Ein Patiententod stoppt eine Phase-III-Studie, eine KPMG-Prüfung gerät ins Visier der Aufsicht, und ein Restrukturierungsprogramm verschlingt dreistellige Millionenbeträge. Die Woche im europäischen Biotech-Sektor hat gezeigt, wie schnell sich Risiken materialisieren — und wie unterschiedlich Unternehmen darauf reagieren.
Evotec: Horizons hoher Preis
Quartalszahlen unter Restrukturierungslast
Evotec hat im ersten Quartal 2026 die Rechnung für den Umbau präsentiert. Der Konzernumsatz fiel um 21,7 % auf 156,6 Millionen Euro, belastet durch den Wegfall einer großen Sandoz-Lizenz aus dem Vorjahr und anhaltend schwache Nachfrage im frühen Entwicklungsgeschäft. Noch schwerer wiegt die Ergebnisseite: Eine Restrukturierungsbelastung von 75 Millionen Euro unter dem „Horizon“-Programm trieb den operativen Verlust auf 121,4 Millionen Euro.
Das Management hat 2026 ausdrücklich als Übergangsjahr deklariert. Horizon soll das globale Standortnetz auf zehn Standorte verschlanken, Kompetenzzentren schaffen und bis 2027 rund 75 Millionen Euro an jährlichen Einsparungen liefern. Die Gesamtkosten der Transformation beziffert Evotec auf etwa 100 Millionen Euro bis 2028.
Partnerschaften stützen die Bilanz
Trotz der Verluste bleibt die Liquiditätsposition mit 444,8 Millionen Euro solide. Neue Partnerschaften — darunter ein BARDA-Projekt zu Ebola-Antikörpern, eine Gates-Foundation-Initiative zu monoklonalen Antikörpern und ein 10-Millionen-Dollar-Meilenstein von Bristol Myers Squibb — liefern operative Substanz. Zusätzlichen Spielraum verschafft der erwartete Verkauf der Tubulis-Beteiligung an Gilead, der rund 100 Millionen Dollar an Vorauszahlung plus bis zu 58 Millionen Dollar an Meilensteinen einbringen soll.
Die Aktie notiert bei 5,31 Euro und hat sich damit rund 28 % von ihrem Jahrestief im März entfernt. Die Jahresprognose wurde bestätigt: 700 bis 780 Millionen Euro Umsatz und ein bereinigtes EBITDA zwischen null und 40 Millionen Euro. Eine breite Spanne, die die Unsicherheit über das Tempo der Einsparungen widerspiegelt. Parallel prüft der Vorstand mit Morgan Stanley und Moelis strategische Optionen für Portfolio und Kapitalstruktur.
Newron SpA: FDA-Stopp für die wichtigste Studie
Klinischer Hold nach Todesfall
Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat die Aufnahme neuer Patienten an amerikanischen Studienzentren der Phase-III-Studie ENIGMA-TRS 2 gestoppt. Auslöser war der plötzliche Tod eines Studienteilnehmers an einem Standort außerhalb der USA. Newron stuft den Todesfall als nicht behandlungsbedingt ein. Das unabhängige Sicherheitskomitee empfahl die Fortsetzung der Studie.
Evenamide, der Wirkstoff hinter ENIGMA-TRS 2, ist ein Natriumkanal-Blocker und Glutamat-Modulator — ein potenziell erster Zusatztherapie-Ansatz für behandlungsresistente Schizophrenie. Bislang ist mit Clozapin nur ein einziges Medikament für diese Indikation zugelassen. Der kommerzielle Anreiz ist also enorm.
Studienprogramm läuft außerhalb der USA weiter
ENIGMA-TRS 1, die parallel in 21 Ländern laufende Studie, hat bereits mehr als 400 Patienten eingeschlossen und läuft planmäßig. Für ENIGMA-TRS 2 liegen Genehmigungen in Argentinien und Indien vor; Kolumbien und Malaysia stehen kurz vor der Zulassung. Newron arbeitet mit der FDA an der Bereitstellung zusätzlicher Sicherheitsdaten, um den Hold aufzuheben. Die primären Endpunktdaten nach zwölf Wochen erwartet das Unternehmen weiterhin im vierten Quartal 2026.
