Die Finanzmärkte erleben turbulente Zeiten. Während US-Präsident Donald Trump in seiner historisch längsten State-of-the-Union-Rede neue Rentenversprechen machte und seine Zollpolitik verteidigte, gerät der japanische Yen unter massiven Druck. Gleichzeitig sorgen politische Einmischungsversuche in die Geldpolitik der Bank of Japan für Unruhe – und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem Investoren weltweit nach Stabilität suchen.
Japans gefährliches Spiel mit der Unabhängigkeit
Der Yen rutschte am Mittwoch auf ein Zwei-Wochen-Tief von 156,28 zum Dollar, nachdem die japanische Zeitung Mainichi berichtete, Premierministerin Sanae Takaichi habe Zentralbankchef Kazuo Ueda bei einem Treffen ihre Vorbehalte gegen weitere Zinserhöhungen mitgeteilt. Die Regierung nominierte kurz darauf die Akademiker Toichiro Asada und Ayano Sato für den Vorstand der Bank of Japan – beide gelten als ausgeprägte Reflationisten.
„Sato-san ist eine ausgewiesene Reflationistin. Sie sagte, ein schwacher Yen sei gut für die japanische Wirtschaft und die Regierung könne mehr Anleihen ausgeben“, erklärt Tohru Sasaki, Chefstratege der Fukuoka Financial Group und ehemaliger BOJ-Mitarbeiter. „Asada-san unterstützt aggressive Staatsausgaben und Modern Monetary Theory. Diese Entscheidungen spiegeln die reflationistischen Tendenzen des Takaichi-Kabinetts wider.“
Die Märkte reagierten prompt: Katsutoshi Inadome von Sumitomo Mitsui Trust Asset Management erwartet eine Twist-Steepening-Bewegung der Zinskurve. „Kurzfristige Anleiherenditen werden fallen, da die Wetten auf BOJ-Zinserhöhungen zurückgehen, während das ultralange Ende steigt, da die Inflationserwartungen wachsen.“
Doch nicht alle sehen dramatische Veränderungen voraus. Jesper Koll von Monex Group meint: „Takaichiʼs Wahl bestätigt ihren Fokus auf Pragmatismus statt Ideologie. Wenn überhaupt stärkt diese Wahl den eisernen Griff, den Gouverneur Ueda auf die BOJ hat.“
Trumps Rekordrede ohne klare Antworten
Eine Stunde und 48 Minuten – so lange dauerte Trumps State of the Union, die längste in der US-Geschichte. Der Präsident prahlte mit 53 Börsenrekorden seit seinem Wahlsieg im November 2024 und kündigte an, die Regierung werde künftig bis zu 1.000 Dollar pro Jahr zu den Rentensparkonten von Arbeitnehmern beisteuern, die keine arbeitgeberfinanzierten Pläne haben.
„Weil die Börse so gut gelaufen ist und all diese Rekorde aufgestellt hat, sind eure 401k-Konten deutlich gestiegen“, verkündete Trump. Jake Dollarhide, CEO von Longbow Asset Management, sieht in staatlich finanzierten Rentenbeiträgen Potenzial für weitere Börsengewinne.
Doch was Investoren wirklich hören wollten, blieb aus: Klarheit zur Zollpolitik. Nachdem der Supreme Court Trumps Notstandszölle vergangene Woche kassiert hatte, kündigte der Präsident zunächst 10-prozentige Ersatzzölle für 150 Tage an, erhöhte diese dann auf 15 Prozent – um sie letztlich bei 10 Prozent in Kraft treten zu lassen.
„Leute suchten wahrscheinlich nach etwas Definitivem zu den Zöllen, und ich bin nicht sicher, ob wir das bekommen haben“, kommentierte Karen Jorritsma von RBC Capital Markets. Trump beharrte in seiner Rede darauf, dass „fast alle“ Länder und Unternehmen an früheren Zoll- und Investitionsvereinbarungen festhalten wollen – und versprach, die Zölle würden „das moderne Einkommensteuersystem substanziell ersetzen“.
Währungsmärkte in Aufruhr
Während der Yen schwächelte, legte der chinesische Yuan seinen beeindruckenden Aufstieg fort. Mit einem Plus von fast 7 Prozent in zehn Monaten erreichte er am Dienstag 6,8766 zum Dollar – den höchsten Stand seit fast drei Jahren. Goldman Sachs sieht die fundamentalen Treiber intakt: „Die tiefe Unterbewertung der Währung zu Beginn und die bemerkenswerte Stärke des Exportsektors bleiben sehr präsent.“
Der australische Dollar gewann 0,3 Prozent auf 0,7074 Dollar, nachdem höhere Inflationsdaten das Risiko von Zinserhöhungen erhöhten. Bob Savage von BNY Mellon warnt bezüglich des Yen: „Eine Intervention gemeinsam mit den USA bleibt eine Bremse gegen die 160er-Marke für den JPY und gegen größere Volatilität.“
Geopolitische Spannungen im Hintergrund
Abseits der Handels- und Währungsfragen sorgen geopolitische Entwicklungen für zusätzliche Nervosität. Die ukrainische Botschafterin in den USA, Olha Stefanishyna, bestätigte, dass das US-Außenministerium Kiew formal aufgefordert habe, amerikanische Interessen bei Angriffen auf russische Energieinfrastruktur nicht zu treffen – nachdem Attacken auf den russischen Hafen Noworossijsk US-Interessen in Kasachstan beeinträchtigten.
„Wir haben vom Außenministerium gehört, dass wir davon Abstand nehmen sollten, amerikanische Interessen anzugreifen“, erklärte Stefanishyna und betonte, die Botschaft habe sich nicht auf ukrainische Angriffe auf russische Militär- und Energieinfrastruktur generell bezogen.
Regulierungsbehörden unter Druck
Während die Märkte schwanken, ringt die Trump-Administration auch an anderen Fronten. Bundesrichter am Berufungsgericht in Washington zeigten sich skeptisch gegenüber Regierungsargumenten, Gerichte hätten keine Befugnis, die Massenentlassungen bei der Consumer Financial Protection Bureau zu blockieren. Die Verbraucherschutzbehörde liegt seit Februar 2025 praktisch auf Eis.
Die SEC aktualisierte unterdessen ihr Durchsetzungshandbuch und räumt Untersuchungssubjekten künftig vier statt zwei Wochen Zeit ein, auf Wells Notices zu reagieren – ein Zugeständnis an Forderungen nach mehr Transparenz.
Ausblick: Unsicherheit bleibt bestimmend
Obwohl der S&P 500 in den 400 Tagen seit Trumps zweiter Amtseinführung im Januar 2025 um 13 Prozent zulegte, stagniert der Index 2026 bislang. Wall Street hinkt internationalen Börsen hinterher, der Dollar notiert nahe seiner 2022er-Tiefs.
Sam Stovall, Chefanlagestratege bei CFRA, bringt die Stimmung auf den Punkt: „So wie die Winterstürme im Nordosten die Schneehaufen auf den Straßen vergrößert haben, fürchte ich, dass diese Rede einfach nur das Angstniveau am Markt erhöhen wird.“ Die überfüllte politische Agenda mache „alles etwas weniger vorhersehbar“.
Anleger dürften weiterhin zwischen Hoffnung auf Trumps angekündigte Wirtschaftsstärke und der Realität wachsender Unsicherheiten hin- und hergerissen bleiben. Kein Wunder also, dass viele nach Stabilität suchen – und diese nirgendwo finden.
