effektive Zollrate von 12,7 auf 8,3 Prozent fällt – ohne die neuen 15 Prozent einzurechnen. „Jeder kurzfristige wirtschaftliche Schub durch niedrigere Zölle wird wahrscheinlich durch anhaltende Unsicherheit kompensiert“, warnte er.
Das Congressional Budget Office hatte zuvor geschätzt, dass Trumps Zölle über das nächste Jahrzehnt jährlich 300 Milliarden Dollar einbringen würden. Diese Einnahmen sind nun gefährdet. Gene Goldman von Cetera Investment Management sieht den Anleihenmarkt vor der größten Herausforderung: „Rückerstattungen bei gleichzeitig anderen Konjunkturpaketen bedeuten höhere Emissionen.“ Alberto Conca von LFG+ZEST in Lugano warnte: „Märkte fokussieren sich auf kurzfristig niedrigere Inflation und schnellere Zinssenkungen. Das ist kurzsichtig – das ohnehin enorme Defizit wächst, die Zinskurve müsste deutlich steiler werden.“
Morgan Stanley-Analysten zeigten sich gelassener: Trump werde Ersatz für die Zölle finden, etwaige Mehrfinanzierung erfolge über kurzfristige Treasury Bills. Doch auch sie räumten ein: Die Unsicherheit ist zurück.
Hoffnungsschimmer aus Deutschland
Inmitten des globalen Chaos sorgte eine Nachricht für Aufatmen: Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hellte sich im Februar überraschend stark auf. Der Ifo-Geschäftsklimaindex stieg auf 88,6 Punkte, den höchsten Stand seit August. „Die deutsche Wirtschaft zeigt erste Anzeichen einer Erholung“, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest. Unternehmen bewerteten ihre aktuelle Lage besser, die Erwartungen hellten sich ebenfalls auf.
„Angesichts des starken Auftragseingangs in der Industrie war ein Anstieg des Ifo-Geschäftsklimas überfällig“, kommentierte Sebastian Wanke von der KfW. Deutsche Industrieaufträge waren im Dezember unerwartet gestiegen – der stärkste Zuwachs seit zwei Jahren. Robin Winkler, Deutschland-Chefvolkswirt der Deutschen Bank, sah „zunehmend klare Zeichen, dass die Wirtschaft an Dynamik gewinnt.“
Doch Carsten Brzeski von ING dämpfte die Euphorie: „Die erneute Zoll-Unsicherheit nach dem US-Politikwechsel, ein stärkerer Euro und das jüngste Winterwetter bilden eine lange Liste potenzieller Abwärtsrisiken.“ Der Ifo-Index zeige, „wie ein schöner, anständiger zyklischer Aufschwung aussehen könnte“ – doch ob er sich materialisiert, bleibt fraglich.
Nvidia im Zentrum der Aufmerksamkeit
Während die Zoll-Saga tobt, richtet sich der Blick der Anleger auf Mittwoch: Dann präsentiert Nvidia seine Quartalszahlen. Der wertvollste Konzern der Welt gilt als Gradmesser für die KI-Euphorie, die 2024 und 2025 die Märkte beflügelte. Analysten erwarten für das vierte Geschäftsquartal einen Gewinnsprung von 71 Prozent auf 65,9 Milliarden Dollar Umsatz. Für das laufende Jahr reichen die Schätzungen von 6,28 bis 9,68 Dollar Gewinn pro Aktie – eine enorme Spannbreite, die die Unsicherheit über KI-Investitionen widerspiegelt.
Optionsmärkte preisen eine Kursbewegung von mindestens sechs Prozent in beide Richtungen ein. Software-Aktien, darunter Salesforce und Intuit, die ebenfalls diese Woche berichten, stehen unter Druck: Investoren fürchten, dass KI traditionelle Geschäftsmodelle erschüttert. Die „Magnificent Seven“-Technologieriesen haben 2026 bislang Schwäche gezeigt – ein Kontrast zum kometenhaften Aufstieg seit dem ChatGPT-Start Ende 2022.
Was kommt als Nächstes?
Die Finanzmärkte befinden sich in einer Warteschleife. Trumps 15-Prozent-Zoll läuft nach 150 Tagen aus – dann benötigt er die Zustimmung des Kongresses für eine Verlängerung. Doch wie Analysten von ING warnten, könnte der Präsident die Abgabe einfach auslaufen lassen, einen neuen Notstand erklären und die 150-Tage-Frist neu starten – „de facto ein permanentes Zoll-Instrument.“
China forderte Washington auf, „einseitige Zollmaßnahmen“ aufzuheben, die „gegen internationales Handelsrecht und US-Gesetz verstoßen“. Die Schweiz bereitete sich darauf vor, dass US-Zölle dauerhaft bleiben könnten. „Die US-Regierung bleibt ihren handelspolitischen Zielen verpflichtet: das Handelsdefizit reduzieren, größere Gegenseitigkeit erreichen, Produktion zurückholen“, sagte Helene Budliger Artieda, Leiterin des Schweizer Staatssekretariats für Wirtschaft.
Der Dollar-Rutsch könnte sich fortsetzen, wenn die Unsicherheit anhält. Jason Wong von BNZ in Wellington brachte es auf den Punkt: „Diese Entscheidung ist ein weiterer Schlag gegen Trumps Macht – das ist positiv für Märkte. Aber es gibt so viele Faktoren, so viele bewegliche Teile. Es ist nicht handelbar.“ Das dürfte spannend werden – aber für Anleger, Unternehmen und Verbraucher ist es vor allem eins: nervenaufreibend.