Die Aktie steht bei 14,70 Euro — ein Minus von rund 45 % seit Jahresbeginn. Die extrem weite Handelsspanne der vergangenen zwölf Monate unterstreicht, wie binär der Risikocharakter dieses Titels bleibt. Alles hängt davon ab, ob die FDA den Todesfall als behandlungsrelevant einstuft oder nicht.
Gerresheimer: Bilanzskandal eskaliert auf mehreren Fronten
APAS nimmt KPMG ins Visier
Der Düsseldorfer Verpackungsspezialist steckt in einer sich ausweitenden regulatorischen Krise. Die Abschlussprüferaufsichtsstelle APAS hat ein berufsrechtliches Ermittlungsverfahren gegen KPMG eingeleitet. Im Zentrum stehen rund 35 Millionen Euro an sogenannten Bill-and-Hold-Transaktionen, bei denen Gerresheimer Kunden Rechnungen stellte, die Ware aber nicht auslieferte — und dennoch Umsätze verbuchte. KPMG hatte den Jahresabschluss 2024 uneingeschränkt testiert.
Parallel prüft die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) Schadenersatzansprüche gegen den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Dietmar Siemssen und Ex-Finanzchef Bernd Metzner. Auch der Prüfungsausschuss des Aufsichtsrats steht unter Beobachtung. Die DSW erwägt die Einschaltung eines Prozesskostenfinanzierers.
Finanzkalender auf Eis, Gläubiger gewähren Aufschub
Der Geschäftsbericht 2025 wird frühestens im Juni vorliegen. Quartalsbericht und Hauptversammlung sind auf unbestimmte Zeit verschoben. Immerhin: 96 % der Gläubiger von Schuldscheindarlehen über 870 Millionen Euro haben einer Laufzeitverlängerung bis Ende September zugestimmt. Die Banken setzen zudem vorübergehend Finanzkennzahlen-Klauseln aus.
Übernahmeangebot abgelehnt, Centor-Verkauf läuft
Ein informelles Übernahmeangebot des US-Konkurrenten Silgan über 41 Euro je Aktie hat das Management im April abgelehnt. Stattdessen setzt Gerresheimer auf einen eigenständigen Turnaround. Der Verkauf der US-Tochter Centor, begleitet von Morgan Stanley, hat bereits eine zweistellige Zahl an Interessenten angezogen.
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Die Aktie hat sich kräftig erholt: Mit einem Plus von rund 57 % auf Monatssicht notiert sie bei 28,04 Euro und damit erstmals wieder über dem 200-Tage-Durchschnitt. Für 2026 stellt das Unternehmen weiterhin bis zu 2,4 Milliarden Euro Umsatz und eine bereinigte operative Marge von rund 18 % in Aussicht — unter dem Vorbehalt eines positiven BaFin-Ausgangs und erfolgreicher Kreditverhandlungen.
Redcare Pharmacy: Umsatzmaschine ohne Gewinn
E-Rezept treibt das Rx-Geschäft
Redcare Pharmacy ist mit einem Umsatzplus von 18,4 % ins Jahr gestartet. Besonders beeindruckend: Das Rezeptgeschäft in Deutschland wuchs um 55 %. Der Net Promoter Score für E-Rezepte stieg auf 76, die aktive Kundenbasis erreichte 14,2 Millionen.
Das bereinigte EBITDA verbesserte sich um 58 % auf 14,4 Millionen Euro. Die Marge legte um 0,4 Prozentpunkte auf 1,7 % zu. Unter dem Strich steht allerdings weiterhin ein Nettoverlust von 10,5 Millionen Euro bei einem Quartalsumsatz von 849,5 Millionen Euro. Profitabilität bleibt die große Baustelle.
Wettbewerb im OTC-Segment verschärft sich
Die Drogeriekette dm ist mit ihrer Plattform „dm-med“ in den Online-Apothekenmarkt eingestiegen. Rossmann hat den Aufbau einer eigenen Online-Apotheke als Kernprojekt für dieses Jahr angekündigt, verzichtet aber auf verschreibungspflichtige Medikamente. Genau hier liegt Redcares struktureller Schutzwall: Im deutschen Online-Rezeptmarkt hält das Unternehmen einen Marktanteil von 67 %.
Die Jahresprognose wurde bestätigt:
- Gesamtumsatzwachstum von 13 % bis 15 %
- Rx-Umsatz in Deutschland über 670 Millionen Euro
- Non-Rx-Umsatzwachstum von 8 % bis 10 %
- Bereinigte EBITDA-Marge von mindestens 2,5 %
Bei einem Kurs von 46,58 Euro liegt die Aktie gut 63 % unter ihrem Jahreshoch. Der Analystenkonsens sieht ein Zwölf-Monats-Kursziel von 76,39 Euro — eine deutliche Diskrepanz zum aktuellen Niveau, die aber nachhaltige Margenverbesserung voraussetzt.
Onco-Innovations: GSK-Partnerschaft als Glaubwürdigkeitssprung
Zusammenarbeit bei Real-World-Daten
Über die Tochter Inka Health hat Onco-Innovations eine Forschungskooperation mit GlaxoSmithKline gestartet. Ziel ist die Entwicklung datengetriebener Methoden, um Ergebnisse onkologischer Studien auf breitere Patientengruppen, Regionen und Versorgungssettings übertragbar zu machen. Inka Health bringt Expertise in maschinellem Lernen und kausaler Inferenz ein.
Für einen Micro-Cap, der bis vor Kurzem außerhalb von Spezialistenkreisen kaum bekannt war, ist die Kooperation ein erheblicher Glaubwürdigkeitsgewinn. Inka Health hat zudem über eine separate Vereinbarung mit OneMedNet Zugang zu US-Onkologiedaten gesichert — basierend auf Palantirs Technologieplattform.
Pipeline: ONC010 vor Phase-I-Start
Im klinischen Bereich arbeitet Onco-Innovations an PNKP-Inhibitoren und hat bereits ein Pre-IND-Treffen mit der FDA angesetzt. Eine First-in-Human-Studie für den Darmkrebs-Kandidaten ONC010 ist für 2026 in Australien geplant. Dieser Meilenstein wird für die Aktie richtungsweisend sein.
Der Kurs steht bei 0,57 Euro nach einem Tagesverlust von über 19 %. Die annualisierte 30-Tage-Volatilität von knapp 145 % macht Onco-Innovations zum mit Abstand spekulativsten Wert in dieser Übersicht. Die GSK-Partnerschaft liefert institutionelle Validierung — aber ohne greifbare klinische Fortschritte bleibt die Aktie ein hochriskantes Investment.
Drei Krisen, zwei Katalysatoren — und ein entscheidendes zweites Halbjahr
Die fünf Titel zerfallen in zwei Lager. Evotec, Gerresheimer und Newron kämpfen mit Restrukturierung, Bilanzskandal beziehungsweise klinischem Hold — bei allen dreien wird die zweite Jahreshälfte zur Bewährungsprobe. Redcare und Onco-Innovations bauen dagegen Momentum auf, wenn auch auf sehr unterschiedlichem Niveau.
Was alle fünf verbindet: die Kosten des Übergangs. Bei Evotec sind es die Horizon-Belastungen, bei Gerresheimer die regulatorischen und juristischen Risiken, bei Newron die FDA-Ungewissheit. Redcare muss Umsatzwachstum endlich in nachhaltige Gewinne umwandeln, und Onco-Innovations steht vor der Aufgabe, aus einer Datenpartnerschaft echte klinische Substanz zu formen.
Die entscheidenden Termine stehen bevor: Gerresheimers Geschäftsbericht im Juni, Newrons FDA-Antwort und Endpunktdaten im vierten Quartal, Evotecs strategische Optionsprüfung — und Onco-Innovations‘ Phase-I-Start in Australien. Wer diese Hürden nimmt, dürfte aus einem schwierigen Jahr gestärkt hervorgehen. Wer scheitert, riskiert eine noch tiefere Neubewertung.
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